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Die zweite Oper über die Tudors
25.03.2019 - 00:00 Uhr
Von Nike Luber

Es ist eine monströse Geschichte, die in der Oper "Roberto Devereux" erzählt wird. Eine alte, aber mächtige Frau verliebt sich in einen Mann, der vom Alter her ihr Sohn sein könnte. Sie will seine Liebe, unbedingt. Als ihr klar wird, dass er eine andere liebt, will sie ihn töten lassen. Und als er tatsächlich stirbt, ist sie so unglücklich, dass sie schnell einen Sündenbock sucht und diesen ermordet. Mit so einer Handlung kommt man nur in einer romantischen Belcanto-Oper durch. Nach "Anna Bolena" hat das Badische Staatstheater Karlsruhe mit "Roberto Devereux" die zweite Oper auf die Bühne gebracht, in der Komponist Gaetano Donizetti die englische Tudor-Dynastie in den Mittelpunkt stellt. An familiärer Gewalt, unbeherrschten Gefühlen und blutigen Intrigen hat es den Tudors in der Tat nicht gefehlt.

Der britische Regisseur Harry Fehr hat die rein auf Emotionen bezogene Oper so geschickt in Szene gesetzt, dass man jederzeit nachvollziehen kann, was die Charaktere umtreibt. In einem Stück ohne jede Logik ist das eine echte Leistung. Bühnenbildner Yannis Thavoris schuf dafür passende, latent klaustrophobische Räume, die ineinander übergehen. Aus dem düsteren Ratssaal geht es direkt in Königin Elisabeths blutrotes Schlafzimmer, ein Symbol dafür, wie nah hier Politik und Privatleben beieinanderliegen. Aus den Rückseiten der Räume bildet sich das Gefängnis im Tower, wo Robert Devereux, Earl of Essex, auf seine Hinrichtung wartet. Beziehungsweise darauf, dass eine seiner Geliebten ihn irgendwie rettet.

Seine Adelsgenossen warten schon lange auf die Chance, ihn, den Favoriten der Königin, loszuwerden. Elisabeths Eifersucht macht es möglich. Es gibt eine andere, und zwar ausgerechnet ihre Lieblingshofdame Sara. Die wiederum mit Robertos bestem Freund, dem Herzog von Nottingham, verheiratet ist. Alles kreist um diese vier Charaktere, die leidenschaftlich lieben, hassen, hoffen und leiden. Die Solisten machen daraus spannende psychologische Studien. Ina Schlingensiepen geht völlig auf in der Rolle der alternden, sich verzweifelt an Robertos nicht existierende Liebe zu ihr klammernden Frau. Mit Hilfe der nach historischen Vorbildern geschaffenen Kostüme (Mark Bouman) zeigt sie eine Elisabeth, die lange mit verblüffender Schnelligkeit zwischen der kalten, machtbewussten Königin und der Halt suchenden privaten Elisabeth wechselt. In einer Vielfalt unterschiedlicher Klangfarben zeichnet Ina Schlingensiepen die emotionalen Ausbrüche und Stimmungswechsel der Elisabeth nach.

Sensibler Held mit

tenoralem Schmelz

Die andere starke Frauenfigur dieser Oper ist Sara, die ihre Liebe zu Roberto vor ihrem Ehemann, vor der Königin und vor den schier allgegenwärtigen anderen Hofdamen verbergen muss. Gekonnt übermitteln die Mitglieder des Badischen Staatsopernchors den Eindruck einer Hofgesellschaft, die nur auf ein Anzeichen von Schwäche wartet. Jennifer Feinstein verleiht dieser Sara mit kraftvollem Mezzosopran viel Kampfgeist. In einem leidenschaftlich gesungenen Duett überzeugt sie Roberto, dass er sie verlassen muss. Und in einer fulminant gesungenen Auseinandersetzung versucht sie, ihren Ehemann davon zu überzeugen, Roberto vor der Hinrichtung zu retten.

Roberto weiß oft gar nicht, wie ihm geschieht. Eleazar Rodriguez singt diese Figur hinreißend klangschön, mit wunderbarem tenoralem Belcanto-Schmelz in der Stimme. In dieser Inszenierung ist Roberto kein strahlender Held, sondern ein sensibler, oft unbedacht agierender Mann, dem die Liebe von Elisabeth und Sara den Tod bringt. Kurz vor dem Ende durchwandert er die verschiedenen Bühnenräume, ein Rückblick auf entscheidende Momente - und ein hervorragender Regieeinfall.

Auch der Herzog von Nottingham leidet. Seine geliebte Sara hat ihn mit seinem besten Freund Roberto betrogen! Armin Kolarczyk zeichnet schlüssig die Wandlung vom nobel gesinnten Herzog zum verbitterten Betrogenen nach. Nun gehört auch er zu denen, die Robertos Tod wollen. Nur die Königin ist da schon von ihrer eigenen Wut erschöpft und will ihren einstigen Geliebten laufen lassen. Damit das Finale trotzdem tragisch ausgeht, begnadigt sie ihn nicht einfach, sondern wartet auf den Ring, den sie ihm für den Notfall geschenkt hat und der nicht rechtzeitig überbracht wird. Zeit für den Wahnsinn aus Liebe, für den Belcanto-Opern zu recht berühmt sind. Ina Schlingensiepen gibt die Wahnsinnsszene so eindringlich, dass man die Ratsmitglieder versteht, die schleunigst einen neuen König ausrufen.

"Roberto Devereux" wird von der Badischen Staatskapelle unter Leitung von Daniele Squeo farbenreich und packend interpretiert. Schon die Ouvertüre enthält in konzentrierter Form alles, was diese Oper musikalisch ausmacht. Starke Kontraste, fließende Melodik, mitreißende Rhythmik, zarte Momente. Überraschend fein statt auftrumpfend erklingt in der Ouvertüre die britische Nationalhymne. Das passt zur wenig staatstragenden Handlung, in der die Macht über Leben und Tod nur Unglück bringt.

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