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Solider Schutz vor geistiger Verknöcherung
23.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Hans-Dieter Fronz

Schon so mancher fühlte sich berufen, dem Buch das Sterbeglöckchen zu läuten. Doch Totgesagte leben länger. Das Buch jedenfalls lebt und erfreut sich solider Gesundheit, ist gut bei Atem und röchelt kein bisschen. Anfang des Jahres bilanzierte der Börsenverein des deutschen Buchhandels für 2018 einen stabilen Umsatz auf dem Buchmarkt, sogar mit minimalem Plus.

Die jüngsten Zahlen vom März dieses Jahres weisen leichte Zuwächse gegenüber dem Vorjahresmonat aus: Der Absatz stieg um 2, der Umsatz um 4,5 Prozent. Das E-Book wartet, kaum überraschend, mit etwas höheren Steigerungsraten auf (dagegen stagniert erstaunlicherweise die Zahl der Nutzer, ja, sie ist leicht rückgängig). Immerhin führen Steigerungsraten beim elektronischen nicht mehr automatisch zu Einbrüchen beim analogen Buch.

Diesem, dem analogen Buch, war ursprünglich der "Welttag des Buchs und Urheberrechts" gewidmet. 1995 von der Unesco ausgerufen, wird er Jahr für Jahr am 23. April begangen. Die Wahl des Datums geht auf den katalanischen Brauch zurück, am Namenstag des Schutzheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken.

"Ich schenk Dir eine Geschichte" heißt es auch in diesem Jahr hierzulande wieder. Im Rahmen der Aktion werden rund eine Million Exemplare des Fantasyromans "Der geheime Kontinent" des Kinderbuchautors THiLO an Mädchen und Jungen der vierten und fünften Klassen ausgegeben. Gegen Vorlage eines Gutscheins erhalten sie das Buch in einer von 3 500 teilnehmenden Buchhandlungen.

Sinn der deutschlandweiten Aktion ist es, Kindern die Freude am Lesen zu vermitteln; offenbar nicht ohne Wirkung. Dass der Umsatz für Kinder- und Jugendbücher in Deutschland 2018 um 3,2 Prozent zulegte, ist jedenfalls ein hoffnungsvolles Zeichen.

Auch Verlage, Bibliotheken und Schulen beteiligen sich in unterschiedlicher Weise mit Lesungen, Buchvorstellungen oder literarischen Schnitzeljagden. Im Nachgang zum heutigen "Welttag des Buchs" öffnen vom 4. bis 12. Mai rund 100 Verlage für die Aktion #verlagebesuchen ihre Tore für Werkstattgespräche, Führungen und Veranstaltungen zum Mitmachen. In Baden-Württemberg nehmen der Stuttgarter Kosmos Verlag und der Nonsolo Verlag Freiburg am Welttag teil.

Rund 90 000 neue Bücher der unterschiedlichsten Gattungen erscheinen Jahr für Jahr in Deutschland: Romane, Gedichtbände oder Krimis, Memoiren und Biografien, Reiseführer und Sachbücher jedweden Interessengebiets. Zu so ziemlich jedem Thema, jeder Erscheinung von einiger Bedeutung liegen Buchpublikationen vor. Information ist eine wichtige Funktion von Büchern.

Das Medium Buch ist ein Kulturgut mit einer langen Geschichte - und Vorgeschichte: angefangen bei der ägyptischen Papyrusrolle, auch der lateinische Codex oder die Handschriften des Mittelalters waren Vorläufer. Der um 1450 erfundene Buchdruck legte dann die Grundlage für die massenhafte Produktion - und Rezeption von Büchern, noch heute. Im Jahr 2017 lasen laut einer Forsa-Umfrage 27 der Deutschen mehr als zehn Bücher pro Jahr. Nur 14 Prozent, ungefähr jeder Siebte, las gar keine Bücher.

Dem Buch verdankt die Menschheit eine ungeheure Beschleunigung der Verbreitung des jeweiligen Wissens einer Zeit - und damit zugleich der Wissensproduktion. Denn viele Bücher bringen immer noch mehr Bücher hervor: ein Schneeballsystem, das die Welt verändert hat und bis heute verändert.

Die Bedeutung des Buchs für die Entwicklung von Zivilisation und politischem Denken wie der Praxis, die aus Letzterem folgt; von Wissenschaft und Kunst, Erfindergeist und Wirtschaft ist gar nicht zu überschätzen. Apropos Ökonomie: Das Buch ist selbst eine Ware - freilich eine ganz besondere. Dem trägt die Buchpreisbindung Rechnung.

Für Bibliophile ist das Buch noch mehr: ein libidinös besetztes Objekt, eine Art Gesamtkunstwerk auch, das mindestens drei der fünf Sinne anspricht: in seiner materiellen Gestalt, dem Design von Einband und Schrift den Sehsinn; als Ding die Haptik; und mit dem ganz eigenen Geruch von Papier und Bindemittel den Geruchssinn. Diese multiple Sinnlichkeit hat das analoge Buch dem E-Book und dem Hörbuch voraus. Ein Buch zu lesen, ist somit immer auch ein sinnliches Erlebnis.

Bücher können ein Kompass sein, eine Orientierungshilfe im Leben; sie können sogar ein Leben prägen, es in eine bestimmte Richtung lenken. Und sie können moralischen Rückhalt gewähren (warum sonst wäre Nietzsche beim Militärdienst in Naumburg "unter dem Bauch des Pferdes versteckt" der Stoßseufzer ,Schopenhauer hilf'" entschlüpft?), ja sogar existenzielle Bedeutung für den Leser erlangen.

Gradmesser der Gedankenfreiheit

Bücher sind immer auch Gesprächspartner, ein geistiges Gegenüber. Lesend erweitert sich der Horizont des Lesers. Bücher haben eine so hohe Bedeutung, dass man die wenigen unverzichtbaren Lieblingsbücher mit auf die sprichwörtliche einsame Insel nähme.

Gute Bücher sind in ihrem Reichtum unerschöpflich. Sie leben förmlich, wachsen und reifen mit dem Leser. Mit gewandeltem Lebensalter des Lesers werden sie selbst andere: Gereift liest man ein geliebtes Buch mit anderen Augen, entdeckt neue Aspekte darin, die wahrzunehmen Reife erfordern. Man kann in ein Buch eintauchen wie in eine andere Welt; in den Romanen Tolstois etwa oder Prousts. Ohne Bücher wären wir sehr viel ärmer.

Jedes Buch nimmt seinen Leser mit auf eine Reise: der Imagination. In der geistigen Beweglichkeit sind Bücher eine solide Barriere gegen gedankliche Verknöcherung; eine feste Bastion gegen Barbarei, Fanatismus und Fundamentalismus jeglicher Couleur. Als Einladung zum Gespräch verbinden sie Kulturen und tragen zur Völkerverständigung bei. Und: Sie verleihen Gedanken Dauer, wo nicht Unsterblichkeit. Eine Idee, die einmal im Buche stand, ist in der Welt und tendenziell unverlierbar.

Die Gedanken sind frei, heißt es sarkastisch in einem politischen Lied aus unfreier Zeit. Das Buch ist ein Gradmesser der Gedankenfreiheit und ihr Fürsprecher zugleich. Buchzensur, gar schon Bücherverbrennung waren zu jeder Zeit ein Brandzeichen dafür, dass in einer Gesellschaft etwas politisch schief läuft.

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