https://www.top-zusteller.de/
https://www.top-zusteller.de/
Erdung, Vertrautheit, Verwurzelung
Erdung, Vertrautheit, Verwurzelung
24.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Bettina Grachtrup

Stuttgart - Wenn Manuel Hagel redet, wundert sich so mancher Zuhörer. Da wird das "Ist" zum "Isch", das "Ich" zum "I", und der Zugereiste vernimmt Wörter, die er so noch nie zuvor gehört hat. Der Generalsekretär der CDU Baden-Württemberg ist 30 Jahre alt und spricht breitesten, schwäbischen Dialekt. Damit ist er aufgewachsen. "Freilich war es keine bewusste Entscheidung, Schwäbisch zu lernen - heute Dialekt zu sprechen, ist es aber durchaus", sagt er.

Für Hagel ist der Dialekt Ausdruck von Zugehörigkeit, Heimat und Kultur. Er will damit auch einem Verdruss entgegenwirken, den manche Bürger angesichts von Politikern empfinden, die ihrer Meinung nach zu abgehoben oder zu gleichförmig sind. "Ich habe mir immer vorgenommen, dass der Politiker Manuel Hagel auch genauso ist wie der Mensch Manuel Hagel. Deshalb bin ich der, der ich bin und spreche, wie mir der Schnabel gewachsen ist - das ist echt, das ist authentisch."

In den Stuttgarter Landtag haben Abgeordnete fraktionsübergreifend einen Antrag eingebracht, in dem sie sich für den Erhalt von Dialekten stark machen. Initiator ist Markus Rösler - ein Grünen-Politiker. "Heimat ist dort für mich, wo Schwäbisch geschwätzt wird", sagt er. Vor allem aber hat sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) die Bewahrung von Mundarten auf die Fahnen geschrieben. Dabei haben manche Grüne jenseits der baden-württembergischen Realpolitik ein angespanntes Verhältnis zum Thema Heimat.

Was findet die Politik am Dialekt? Neben der vielleicht echten Sorge, dass mit dem Aussterben der Mundart auch die kulturelle Vielfalt schwindet, gibt es auch andere Gründe. Kretschmann, der selbst offen schwäbelt, schreibt in seinem Buch "Worauf wir uns verlassen wollen - Für eine neue Idee des Konservativen" über den Dialekt: "Er sorgt für Erdung, für Vertrautheit und Verwurzelung in Zeiten der Globalisierung. Er verhindert ein falsches Pathos." Ob bewusste Entscheidung oder nicht: Bei ihm passt der Dialekt auch bestens in sein politisches Konzept, die bodenständigen und konservativen Schwaben an sich zu binden, obwohl sie jahrelang CDU gewählt haben.

Der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim beobachtet, dass Dialekte gerade eine Wiederauferstehung erleben. "Sie galten lange Zeit als verpönt, als Ausdruck von Provinzialität. Jetzt sollen sie hingegen ein Zugehörigkeitsgefühl schaffen und Identität stiften", sagt er mit Verweis auf die Unübersichtlichkeit als Folge der Globalisierung. Eine regionale Orientierung sei vertraut und schaffe Sicherheit. Verstärkt würden Dialekte in der Werbung eingesetzt. "Was für die Sparkassen die Kundennähe ist, ist für die Politik die Bürgernähe."

"Das ist einer von uns", solle den Bürgern vermittelt werden. "Die Sprache eines Politikers soll dann zu dessen positiven Image-Bildung beitragen." Allerdings, so schränkt Brettschneider ein, sollten Politiker nur dann Dialekt sprechen, wenn er wirklich zu ihnen passe. "Bei Ministerpräsident Kretschmann passt Dialekt. Bei Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) wäre es unpassend, wenn sie zur ,Plattsnackerin' mutieren würde." Und wie immer gelte: "Das Publikum muss den Dialekt auch verstehen." Ist dies nicht der Fall, grenzten die Redner einen Teil ihres Publikums aus.

CDU-Politiker Hagel ist nach eigenen Angaben nie zu Hochdeutsch gezwungen worden. Aber auch er kennt Situationen, in denen weniger Dialekt angebracht ist. So käme er nach eigenem Bekunden nie auf die Idee, am Hamburger Bahnhof ein "Wurschtweckle" zu bestellen.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Berlin
Altmaier sucht die Offensive

18.04.2019
Altmaier will in Offensive
Berlin (bms) - Die Wirtschaft ist unzufrieden mit Peter Altmaier. Nun musste der Wirtschaftsminister auch noch die offizielle Wachstumsprognose der Bundesregierung nach unten korrigieren - zum dritten Mal in Folge. Zugleich kündigte er Entlastungen für Unternehmen an (Foto: dpa). »-Mehr
Berlin
An Unglück vorbeigeschrammt

16.04.2019
Knapp an Unglück vorbeigeschrammt
Berlin (dpa) - Ein Jet der Flugbereitschaft der Bundeswehr ist bei einer Landung in Berlin nur knapp an einem Unglück vorbeigeschrammt. Der Jet war nach einer Funktionsstörung kurz nach dem Start umgekehrt und landete mit großen Problemen in Berlin-Schönefeld (Foto: dpa). »-Mehr
Dortmund
´Tatort´: Packendes Psycho-Duell

14.04.2019
"Tatort": Psycho-Duell
Dortmund (dpa) - Das BT bietet ab sofort auf seiner Homepage jeden Sonntag um 16 Uhr eine Vorschau auf den "Tatort" oder "Polizeiruf" am Sonntagabend in der ARD an. Heute geht es um den "Tatort" aus Dortmund, ein Psycho-Duell mit dramatischem Ausgang (Foto: WDR/Kost). »-Mehr
Berlin
Im Dreiminutentakt

12.04.2019
Debatte um Bluttests
Berlin (red) - Mehr als zwei Stunden hat der Bundestag darüber diskutiert, ob ein Gentest zur Erkennung des Down-Syndroms bei Schwangeren Kassenleistung werden soll oder nicht. Es wurde eine ethische Grundsatzdebatte darüber, wie die Gesellschaft mit Behinderten umgeht (Foto: dpa/av). »-Mehr
Baden-Baden
Vorösterliche Zukunftsfragen

12.04.2019
Salzburger Spekulationen
Baden-Baden (cl) - Zeitgleich mit Baden-Baden starten am Samstag die Osterfestspiele in Salzburg. Dort wird Christian Thielemann die "Meistersinger" dirigieren. Nun keimen an der Salzach Spekulationen auf, ob die Berliner Philharmoniker nach 2022 zurückkehren (Foto: dpa)? »-Mehr
Umfrage

Erstmals gibt es in Deutschland eine Professur für die Erforschung der Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die Gesundheit. Ist dieser Schritt nötig?

Ja.
Nein.
Weiß nicht.

Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1