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Malen in der Dunkelkammer
Malen in der Dunkelkammer
25.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Rainer Braxmaier

Dass die Fotografie eine Kunstform sein kann, die sich weit über die Pflicht der Dokumentation heraushebt, ist längst unbestritten. Im Grunde ist diese Erkenntnis beinahe 100 Jahre alt, als Dadaisten wie Man Ray damit begannen, mit dem damals noch relativ neuen Medium zu experimentieren. Es sollte aber bis in die 1970er Jahre dauern, bis dieses Medium sich von der "Reportagepflicht" befreien konnte und am Markt gleichberechtigt zu den klassischen Medien wie Grafik, Malerei oder Skulptur behandelt wurde. Theoretiker wie Klaus Honnef leisteten dazu wichtige Beiträge; aber auch deutsche Fotokünstler, von denen viele aus der strengen Fotoschule von Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie kamen - Thomas Ruff und Andreas Gursky zum Beispiel - rangen dem Medium Aspekte ab, die in neue visuelle Welten führten.

Der in Karlsruhe lebende Fotokünstler Ralf Cohen, 1949 in Solingen geboren, hat beide Methoden der Bildgewinnung erprobt. Ausgebildet als klassischer Fotograf schuf er sich einen Ruf als Porträtist und Reproduktionsfotograf, der bis heute auf die analoge Methode setzt und auf dieser Basis kontinuierlich seine eigene Kunstsprache entwickelte, mit allen Möglichkeiten, die das konventionelle Labor hergibt: Solarisation, Mehrfachbelichtungen, bewusste Unschärfen, aber auch in einigen Sequenzen der Faktor Zeit.

Schon 2008 widmete ihm die Städtische Galerie in der Fruchthalle Rastatt eine ausführliche Präsentation. Jetzt, zu seinem 70. Geburtstag, fügt sich eine sorgfältig inszenierte Retrospektive seiner bald 50 Jahre währenden künstlerischen Praxis an, welche die ganze Persönlichkeit Cohens darstellt: wie er vom präzisen Beobachter des stillen Lebens sich zum Experimentator des Mediums entwickelte, der die gegenständlich sichtbare Welt meisterhaft zur abstrakten Struktur gerinnen lässt. Aus einem materiellen Problem einer seiner Kameras zum Beispiel, die den eingelegten Film nicht mehr vollständig transportieren konnte, hat Ralf Cohen das Titelbild seiner Ausstellung entwickelt: "Synthese".

Die Ausstellung ist nach Zyklen, die den heutigen Künstler vorstellen, aufgebaut, die historische Reminiszenzen mit meist kleinformatiger "Petersburger Hängung" wurde in den hinteren Teil des Obergeschosses der Galerie verlegt. Dennoch lohnt sich ein mehr als flüchtiger Blick auf die Werke der 70er und 80er Jahre, nicht nur wegen ausdrucksvoller Porträts von Walter Scheel oder des Malers Emil Schumacher, sondern, weil Ralf Cohen einen messerscharfen Blick auf leicht zu übersehende Details hat. Mauervorsprünge oder ein zugemauertes Fenster werden zu abstrakten Monumenten, welche die Regelhaftigkeit der Form zelebrieren. Das ist das klassische Handwerk des Fotografen: eine formale Macht zu entdecken, wo andere gar nicht hingucken.

Diese Methode übertrug Ralf Cohen nicht viel später auf seine freien Arbeiten, in denen zum geschulten Blick das Spiel mit den im Labor zur Verfügung stehenden Mitteln hinzukam. Malen in der Dunkelkammer. Dabei den technischen Weg nachzuspüren, wie zum Beispiel aus Sandwürmern ein unglaublicher Sternenhimmel entstehen kann, ist zwar interessant, zugleich aber entzaubernd. Es geht nicht darum, dem Künstler hinter die Schliche zu kommen, sondern die Macht der Bildwirkung zu genießen, wenn sie sich im Betrachter entfalten kann.

Die Serie "Neuland" aus dem Jahr 2016 ist ein schönes Beispiel dafür, wie weit Cohen sich von der klassischen Fotografie entfernen und den Bildern eine neue Materialität geben kann. Ursprünglich war der Altrhein das Thema der Serie Mitte der 90er Jahre. In einer Zwischenstufe ließ der Künstler die belichteten Negative zu Wasser und stellte davon mächtige Fotoabzüge her, die er wieder zehn Jahre ruhen ließ, bis er sie noch einmal im Labor bearbeitete. Aus dem "Altrhein" wurde "Neuland", eine Reihe von abstrakten Hochformaten in erdigem Kolorit, dessen landschaftliche Ursprünge nur in einigen linearen Strukturen nachvollziehbar sind.

Das Wichtigste aber: Sie messen sich in einer Blickschneise mit Anselm Kiefers riesigem Bild der Geistesgrößen, mit dem sich alle Künstler, die hier ausstellen, plagen müssen - und sie bestehen! Mehr geht nicht.

Die Ausstellung mit über 60 Arbeiten seit 1972 wird begleitet von einem informativen und reich bebilderten Katalogbuch (Edition Cantz). Sie dauert bis zum 21. Juli.

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