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Neue Lösungen für die Netzwerkgesellschaft
11.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Gigantische, aufgefaltete Gebäude mit gewölbten Wänden, fast schon barocke Solitäre, die durch ihre prachtvolle Extravaganz überwältigen wollen: Mit diesen Mega-Gebäuden wurde die irakisch-britische Architektin Zaha Hadid zur Marke, 2016 starb die Gründerin 65-jährig an einem Herzinfarkt - Zaha Hadid Architects baut weiter. Das international operierende Büro mit Sitz in der Finanzmetropole London errichtet seine schillernden "signature buildings" vornehmlich für Investoren und Magnaten im arabischen und asiatischen Raum, in Abu Dhabi, Baku oder Peking.

Aber mal in einer kleinen Stadt mit gut 1 400 denkmalgeschützten Gebäuden wie Baden-Baden zu bauen, wo man sich prima erholen kann, wie Patrik Schumacher meint - warum nicht? Zaha Hadid hat auch mal kleiner angefangen.

Der aus Bonn stammende promovierte Philosoph und Architekt Schumacher war Hadids Kompagnon und theoretischer Kopf, schon dabei, als das Feuerwehrgerätehaus, ihr erster realisierter Entwurf noch mit extremen Zuspitzungen, 1993 für den Vitra-Designhersteller in Weil eröffnet wurde. Schumacher ist einer der Direktoren des Büros - und denkt vornehmlich über die Architektur für die Stadtgesellschaft in einer vielgestaltigen, vernetzten Welt nach. "Es gibt eine urbane Renaissance", betont er beim Architekturdialog im Museum Frieder Burda in Baden-Baden mit Moderator Reinhard Hübsch und bekennt: "Ich lebe fußläufig."

Die Städte könnten nach Schumachers Ausführungen viel mehr verdichtet werden, damit dort mehr Menschen wohnen könnten, die permanent in Austausch bleiben wollten und müssten - "damit sie nicht abgehängt werden".

Bei Zaha Hadid Architects sieht sich Schumacher als Coach und Vordenker, der soziale Prozesse in Simulationen von Interaktionsprozessen untersucht. "Heute haben wir eine Netzwerkgesellschaft, die völlig anders funktioniert als die Massengesellschaft der Moderne", sagt er. Davon reagiere die aktuelle Städteplanung mit ihrer formalistischen Automation nicht mehr adäquat - sie produziere monoton gerasterte "Müllhaufenstädte" statt individueller Lösungen.

Der Architektur-Philosoph vom Rhein mit britischem Pass, der über den Deutschen Werkbund, den Bauhaus-Vorläufer, promovierte, erklärt: "Das Bauhaus war zu seiner Zeit die richtige Lösung und ein Erfolgsrezept, dass 60 Millionen Bundesbürger in den 1960er Jahren alle ein Lebensstandard hatten mit fließend Wasser, mit Telefon, war vorbildlich." Diese serielle Massenfabrikation sei kein Fehler, sondern ein Befreiungsschlag gewesen, so Schumacher, - aber nun sei sie überholt. "In solchen Siedlungen will keiner mehr leben - man muss sich stark konzentrieren, seine eigene Haustür zu finden."

Die neuen Städte - und auch Fabriken mit ihren "Netzwerkplattformen" - ließen sich nicht mehr in alten planerischen Mitteln gestalten. Dafür hat er den Begriff "Parametrismus" geprägt - und ihn in ein 1 000-seitiges, zweibändiges Werk gegossen. Im Kern meint das: Die Stadt der Zukunft sei der Stadt, wie sie bis Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, näher; mit ihrem individuellen Baustil musste und konnte sie besser auch auf topografische Eigenheiten eingehen.

"Jede Bauaufgabe ist individuell, entwickelt vom Klienten, vom Umfeld, vom Publikum und darauf muss man subtil reagieren können", betont er. "Das können wir als Parametristen, das können wir aber nicht als Minimalisten." Der polyglotte Theoretiker bekennt sich zum Neoliberalismus, plädiert für Eigenverantwortlichkeit und Freiheit. Und ist dafür, die Stadtbauämter aufzulösen, zumindest die britischen. Sie sind ihm zu regulativ, mit zu wenig Sinn für die Fragen der Zeit. Außerhalb der zweifelsohne schützenswerten historischen Zentren sollte das Bauen freier werden, so Schumacher. Die Entwicklung in weiter wachsenden Megacitys wie London könnten Expertengruppen aus Architekten, Bauherren, Investoren sowie Baufirmen besser austarieren.

Schumachers "Parametrismus" erhebt das digitale Bauen in Strudeln und Falten zum gültigen Stil, in den die noch praktizierten Übergangsperioden wie Dekonstruktivismus und Postmoderne münden müssten. Gebäude in den Metropolen sollten eine Welt für sich sein. Für die fließenden Formen, gestützt durch am Computer errechneten Stahlbeton, oder in Plastikformen benötigen neue Materialien. Eine Armada junger Kreativer forscht über Bauen, Design, Innenarchitektur der Zukunft; mit Universitäten wie der ETH Zürich und der Uni Stuttgart arbeitet man eng zusammen.

440 Mitarbeiter habe das Londoner Büro. Im Kreativbereich herrschten "flache Hierarchien", zumindest in der Boomphase. Die Finanzkrise 2008 hat auch Zaha Hadid Architects zuschaffen gemacht, danach habe man sich "stärker und strenger rationalisieren müssen", profitorientierter arbeiten, so Schumacher. Mittlerweile sitzt bei den Investoren das Geld wieder lockerer. Das Al-Wakrah-Stadion für die Fußball-WM 2022 in Doha mit Meerwasserkühlung ist eines der Großprojekte des Büros.

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