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"Die Kirche wagt es nicht, existenziell zu denken"
20.04.2019 - 00:00 Uhr
ugen Drewermann (78) gilt als einer der profiliertesten deutschen Theologen und Kirchenkritiker. 1991 wurde dem Priester die Lehr- und Predigtbefugnis entzogen, kurz darauf wurde er als Priester suspendiert. Grund dafür war aus Sicht der Kirche Drewermanns umstrittene Auslegung der Bibel. Zu seinem 65. Geburtstag trat er aus der katholischen Kirche aus. Drewermann ist als Therapeut, Bücherautor und Vortragsredner sehr gefragt. Auf Einladung der Klinik am Leisberg kam er Mitte April auch zu einem Vortrag nach Baden-Baden. BT-Redakteur Dieter Klink nahm seinen Besuch zum Anlass für ein Interview über Bibelbilder, den Ostermorgen, die Sache Jesu im Vergleich zur Entwicklung der katholischen Kirche, die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus.

BT: Herr Drewermann, was an Ihrer Theologie ist unkatholisch?

Eugen Drewermann: Ich möchte mit den Menschen so reden, dass sie es verstehen können. Und das ist nicht einzuordnen in eine bestimmte Konfession und Verwaltungsform. Wenn katholisch das ist, was alle angeht, ist meine Theologie dezidiert katholisch. Soll sie aber römisch-katholisch mit päpstlichem Unfehlbarkeitsanspruch sein, tritt sie natürlich notwendig dazu in Widerspruch.

BT: Warum haben Sie in der katholischen Kirche keinen Platz? Ist sie so eng, dass sie Sie nicht erträgt oder umgekehrt?

Drewermann: Entlang der Botschaft Jesu und der Art, wie das Neue Testament davon berichtet, ist mir evident geworden: Die zentralen religiösen Texte der Bibel kann man nicht historisch objektiv als Fakten den Menschen zu glauben verschreiben, sondern man muss sie als Symbole und Bilder auslegen, deren Sinngehalt das ganze Leben ändern kann.

BT: Zum Beispiel?

Drewermann: Nehmen Sie nur die Darstellung des Ostermorgens. Viele haben nicht nur Zweifel, sondern werden in den Unglauben oder den Aberglauben getrieben, wenn sie hören, dass ein Grab sich öffnet und ein toter Körper zum Leben aufersteht. So ähnlich wird es erzählt, aber im Wesentlichen als ein Bild: Im G rab erscheint den Frauen, die Jesus salben wollen, ein Engel. Die Frage ist: Wie hört man an der Stätte des Todes die Sprache Gottes? Wie sieht man sein Gesicht? Wie bewahrheiten sich die Worte Jesu, die man an den Uferrändern des Sees von Genezareth im Herzen trägt, als Wahrheit, die die Welt verändern soll? Und dann sagt der Engel im Matthäus-Evangelium, die Frauen sollen dahin zurückgehen, nach Galiläa. Und während sie das tun, kommt Jesus ihnen entgegen. Für das christliche Leben gibt es in meinen Augen kein schöneres Bild als dies: Die Menschen, die Jesus töteten, haben nur bewiesen, dass sie selber der Tod sind. Was Jesus ist und tut, trägt uns durch das ganze Leben hindurch: Er öffnet die Gräber, bewahrt uns vor der Verzweiflung, lässt uns an eine Güte glauben, die im Raum der Politik mit Füßen getreten wird.

BT: Und mit diesen Bildern haben Sie in der Kirche keinen Platz?

Drewermann: Die Kirche wagt es nicht, poetisch und existenziell zu denken. Denn das wäre gleichbedeutend mit der Befreiung, mit der Autonomie der Persönlichkeit, mit dem Wahrheitsanspruch auf die eigenen gelebten Erfahrungen, im Austausch miteinander. Und dann lässt sich nicht mehr eine fixe dogmatische Lehre, eine metaphysische, den meisten unverständlich inzwischen, von oben nach unten verbindlich schon in die Kinderherzen hineindrücken. Der Machtgewinn der Kirche bricht damit zusammen. Zweiter Punkt: Die Kirche regiert wesentlich mit Schuldgefühlen. Ich aber glaube: Was Jesus in diese Welt tragen wollte, war eine Güte, die vergibt und nicht verurteilt, die versteht und mitgeht, aber nicht ausschließt. Jesus wollte, dass wir aufhören, über Menschen zu Gericht zu sitzen.

"Maßlose Ideologien



zur Demütigung"

BT: Braucht es für diese Botschaft Jesu eigentlich eine Kirche? Beziehungsweise welche Kirche bräuchte es?

Drewermann: Jede größere Gruppe hat nötig, Organisationsformen einzurichten. Das ist eine Verwaltungsnotwendigkeit und müsste unterschieden werden von dem, was inhaltlich an Vertrauen in die Botschaft Jesu kommt und die Mündigkeit des Menschen mobilisiert. Die Protestanten haben vor einem halben Jahrtausend erkannt: Die Kirche ist kein Selbstzweck. Sie ist eine Brücke, über die Ufer von diesseits und jenseits, aber man darf darauf nicht stehen bleiben.

BT: Brauchen Sie selbst denn Kirche und Gemeinschaft? Oder sind Sie selbst so fest im Blick auf Leben und Welt, dass Sie keine Gemeinschaft der Gläubigen brauchen?

Drewermann: Wir verdanken alles, was wir von Jesu wissen, Leuten, die wir der Kirche oder der Gründung der Kirche zurechnen. Da ist Maria von Magdala. Sie hat die Botschaft der Auferstehung gebracht. Da ist Simon Petrus: Er hat Jesus verleugnet, aber ist dann für ihn in den Tod gegangen, erzählt die Legende. Da ist Paulus, der begriffen hat, dass das, was Jesus sagte, nicht das Reformprogramm einer jüdischen Sekte ist, sondern eine Botschaft für alle Menschen auf dem Erdball. Wenn es so ist, brauchen wir Leute, die uns zeigen, wie christliches Zusammenleben in Gemeinschaft möglich ist und davon leben wir dann selber. Nicht identifizierbar ist das mit einer bestimmten Verwaltungsbehörde, einer Institution, die sich für unfehlbar erklärt, die sich bei allem Pomp und Reichtum in der Nachfolge des Fischers vom See Genezareth, des Petrus, wähnt und sieht. Die einen Papst hat, der Christus auf Erden verkörpern soll. Das alles sind maßlose Ideologien zum Zwecke der Demütigung der Menschen und ihrer besseren Beherrschung, aber das ist nicht die Befreiung, die Jesus im Vertrauen bringen wollte.

BT: Sie sprechen das Thema Vertrauen an. Das Gegensatzpaar Angst - Vertrauen spielt in Ihrem Leben eine zentrale Rolle. Worauf vertrauen Sie denn persönlich?

Drewermann: Für mich ist das Wort am Weihnachtsmorgen entscheidend, das die Engel über den Fluren von Betlehem zu den Hirten wie in einem heiligen Gesang verkünden: Herrlichkeit sei Gott im Himmel, nur wenn auf Erden Friede sei bei Menschen, die Gottes Güte glauben können. Das ist mein ganzes Vertrauen. Ich schaue in die Welt und ich sehe sie in den Abläufen der Evolution alles andere als gütig. Ich lese in der Zeitung über den NATO-Beschluss, im Schwarzen Meer mehr operativ gegen Russland vorzugehen. Das ist alles andere als gütig, noch nicht einmal vernünftig im politischen Sinn.

BT: Und wie gehen Sie damit um?

Drewermann: Im Johannes-Evangelium wird Gott nicht einfach als Urheber dieser Wirklichkeit betrachtet, sondern als jemand, der mit uns redet. Und das tut er durch die Person, die wir Jesus nennen. Das Johannes-Evangelium nennt ihn das leibhaftig gewordene Wort Gottes, das in eine Welt der Finsternis kommt, um Licht hineinzutragen.

BT: Wie ordnen Sie da Erfahrungen ein, die das Vertrauen erschüttern: Krankheit. Tod, Gewalt, Verbrechen?

Drewermann: Ich vermag das zu erkennen als Tatbestand einer Welt, wie sie nicht sein sollte. Ich leide mit denen, die darunter leiden. Ich suche stellvertretend oft nach einem Vertrauen, das den Betreffenden in ihrer Verzweiflung selber nicht möglich ist. Ich möchte ein ordentlicher Seelsorger und Psychotherapeut sein. Jeden Tag muss ich da an Menschen unendlich mehr glauben, als sie in ihrer ganzen Biografie an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen haben lernen dürfen. Ich muss bei allem, was sie oft Entsetzliches erlebt haben oder von sich selbst berichten, daran glauben, dass es gute Menschen sind. Das wird übrigens jede Mutter tun, die ein Kind großzieht, jeder Lehrer, der vor seinen Schülern steht. Er wird nicht glauben, dass es wirklich böse Menschen sind. Es kann passieren, was will. Er wird es als Verformung betrachten. Mit allem, was möglich ist, sollten wir versuchen, den Ursprung zurückzugewinnen. Dann komme ich zum Glauben daran, dass wir aus Gottes Hände hervorgegangen sind und dahin zurückkehren.

BT: Genau daran glauben viele Menschen nicht. Sie selbst werden in Ihrem Glauben nicht erschüttert?

Drewermann: Ich bin groß geworden im Krieg. Und mein Leben besteht darin, ihn zu widerlegen, soweit es Menschen möglich ist. Ich glaube nicht an die Wahrheit, die uns politisch verordnet wird: "Es gebe siegreiche Kriege, wir müssen weitermachen." Ich halte das für einen Wahnsinn, den wir uns zur Normalität als Bürgerpflicht erhoben haben, dem aber im Sinne Jesu in keinem Sinne zuzustimmen ist.

BT: Die erste Enzyklika von Papst Benedikt alias Joseph Ratzinger hieß "Deus caritas est". Gott ist Liebe. Das können Sie inhaltlich unterschreiben, oder?

Drewermann: Natürlich. Der Name Benedikt hat ja etwas zu tun mit dem Papst Benedikt, der im Ersten Weltkrieg immer wieder gemahnt hat, das Massenmorden zu beenden. Hinter Ratzingers, wie ich glaube, ernstlich menschlich-vertrauenswürdigen Anliegen steckt die Verfestigung in der Wörtlichnahme einer Theologie eines Dogmatikers, aus der er nicht herauskommt. Mit Zwang und Unfreiheit, Monopolisierung des Wahrheitsanspruchs Roms. So hat er das gelernt, aber so ist es das Ende der Weisheit, der Theologie. Wir erleben gerade, wie die Kirche sich auszehrt. Das ist mit eine Folge dieser 1500 Jahre dogmatisierter Lehrüberlieferung Jesu, die sich selber im Wege steht. Franziskus versucht, ein Stück weit da herauszukommen. Aber wer hört schon wirklich auf ihn? Er ist der erste, der in Lampedusa darauf hinwies, dass wir als christliches Abendland mit Flüchtlingen menschlich umgehen sollten. Wir haben einen militärischen Abschirmdienst gegen Flüchtlinge. Mit Gleichgültigkeit drücken wir sie zurück zum libyschen Militär an den Ort, von dem sie fliehen wollten und zwingen sie in konzentrationslagerähnliche Aufenthalte.

BT: Nochmal zu Ex-Papst Benedikt, der mit dafür verantwortlich ist, dass Sie Ihre Lehrerlaubnis damals entzogen bekamen. Haben Sie mit 78 Jahren das Bedürfnis nach Versöhnung?

Drewermann: Ich hege überhaupt keinen Groll. Mir scheint persönlich die Theologie und die Glaubenshaltung wie die Person Ratzingers, die er als Theologiedozent jahrelang verkörpert hat, an ihr Ende gekommen. Ich sehe eine tiefe Tragik darin. Dass jemand unter Einsatz seines ganzen Lebens vom Schicksal, vom Lauf der Dinge, von Gott mit bitterster Enttäuschung vorgeführt und gelehrt bekommt, dass er sich mit Volldampf auf einem Gleise bewegt hat, das er auf den Prellbock treibt. Und über viele Hunderte Kilometer sprich Jahre zurückrangieren muss, um wieder auf eine Strecke zu gelangen, die man wieder in die Zukunft befahren kann. Ich hege keinen Groll gegen Ratzinger. Er tut mir leid. Ich kenne diese Leute doch.

Interview

BT: Würden Sie sich ein Gespräch mit ihm wünschen, so wie Ratzinger damals, kurz nachdem er Papst wurde, Hans Küng zum Gespräch einlud?

Drewermann: Die beiden haben Kaffee zusammen getrunken. Was sie besprochen haben, weiß kein Mensch.

BT: Es gab anschließend ein gemeinsam abgestimmtes Kommuniqué.

Drewermann: Ja gut. Aber ohne jede Wirkung. Wenn ich Berater wäre, würde ich allerdings anmahnen, dass Küng in aller Form rehabilitiert wird. Er ist ein alter Mann, er kann kaum noch arbeiten und schreiben. Und er ist in allem, was er gelebt hat, absolut katholisch geblieben. Er hat eine abergläubische Form von Unfehlbarkeitslehre infrage gestellt. Das ist verdienstvoll, aber nicht verbrecherisch. Es ist keine Irrlehre, sondern eine Vertiefung des Glaubens. Dann müsste man Herrn Walter Kasper, der damals mit dafür gestimmt hat, Küng zum Ketzer zu erklären und heute im Vatikan eine hohe Position einnimmt, dringlich daran gemahnen, dass er an seinem Mitbruder und Mitkollegen etwas wieder gutzumachen hat. Kasper hätte die Macht, das zu bewirken und es wäre ein Zeichen für die katholische Kirche, nicht bereits der Besserung, aber immerhin des Versuchs, Schaden nachzuarbeiten.

BT: Unter welchen Umständen wäre für Sie ein Wiedereintritt in die katholische Kirche denkbar?

Drewermann: Unter keinen. Jesus hat nicht einmal das Christentum gegründet und ganz sicher keine Kirche. Es ist so einfach, nur katholisch zu sein. Es ist so billig, nur protestantisch zu sein. Aber es ist fast unmöglich, Christ zu sein. Nur das sollten wir versuchen.

BT: Die Kirchen der Reformation sind für Sie keine Alternative?

Drewermann: Nein. Gott ist unendlich viel größer als jede Kirche. Auch als jede einzelne Religion. Paulus hatte recht: Was Jesus wollte, geht alle Menschen an. Die Fragen der Existenz sind das Thema, nicht die Verwaltung in dogmatischen Behördenapparaten.

BT: Sie sagen, es sei so einfach, nur katholisch zu sein. Ist es nicht auch einfach, Kritiker der katholischen Kirche zu sein? Nichts ist populärer als das.

Drewermann: Man kann nichts kritisieren, ohne einen bestimmten Wert zu verteidigen, den man verraten sieht. Natürlich kann man Dinge kritisieren, um sich wichtig zu machen. Aber die Sache Jesu fordert den ganzen existenziellen Ernst und das hat Geltung völlig unabhängig von der Zustimmung von außen.

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