"Gemäßigt - und im Zweifel liberal"
'Gemäßigt - und im Zweifel liberal'
08.03.2019 - 00:00 Uhr
Baden-Baden/Ötigheim - Unverhofft kommt oft, weiß der Volksmund. Und Alexander Becker weiß es jetzt auch. Vor wenigen Wochen traf es den 1972 in Karlsruhe geborenen und in Ötigheim aufgewachsenen Musikwissenschaftler, der 1991 am Tulla-Gymnasium in Rastatt sein Abitur abgelegt hat, recht unvermittelt, als er erfuhr, dass er für die designierte Regierungspräsidentin Sylvia Felder in den Stuttgarter Landtag nachrücken darf.

Erwartet hat es der CDU-Zweitkandidat für den Wahlkreis Rastatt, der sein berufliches Auskommen im Karlsruher Max-Reger-Institut gefunden hat, auf jeden Fall nicht, wie er im Gespräch mit BT-Redakteur Dieter Giese berichtet. Der verheiratete Vater zweier Söhne (vier und sechs Jahre alt) hatte sich 2015 als Zweitkandidat beworben, auch um die Situation im Kreisverband nach einer damaligen Kampfabstimmung zu befrieden.

BT: Herr Becker, haben Sie den plötzlichen politischen Aufstieg schon verarbeitet?

Alexander Becker: Ja, sicher. Aber klar ist: Es kam für mich sehr plötzlich. Ich habe einen Anruf bekommen von Sylvia Felder - aus der CDU-Fraktionssitzung heraus. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt auch nicht mit der Entscheidung gerechnet, sagte sie mir. Im Ernst habe ich auch bei der Nominierung vor vier Jahren damit nicht gerechnet, damals ging es ja um ganz andere Dinge. Ich habe mich an den Gedanken, Landtagsabgeordneter zu werden, gewöhnt, aber es gibt zurzeit wahnsinnig viel zu organisieren. Das fängt damit an, dass ich künftig ein Büro in Stuttgart und ein Büro im Wahlkreis habe. Und ich muss mir selber auch Abläufe zurechtlegen.

Interview

BT: Sie werden Ihr Wahlkreis-Büro in Rastatt einrichten?

Becker: Das habe ich vor. Ich bin da noch in Gesprächen. Es ist schon verrückt: Der 1. April ist ja schließlich bald. Beim ersten Anruf aus Stuttgart war übrigens zunächst von Mitte März die Rede.

BT: Ganz unbeleckt, was die politische Arbeit angeht, sind Sie aber ja wahrlich nicht. Sie blicken auf eine sehr kontinuierliche politische Karriere in der CDU der Region zurück. Können Sie das alles mal kurz und kompakt zusammenfassen?

Becker: Klar, ich habe politisch schon sehr viel gemacht. Ich war zweimal Kreisvorsitzender der Jungen Union, später CDU-Kreisvorsitzender, ich war 18 Jahre lang im Gemeinderat Ötigheim, und bin schon zum vierten Mal Zweitkandidat des CDU-Europaabgeordneten Daniel Caspary. Ich war im Landesvorstand der Jungen Union und zehn Jahre im Bezirksvorstand der CDU. Da hat man sicher eine ungefähre Vorstellung, was auf einen zukommt, wenn man ein Mandat antreten darf. Was es konkret bedeutet, das wird sich wie bei vielem im Leben dann zeigen, wenn man drin ist.

BT: Eine Zwischenfrage: Sie sind ja auch Zweitkandidat für Daniel Caspary. Was machen Sie, wenn sich auch in diesem Fall etwas ändert?

Becker: Diese Frage stellt sich im Moment und hoffentlich in naher Zukunft nicht.

BT: Eigentlich ist die Musik ihre Profession, beziehungsweise die Musikwissenschaft. Sie sind promovierter Musikwissenschaftler, arbeiten in der Leitung des Max-Reger-Instituts in Karlsruhe. Außerdem sind Sie im Mandolinenorchester Ötigheim aktiv als stellvertretender Vorsitzender und als Dirigent des Hauptorchesters. Wollen und können Sie das alles weitermachen?

Becker: Ich kann Ihnen sagen, wie ich es vorhabe: Ich möchte in der Leitung des Max-Reger-Instituts bleiben. Wir sind eine Doppelspitze, das Institut mit insgesamt 15 Mitarbeitern ist relativ breit aufgestellt, es gibt verschiedene Aufgabenbereiche. Ich werde nicht alles weitermachen können, sondern gehe davon aus, dass ich sehr stark reduziere. Und ich glaube, dass die Politik auch etwas davon hat, weil Wissenschaft und Kultur auch landespolitische Themen sind und ich somit etwas dazu beitragen kann. Und ganz ehrlich gesagt, ist es mir eh etwas suspekt, wenn man nur Politik macht. Ich finde es gut, wenn Politiker mit einem Bein im richtigen Leben stehen. Es ist ansonsten schwieriger, unabhängig zu bleiben, und wer ein Mandat hat, ist in einer sehr privilegierten Position: Es ist natürlich mehr Arbeit, aber als Abgeordneter habe ich auch mehr Unterstützung. Was das Orchester anbelangt: Es ist mein Hobby. Kann ich kurz einen Werbeblock unterbringen?

BT: Werbeblock? Das kommt darauf an.

Becker: Das Mandolinen- und Gitarrenorchester Ötigheim hat am 6. April sein Jahreskonzert.

BT: Nach der ersten Sitzungswoche für Sie im Landtag - wohl nicht ganz einfach?

Becker: Ja, aber es gibt ja auch noch einen Vizedirigenten.

BT: Zurück zum Thema: Wo und wofür steht denn Alexander Becker politisch?

Becker: Die politischen Themen ergeben sich aus meiner Vita. Das hat mit Wissenschaft und Kultur zu tun und mit Bildung allgemein. Ich werde für Sylvia Felder in den Schul- und Bildungsausschuss nachrücken und auch in den Europa-Ausschuss, was rein zufällig auch meine politischen Vorlieben verbindet. Und ich hoffe, dass ich zumindest als Stellvertreter in den Wissenschaftsausschuss nachrücken kann.

"Ich stehe hinter



der Koalitionsbildung"

BT: Aber wo ordnen Sie sich in der politischen Skala ein?

Becker: Um es ganz offen zu sagen: Ich ordne mich wie alle in der Mitte ein. Ich habe natürlich manchmal Probleme mit anderen Leuten, die sich ebenfalls in der Mitte einordnen. Dann sage ich: Pass mal auf, wenn alle anderen links oder rechts von dir sind, dann bist du nicht die Mitte. Dass ich Frau Kramp-Karrenbauer in Hamburg gewählt habe, das ist ja hinlänglich bekannt...

BT: Das erklärt ja nicht alles.

Becker: Natürlich nicht. Ich halte mich für gemäßigt und im Zweifel für liberal. Vor allem in gesellschaftlichen Dingen. Mein Motto lautet: Leben und leben lassen - das macht ja auch den Kern des christlichen Menschenbilds aus.

BT: Baden-Württemberg wird von einer grün-schwarzen Koalition angeführt. Und der CDU geht es wie vielen kleineren Koalitionspartnern - sie schrumpft. Wo sehen Sie Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken?

Becker: Wir haben noch zwei Jahre bis zur Landtagswahl. Wir blicken jetzt auf eine dreijährige Regierungszeit zurück. Der Start war holprig. Ich glaube, dass man, wenn man Regierungspartei ist, alles dafür tun muss, dass eine Regierung auch erfolgreich ist. Natürlich schaut jeder Politiker auf Umfragen und macht sich seine Gedanken. Aber es hilft am Ende nichts, nur darauf zu starren. Mein Ziel ist es, in Stuttgart in den verbleibenden zwei Jahren eine ganz konstruktive Politik zu machen. Realistischerweise muss man sehen, dass man konstruktiv noch ein starkes Jahr etwas bewegen kann, bevor der Wahlkampf beginnt. Ich stehe absolut hinter der Koalitionsbildung - und habe dies auch schon 2016 im Kreisverband und gegenüber dem Landesverband vertreten.

BT: Wie grün darf denn die CDU im Land werden?

Becker: Fragen Sie doch mal den Herrn Kretschmann, wie schwarz der grüne Ministerpräsident werden darf. Es macht überhaupt keinen Sinn, Stimmungen hinterherzulaufen. Ganz sicher aber haben wir auch nichts davon, wenn der Koalitionspartner stark in unser Lager hineingeht und wir dort Platz machen. Ich gehe davon aus, dass wir Erfolg haben werden, wenn wir in Richtung Mitte zielen und uns ganz klar dort positionieren.

BT: Apropos Positionieren: Rechts von der Union hat sich mit der AfD eine Partei positioniert, die der CDU zunehmend zu schaffen macht.

Becker: Sagen wir so: Sie hat eine gewisse Stärke - plus /minus ein paar Prozent -, und wir müssen davon ausgehen und uns damit auseinandersetzen, dass diese Partei rechts der CDU bleibt und rund ein Drittel von deren Wählern mögliche CDU-Wähler sind. Aber zwei Drittel der AfD-Wähler sind für uns gar nicht erreichbar. Deshalb muss ich meine Politik nicht daran ausrichten. Was man beachten muss, ist das Phänomen der Protestwahl. Da darf man nicht selbstzufrieden sein als Volkspartei.

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