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Aufgebrochene Wunden
18.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Hans-Dieter Fronz

"Die jungen Jahre der Alten Meister" - als Ausstellungstitel ganz schön gewagt. Und ziemlich durchtrieben. Alte Meister, mit großem A: Eigentlich ist der Begriff Dürer, Altdorfer, Holbein vorbehalten, um mal bei deutschen Künstlern zu bleiben. Und so beiläufig wie generös lässt die Überschrift der Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart den Schein von Klassizität selbst noch auf Kunstwerke fallen, die zu ihrer Zeit hoch umstritten waren. Die für Diskussionen sorgten oder gar Skandale verursachten. Und die noch heute als Dokumente der wilden Jahre der vier zeitgenössischen Klassiker gelten. Eben sie präsentiert die Staatsgalerie in einer fulminanten Schau.

Alt sind die Herren in der Tat; selbst Anselm Kiefer ist mit seinen 74 nicht mehr der Jüngste. In der bewegten Zeit, als sie alle vier noch jung waren, in den 1960er und frühen 70er Jahren, hätten es sich Georg Baselitz und Anselm Kiefer, Sigmar Polke und Gerhard Richter gewiss nicht träumen lassen, dass sich für eine Ausstellung, die den Fokus exakt auf ihre umstrittenen frühen Werke legt, einmal der Bundespräsident interessieren würde.

Dass Frank-Walter Steinmeier die Schau - eine Kooperation mit den Hamburger Deichtorhallen - sogar eröffnet hat, zeigt, wie sehr sich die Zeiten geändert haben - und mit ihnen die Einstellung der Öffentlichkeit zur Kunst. Was früher schockierte, kann heute als klassisch gelten. Nicht anders übrigens als Theater- oder Opernaufführungen vermag Kunst keine Skandale mehr zu verursachen, die den Namen verdienen; höchstens noch Skandälchen. Selbst Jonathan Meeses infantile Tabubrüche werden mehr mit Belustigung denn Entrüstung zur Kenntnis genommen. In Zeiten, in denen Werke zeitgenössischer Künstler Preise in dreistelliger Millionenhöhe erzielen, wäre Empörung auch fahrlässig. Wer weiß denn schon, ob das, worüber er oder sie sich gerade echauffiert, nicht bereits morgen Millionen wert ist.

Die Idee zu der Schau hatte Götz Adriani. Mit allen vier Künstlern ist oder - im Falle des 2010 verstorbenen Sigmar Polke - war er, der einst die Kunsthalle Tübingen zu einer ersten Adresse in der Kunst machte, befreundet. Für den Katalog hat Adriani ausgiebige Gespräche mit den drei lebenden Künstlern geführt, in denen man gemeinsam die bewegten frühen Jahre Revue passieren lässt. Eine Zeitchronik ruft diese Phase zudem gesamtgesellschaftlich in Erinnerung. Auf einer Litfasssäule im Foyer des Museums lassen Werbeplakate, durchsetzt mit Sprüchen wie "Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren" oder "Make love not war", den Zeitgeist aufleben.

"Baselitz - Richter - Polke - Kiefer": Die Reihenfolge im Untertitel ist kein Ranking. Sie folgt schlicht der Chronologie der Ereignisse. Zwar ist der Älteste in dem Quartett Gerhard Richter, Jahrgang 1932. Doch es war Georg Baselitz, der Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre als Erster mit seinen Werken bekannt wurde und für Furore sorgte. 1963 rief er mit einer Ausstellung sogar den Staatsanwalt auf den Plan. Wenige Jahre später traten zwei Freunde und Studenten an der Düsseldorfer Kunstakademie mit provokanten Werken in seine Fußstapfen: Richter und Polke. Der etwas jüngere Anselm Kiefer wurde Ende der 60er mit seinen Hitlergruß-Aktionen so berühmt wie berüchtigt. Ausgerechnet er war es dann, der mit seinem Frühwerk als erster der vier internationale Aufmerksamkeit fand: im Zuge einer Ausstellungstournee in den USA 1987-89, mit dem krönenden Abschluss im MoMA in New York. Kiefer bahnte damit zugleich den anderen den Weg, die wenige Jahre später ebenfalls in Übersee ausstellten.

Die Stuttgarter Schau stellt die Frühwerke dieser vier künstlerischen Individualisten, die wenig verbindet mit über 100 Gemälden, in ihrer ganzen Stärke vor Augen. Gleich zu Beginn setzt Baselitz' deformiertes und in Farbrinnsalen zerlaufendes Porträt "Win D." von 1960 ein Ausrufezeichen. In der malerischen Kühnheit von Bildern dieser Art bewegte sich der junge Künstler sozusagen auf Augenhöhe mit Francis Bacon. Seine "Große Nacht im Eimer" ließ die Berliner Staatsanwaltschaft beschlagnahmen. 1964 kam es zur Anklage.

Als Figürlichkeit gegen den Mainstream war

Gegen den Mainstream jener Zeit arbeitete Baselitz dezidiert figürlich. Sein malerischer Brutalismus sollte nicht über die Virtuosität und Feinheit seiner Bildkunst hinwegtäuschen. Freilich ging es ihm hauptsächlich um inhaltliche Botschaften. Mitten im deutschen Wirtschaftswunder erinnerte Baselitz in seiner "Helden"-Serie an die geistige und materielle Not der Nachkriegszeit und vor allem: an die deutsche Schuld. Mit "Der Wald auf dem Kopf" malte er 1969 sein erstes Umkehrbild. Ausgerechnet dem deutschen Wald, diesem ur-romantischen künstlerischen Motiv, verpasste er eine Drehung um 180 Grad; später etwa auch dem Bundesadler.

Schien in der Saturiertheit des Wirtschaftswunders die unheilvolle deutsche Vergangenheit endgültig überwunden, so nahmen Richter und Polke jetzt den Konsumismus selbst ins Visier. Ihr "Kapitalistischer Realismus" erklärte die Warenwelt für bildwürdig. Richter malte nach einer Zeitungsannonce einen "Faltbaren Trockner", Polke spöttisch schwebende "Würstchen". Selbst die Ahnengalerie des eigenen Metiers war vor ihrem Hohn nicht sicher: Polkes Diagnose über "Moderne Kunst" ist die einer gewissen Beliebigkeit. Sein berühmtes Bild "Höhere Wesen befahlen" aber erschloss jüngst ein Artikel in der "Zeit" in seiner hochpolitischen Dimension: als verschlüsselte Diagnose gespenstischen Nachlebens des Nazismus in der Nachkriegszeit und -kunst. Wie Richters gemalte Familienfotos hebt das Bild verdrängte Vergangenheit ins Licht.

Die Auseinandersetzung mit ihr sollte dann der Ausgangspunkt für Anselm Kiefers künstlerische Weltkarriere werden. Für seine Aktion "Besetzungen" zeigte der Künstler an verschiedenen historischen Orten Europas den Hitlergruß - und riss damit Wunden auf, die das Vergessen und Verdrängen längst verheilt wähnte. Bis 11. August zu sehen.

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