Malerei und Fotografie als Konkurrenten
08.03.2019 - 00:00 Uhr
Von Nike Luber

Am Anfang standen die Gegensätze. Hier die großformatigen, mit höchstem Können ausgeführten Porträts, auf denen die Porträtierten ausgesprochen repräsentativ wirken. Und da die gerade mal handgroßen Ablichtungen normaler Zeitgenossen. Mit dem starken Kontrast zwischen der traditionsreichen Malkunst und dem bescheidenen Beginn der 1839 erfundenen Fotografie beginnt die Ausstellung "Licht und Leinwand. Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert", die von morgen an bis zum 2. Juni in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe gezeigt wird.

Es war ein technologischer Wandel wie heute die Digitalisierung, sagte Kuratorin Leonie Beiersdorf gestern auf der Pressekonferenz. Und auch damals gab es die Skeptiker und begeisterte Verfechter der neuen Technik. Die hatte es lange Zeit schwer, als Kunstform anerkannt zu werden. Entlang der in verschiedene Kapitel unterteilten Ausstellung sieht man schnell, warum.

Der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beliebte Historismus ließ sich auf der Leinwand mühelos umsetzen, da waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Die Kunsthalle Karlsruhe stellt ein lebensgroßes Ölgemälde, auf dem sich der Wiener Künstler Hans Makart selbst als Faust und seine Geliebte als Gretchen gemalt hat, einigen Fotografien gegenüber, auf denen die britische Fotopionierin Julia Margaret Cameron mithilfe ihrer Freunde Szenen aus dem Artusepos nachgestellt hat. Trotz der langhaarigen Mädchen und bärtigen Herren sieht man sofort, dass hier alles mit viel Liebe, aber eben doch amateurhaft arrangiert wurde. In diesem Genre hatte die Malerei einen Vorsprung.

Im Grafiksaal werden die verschiedenen frühen Fotografietechniken erklärt. Ein paar witzige Karikaturen zeigen die Reaktionen des Publikums auf das neue Medium. Lange Schlangen haben sich vor den ersten Fotostudios gebildet. Da die Belichtungszeit sehr lange dauerte, wenn es eine gestochen scharfe Aufnahme werden sollte, brauchten die menschlichen Fotomotive oft eine Kopfstütze. Aber die Ausstellung verrät, dass bekannte Künstler wie Franz von Lenbach selbst im Atelier mit der Fotografie als Hilfsmittel arbeiteten, um so viel beschäftigten Persönlichen wie dem Reichskanzler Otto von Bismarck das lange Porträtsitzen zu ersparen.

Gleiche Motive führten oft zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Man sieht das bei Aktdarstellungen. Gemalten Akten ist dank des Einsatzes von Pinselstrich, weichen Farben und fantasievollen Umgebungen selten etwas Anstößiges zu eigen. Fotografierte Akte machen einen viel direkteren Eindruck. Außerdem weiß jeder Betrachter, dass er gerade einen realen Menschen nackt sieht, weshalb Aktfotografien lange Zeit verboten waren.

Blumenstillleben sind auch ein Thema für sich. Karlsruhe präsentiert eine schöne Auswahl an fotografierten Blumenarrangements, auf denen die Formen der Blüten und Blätter perfekt zu sehen sind - nur leider in Schwarz-Weiß. Nebenan erscheint dann die Fülle und Farbenpracht gemalter Blumen umso leuchtender. An Genauigkeit in der Abbildung war die Fotografie nicht zu übertreffen. Mit dem Siegeszug des Impressionismus gerieten die Fotografen unter Druck, nun ebensolche Unschärfen in ihre Aufnahmen hineinzubringen. Für die Experimentierfreude im 19. Jahrhundert stehen die Fotografien von Röntgenaufnahmen, da sieht man die Knochen durch das Gewebe von Schlangen und Fröschen hindurch leuchten.

Kuratorin Leonie Beiersdorf hat die Ausstellung von ihrem alten Arbeitgeber, dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, zu ihrer neuen Anstellung bei der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe sozusagen mitgenommen. Die Kunsthalle kann in "Licht und Leinwand" mit vielen eigenen Exponaten ihre Stärke ausspielen, die stattliche Sammlung an Gemälden aus dem 19. Jahrhundert. Und sie schlägt mithilfe des Künstlers Takashi Arai einen Bogen vom 19. ins 21. Jahrhundert. Arai arbeitet mit der alten Technik der Daguerreotypie. Seine Porträtaufnahmen japanischer Jugendlicher in "Tomorrow's History" sind deshalb Unikate, die den Ausdruck der jungen Menschen in dem Moment eingefangen haben, in dem sie über Hiroshima und Fukushima sprechen. Am Samstag kann "Licht und Leinwand" bei freiem Eintritt besucht werden.

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