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Rollenspiel als Selbstoptimierung
Rollenspiel als Selbstoptimierung
27.03.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Die Jubiläumsausstellung "Schein oder Sein" zum zehnjährigen Bestehen des Baden-Badener Museums für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts stellt den "Bürger auf die Bühne des 19. Jahrhunderts" und greift damit den wegweisenden Umbruch in der Gesellschaftsordnung auf. Es geht um den machtbewussten Auftritt des Bürgertums, nachdem infolge Französischer Revolution und Revolution von 1830 vieles ins Wanken geraten war.

Nicht nur als erfolgreicher Unternehmer im aufkommenden Industriezeitalter oder als reicher Kaufmann wollte der Bürger nun seine Rolle ausfüllen, sondern auch auf dem kulturellen Parkett vorne dabei sein. Dabei übernahm er das absolutistische Theater der Barockzeit und ersetzte es durch ein eigenes Bürgertheater. Der freie Geist der Aufklärung fand nicht nur in intellektuellen Kreisen immer mehr Anhänger, auch ein gebildetes Bürgertum entstand: Denn die vielen philosophischen, künstlerischen wie kulturhistorischen Verweise mussten ja verstanden werden, zumindest sollte es den Anschein haben.

Lessing, Schiller, Goethe lieferten die Stücke und die Theaterreformen dazu, ihre selbstbewussten Schauspieler wollten nicht länger zum fahrenden Volk gehören. Der Bürger als versierter Zuschauer begann, sich in jeglicher Form selbst zu inszenieren. Das wirkt sich bis heute aus. "Alle spielen Theater, weil die gute Leistung auch ab und zu vorgeführt werden muss," sagte Museumsgründer Wolfgang Grenke gestern im LA8, "denn auf den richtigen Auftritt kommt es an." Das war damals wie heute essenziell.

Ein weites Feld, um mit Theodor Fontanes Vater Briest zu sprechen, - das Museumsdirektor Matthias Winzen und Kuratorin Irene Haberland in "Schein oder Sein" ausbreiten. Dabei ist die Schau zweigeteilt: Neben der Darstellung des Bürgerlichen gibt es eine kleine Ausstellung des Theaters im 19. Jahrhundert, in dem unzählige Stadttheater neu entstanden, wie das Theater Baden-Baden, auch wenn dieses architektonisch das höfische Theater zum Vorbild hat.

Kulissenbühnen, Drehbühnen, eine historische Windmaschine und Theatermodelle machen die Theatergeschichte anschaulich. Mit dem Modell von Max Littmanns Prinzregententheater in München ist eines der ersten Bürgertheater aus dem 19. Jahrhundert zu sehen, das den Zuschauerraum revolutionierte: der seit damals ganz auf die Bühne gerichtet ist und nicht wie beim höfischen Theater zusätzlich auf die Fürstenloge. Das Münchner Theatermuseum ist einer der großen Leihgeber der Schau, aber auch von der Mathildenhöhe in Darmstadt kommen Theatermodelle. Wie Thomas Mann in seinem Roman "Buddenbrooks" schildert, in dem am Weihnachtsabend in der Lübecker Kaufmannsfamilie das Papiertheater von Enkel Hanno aufgebaut ist, wurde im großbürgerlichen Wohnzimmer des 19. Jahrhunderts mit Herzblut Theater gespielt: Ein kleines "Empire-Theater" von 1820 im LA8 führt die spielerische Erziehung vor Augen.

Die Familie kostümierte sich, um gemeinsam lebendige Bilder darzustellen, so auf Carl Gehrts Gemälde "Minnesänger in einer bürgerlichen Familie" (1878) zu sehen. Im Düsseldorfer Künstlerverein "Malkasten haben Bürger zusammen mit Künstlern regelrechte Festspiele mit prachtvollen Kostümen und Kulissen aufgeführt - und dagegen Richard Wagners Festspielidee für Bayreuth fast wie ein Zeitgeistthema aussehen lassen. Anselm Feuerbach, einer der Großmeister des 19. Jahrhunderts, der mit Vorliebe das antike Schönheitsideal malte und das Theater seiner Zeit, hat fürs Wohnzimmer eine innige "Romeo und Julia"-Szene auf dem Balkon dargestellt: Damit zog wirkmächtig dramatische Fiktion in die Realität ein als Potenzierung des Bürgertheaters für zu Hause.

Alle Lebensbereiche umfasst damals der Hang zur Theatralik. Das bürgerliche Wohnzimmer war mehr repräsentatives Wohnen als Zuhause, wie der Aufbau in Erinnerung an den Wormser Unternehmer Heyl zeigt, der sich vom Münchner Malerfürsten Franz von Lenbach porträtieren ließ. Auf imposanten Gemälden führt das Museum den bürgerlichen Ehrgeiz vor Augen, sich repräsentativ festhalten zu lassen, genauso in der neuen Atelierfotografie. Da ließen sich Bürgertöchter als Julia oder Beamte als Minnesänger darstellen.

Das rief natürlich auch die Spötter auf den Plan, wie den französischen Karikaturisten Honoré Daumier, der auf seinen Zeichnungen alle aufs Korn nahm: den Schauspieler, der den Helden spielt und doch mit feistem Gesicht sehr gewöhnlich aussieht, und ebenso den Theaterbesucher, der den Ballerinen mit Fernrohr unter den Rock schaut. Nicht alles gelang eben perfekt im bürgerlichen Optimierungswahn des 19. Jahrhunderts.

Aber die anschaulich inszenierte Ausstellung, stellt auf jeden Fall eine gelungene Verbindung her zu den Baden-Württembergischen Theatertagen, die vom 24. Mai bis 2. Juni ihr Festivalzentrum im Kulturhaus LA8 aufziehen werden. Die Schau selbst läuft vom 30. März bis 8. September.

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