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Die lange Nacht am Tresen
Die lange Nacht am Tresen
25.02.2019 - 00:00 Uhr
Von Joachim Eiermann

Was für ein alkoholgeschwängerter Abend! China Moses kippt im Festspielhaus Baden-Baden die Whiskeys runter wie Wasser. Nicht etwa aus Frust, sondern praller Lebenslust. Und natürlich nicht in echt, sondern nur bildlich in ihren Liedtexten und Ansagen, die von langen Nächten in Bars und Kneipen erzählen. Das Ganze gemixt mit Hochprozentigem der hr-Bigband, ergab ein scharfes Gebräu für die Ohren.

Die Nachteule, eine 41-jährige US-Amerikanerin, die es vorzieht, in Paris zu leben, ist im Nachbarland als TV-Moderatorin und Sängerin recht bekannt - ein Faktor, dem es wohl zu verdanken ist, dass sich bei einem Jazzkonzert an der Oos erfreulicherweise auch mal wieder ein Teil der oberen Ränge füllt. China Moses hat auf ihrem jüngsten Album, das sie sinnigerweise "Nightingales" (Nachtigallen) betitelt hat, erstmals durchweg Songs aus eigener Feder vorgelegt, bei denen sich Rhythm'n'Blues, Jazz, Soul und Pop begegnen.

Bereits ein Jahrzehnt zurück liegt ihre Ehrerbietung an eine der ganz großen Stimmen des Vocal-Jazz: Dinah Washington, die bereits 39-jährig verstarb und, was China Moses belustigt erzählt, in dieser kurzen Zeit sieben Ehemänner verschliss. Die Bigband stimmt den Tributsong "Dinah's Blues" an. Moses' Spirit fesselt und geht unter die Haut. Zumal ihr Großvater in der Band Dinah Washingtons die Trompete blies.

Ihre Mutter ist eine auch nicht gerade unbedeutende Jazzsängerin, die ebenfalls schon im Festspielhaus Spuren hinterließ: Dee Dee Bridgewater. Beide eint ein unbändiges Temperament und auch eine gute Portion Selbstbewusstsein. Die Tochter verfällt gegenüber dem hochkarätig besetzten und traditionsreichen Jazzorchester des Hessischen Rundfunks nicht etwa in ehrfürchtigem Respekt, sondern macht die hr-Bigband vielmehr zu ihrer Boygroup.

Im Wechsel mit dem Gastdirigenten Magnus Lindgren, einem schwedischen Jazzsaxofonisten und -flötisten (demnächst wieder bei "Mr. M's" zu Besuch), sagt sie radebrechend die für beide teils schwierig auszusprechenden Namen der 18 Musiker an. Darunter auch zwei, die aus der Region stammen: Pianist Peter Reiter (Rastatt) und Trompeter Thomas Vogel (Waldulm). Ihre Ansagen hält sie auf Englisch, denn Deutsch habe sie nur ein paar Schuljahre lang gelernt und das mit starkem französischem Akzent. Eine Kostprobe gibt sie nicht - noch nicht.

China Moses hat nichts von dem Divenhaften, das Jazzsängerinnen inflationär nachgesagt wird. Topfit tänzelt sie mit hohen Hacken und knielangem Faltenrock über die Bühne und wickelt das Publikum mit ihrer ausdrucksstarken, variablen Altstimme und ihrem ansteckenden Wesen um den kleinen Finger. Bei "Watch out" singen die Reihen lauthals die von ihr geforderten "Heys" und "Hohs" mit. Mit dem funky Fetzer "Runnin'" reißt das Energiebündel die Besucher schließlich von den Sitzen.

Als das stampfende Jazzgospel "On Revival Day" ausklingt, gerät sie bei der Folgeansage fast außer Atem. Wen wundert's, da dieser fordernde Kirchgang nach einer langen Nacht am Tresen und nur einer Stunde Schlaf erfolgt sein soll. Der 41-Jährigen, die während des Konzerts nur Wasser trinkt, mag man vorwerfen, dass sie mit dem Verruchten allein kokettiert. Ihre Lieder über Liebe, Laster und Leidenschaft besitzen jedoch Format. So auch das fantastische "Put it on the Line", live mit einem langen erzählerischen Intro, untermalt von perlenden Bassläufen Hans Glawischnigs.

Der Trompeter Axel Schlosser hat unter den hr-Solisten gleich mehrfach Gelegenheit, die Grundstimmung der Songs improvisatorisch auszuloten. Auch Peter Reiter kommt zu zwei inspirierten Soli am Piano. Weitere Highlights setzen Gitarrist Martin Scales, die Posaunisten Christian Jaksjö, Günter Bollmann, die Saxer Tony Lakatos, Heinz-Dieter Sauerborn und Schlagzeuger Jean Paul Hochstädter.

Nach einer feinen Reminiszenz an Billie Holiday vor der Pause - B.B. Kings "Ain't nobody's Business if I do" in kleiner Bandbesetzung mit schwelgender Klarinette (Oliver Leicht) - packen der bestens disponierte Funktrupp und seine Gastsolistin bei der Zugabe eine weitere Überraschung drauf: "Mack the Knife". China Moses singt die Moritat aus der "Dreigroschenoper" auf Deutsch - charmant, mit ein wenig französischem Akzent.

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