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Chronologie des größten Bluffs der deutschen Wirtschaftsgeschichte
30.04.2019 - 00:00 Uhr
Palma de Mallorca/Baden-Baden - Wegen Betrugs in 243 Fällen wurde Flowtex-Gründer Manfred Schmider schuldig gesprochen. Flowtex verkaufte 3 142 Horizontalbohrsysteme. Bis auf 270 Stück existierten die aber nur auf dem Papier. Hauptsächlich Banken und Leasinggesellschaften finanzierten die nicht existierenden Bohrer und Flowtex mietete sie wieder zurück. Es war der größte deutsche Wirtschaftsbetrug. Jetzt äußerte sich Manfred Schmider in einer SWR-Dokumentation. BT-Redakteur Florian Krekel hat bei SWR-Regisseurin Martina Treuter nachgefragt, wie ihre Begegnung mit Schmider ablief und was dieser berichtete.





BT: Frau Treuter, Manfred Schmider hat sich zum ersten Mal zum Flowtex-Skandal vor laufender Kamera geäußert. Wie haben Sie ihn dazu gebracht?

Martina Treuter: Das stimmt. Er hat zwar bereits schon mit Zeitungen gesprochen, aber er hat noch nie davon berichtet, wie es ihm gelingen konnte, Politiker, Banken und anderen glauben zu machen, dass es diese mehr als 3 000 Maschinen gab, obwohl es in Wirklichkeit nur 270 waren. Das klingt alles so unglaublich wie eine Geschichte aus 1001 Nacht. Schmider hat wohl auch deshalb das Konzept unserer Doku gefallen, bei der es nicht darum ging, ihn erneut zu enttarnen, sondern darum, zu verstehen, wie dieser riesige Bluff gelingen konnte.

BT: Hat Schmider sich wirklich konkret dazu geäußert?

Treuter: Schmider war tatsächlich sehr offen und hat erzählt, wie alles angefangen hat, wie er das System in den USA entdeckte und versucht hat, es auf Deutschland zu übertragen. Er war immer ein Geschäftemachertyp und erzählte frei weg wie das Betrugssystem erst klein anfing und immer größer wurde.

BT: Gab er sich dabei als der Geläuterte oder sieht er sich - überspitzt formuliert - als eine Art Al Capone - als jemanden, dem auf krimineller Ebene etwas gelungen ist, was es davor noch nie gab?

Treuter: (lacht): Na ja. Er ist jetzt 70 Jahre alt und die Jahre im Gefängnis (sieben Jahre) haben ihm merklich zugesetzt. Er wird es sich auch nie verzeihen, was er mit all dem seiner Familie angetan hat. Speziell seine Kinder haben darunter gelitten. Schmider nennt sich selbst auch einen Verurteilten - die Betrügereien gesteht er ein. Er bereut, aber er besteht auf der Tatsache, dass er niemanden persönlich geschädigt habe. Die Betrogenen seien durchweg Banken gewesen. Wenn man mit ihm spricht, spürt man heute noch dieses Talent, Leute um den Finger zu wickeln. Er beschreibt selbst, wie einfach das war, welche Instrumente er benutzt hat, um Leute zu beeindrucken, mit seinem Privatflugzeug, mit Helikoptern, auf Schiffen.

BT: Er hat also aus dem Nähkästchen geplaudert?

Treuter: Er hat alles minutiös geschildert, aber man muss sich natürlich schon vor Augen halten, dass er mit Sicherheit nur das erzählt hat, was er erzählen wollte. Es wird aber trotzdem klar, mit welchem Blendsystem er operierte. Er hat mit seinem Reichtum so zu beeindrucken gewusst, dass sich zum Beispiel Banker die fraglichen Maschinen, für die sie Kredite gewährten, nur kurz angeschaut haben und sich lieber von Schmider mit dem Hubschrauber ins Elsass zum Essen fliegen ließen. So etwas hatte Baden-Württemberg bis dahin noch nicht gesehen. Heute wollen viele davon nichts mehr wissen. Erwin Teufel beispielsweise sagt, er erinnere sich nicht mehr so genau. Und gute Freunde Schmiders, die stark von ihm profitierten, haben sich danach umgedreht und getan, als wüssten sie von nichts.

BT: Wie lange haben die Recherchen für die Doku gedauert?

Treuter: Drei bis vier Monate. Wir haben viel von Kollegen profitiert, die damals, als das alles aufflog, mit dem Fall befasst waren, haben aber auch mit Insolvenzverwaltern, Anwälten, Sekretärinnen gesprochen, um etwas von der Psychologie Schmiders zu ergründen. Einer von ihnen sagte: Schmider sei ein Terrier, ,der lässt nicht nach, bis er etwas hat'.

Die Dokumentation "Big Manni - Big Money. Die wahre Geschichte des Milliardenbetrugs" wird am 1. Mai um 21.45 Uhr in der AR D ausgestrahlt.

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