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"Ich glaube, es wäre von anderer Art"
11.05.2019 - 00:00 Uhr
Sie haben die Fantasie der Menschen schon immer beflügelt: Maschinen, die ein eigenes Bewusstsein entwickeln. Viele Science-Fiction-Romane und -Filme befassen sich mit diesem Szenario. Befeuert wird das Thema durch die rasante Entwicklung der sogenannten Künstlichen Intelligenz (KI): Computer werden dialogfähig, sie "lernen" hinzu, sie scheinen menschliche Züge zu entwickeln. Und doch befassen sich nur wenige wissenschaftliche Projekte explizit mit der Frage nach maschinellem Bewusstsein. Eines davon - gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung - läuft derzeit am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Karlsruher KIT. Sein etwas sperriger Titel: "Abklärung des Verdachts aufsteigenden Bewusstseins in der Künstlichen Intelligenz". BT-Redakteur Armin Broß hat sich mit Projektleiter Prof. Dr. Karsten Wendland unterhalten.

BT: Herr Wendland, sehen Sie sich eigentlich gerne Science-Fiction-Filme an? Und ist das vielleicht sogar lehrreich?

Prof. Dr. Karsten Wendland: Ich sehe sie ganz gerne an. Lehrreich ist es insofern, weil die Science-fiction oftmals Themen aufgreift, die in der Wissenschaft auch besprochen werden. Wir sehen manchmal im Film Dinge bereits realisiert, über die wir in der Forschung noch nachdenken. Science-Fiction-Autoren haben oftmals auch einen engen Bezug zur Wissenschaft und zur Philosophie.

BT: Ein Beispiel?

Wendland: Wenn wir beispielsweise die Serie Star Trek nehmen - da wurden schon in den 80er Jahren etliche Technologien gezeigt, die für uns heute Standard sind. In der Serie gibt es Videotelefonie, man läuft auf dem Raumschiff mit Tablets herum, Menschen haben Kommunikatoren angeheftet - analog dazu haben wir heute Smartphones. Solchen Entwicklungen wird in der Science-Fiction oftmals vorgegriffen.

Das hat übrigens einen zweiten Effekt: Es führt dazu, dass manche Menschen denken, dass die Science-Fiction die Zukunft voraussagt - und das ist natürlich nicht der Fall.

BT: Bisher reden wir beim Thema Künstliches Bewusstsein hauptsächlich von Fiction. Aber was gibt es an wissenschaftlicher Forschung?

Wendland: Einige Forscher, die sich mit menschlichem Bewusstsein beschäftigen, äußern sich auch zum Thema Künstliches Bewusstsein. Neurowissenschaftler zum Beispiel nähern sich dem Bewusstsein oft experimentell und finden Dinge heraus, von denen wiederum die Informatik profitieren kann. Künstliche neuronale Netze nehmen sich Funktionsweise und Vernetzung der Nervenzellen im Gehirn zum Vorbild. Diese Technik haben wir auch bereits in vielen Geräten drin. Und da taucht schnell die Frage auf: Was wäre, wenn diese Systeme einmal erwachen würden?

Eine populäre Überlegung hierzu, die von vielen in den technischen Disziplinen geteilt wird, ist: Wenn die Komplexität und die Schnelligkeit der Systeme weiter steigen, wird irgendwann aus dieser Dichte heraus automatisch ein Bewusstsein entstehen. Andere meinen dagegen: Das Bewusstsein ist etwas Gegebenes, ein Geschenk, so etwas entsteht nicht.

Eine andere Haltung in der Philosophie wiederum besagt: Das Bewusstsein kann erst entstehen, wenn wir uns mit unserer Umwelt und mit anderen Menschen auseinandersetzen. Damit wäre unter Umständen das Bewusstsein sogar ein stückweit vom Subjekt entkoppelt - man nähme also gewissermaßen eher am Bewusstsein teil.

BT: Welche Disziplinen sind denn bei Ihrem Projekt vertreten?

Wendland: Ich bin Informatiker und Humanwissenschaftler; mein Kollege ist Philosoph und Pädagoge. Um das Projekt herum haben wir mehrere Forschungskreise assoziiert, mit denen wir in regem Austausch stehen: Ingenieure, Physiker, Theologen, Psychologen, Sozialwissenschaftler und so weiter. Wir versuchen, den Diskurs sehr vernetzt und interdisziplinär zu führen. Das ist Teil der Projektmethode.

Interview

BT: Wie ist der konkrete Ablauf des Projekts?

Wendland: Wir tragen in der ersten Phase die unterschiedlichsten Grundpositionen und Aussagen zum Thema zusammen. Von den klassischen Positionen bis zu eher kuriosen, die aber auch ihre Anhängerschaft haben. Flapsig gesagt: Wir grasen im Moment das gesamte Feld ab. Welche Akteure finden wir, und wie sind sie miteinander vernetzt? Und: Wie kommen sie zu dem, was sie sagen? Und wo ist der interdisziplinäre Diskurs blockiert? Wo sprechen beispielsweise Neurowissenschaftler nicht mit den Informatikern oder den Philosophen und umgekehrt über entscheidende Punkte, zu denen alle einen Beitrag leisten können?

BT: Also geht es auch darum, die Disziplinen zusammenzuführen?

Wendland: Genau - das machen wir in der zweiten Jahreshälfte. Wir versuchen gezielt, einzelne Akteure miteinander ins Gespräch zu bringen, und zwar in moderierter Form.

BT: Künstliche Intelligenz ist ja in aller Munde - aber wie definiert man sie überhaupt?

Wendland: Eine gängige Definition lautet: Computer, die lernfähig sind. Den Begriff "Lernen" kennen wir dabei von biologischen Wesen, vor allem von uns Menschen. Bezogen auf die Künstliche Intelligenz ist es aber eine Zuschreibung - die künstlichen neuronalen Netze produzieren nämlich nur Output auf der Basis von Input, und wie sie das machen, ist ihnen meistens entsprechend antrainiert worden.

Ernst gemeintes "Lernen" hat für uns Menschen im Idealfall auch etwas mit Verstehen zu tun. Viele von uns mussten einmal Gedichte auswendig lernen und konnten sie dann herunterrasseln, ohne je über den Sinn nachzudenken. Der Computer hätte gar keine Chance, über den Sinn nachzudenken, einfach, weil er nicht nachdenken kann. Er kann Symbolverarbeitung durchführen, Schlussfolgerungen durchführen und auch Muster erkennen - und das wahnsinnig schnell. Da ist er uns voraus.

Aber selbst wenn wir uns mit einem System wie der Roboterfrau "Sophia" unterhalten, ist das, worüber wir sprechen, von dem System nicht wirklich verstanden worden - so, wie wir das bei einem menschlichen Gegenüber erwarten würden.

BT: Und wie würden Sie Bewusstsein definieren?

Wendland: Ich persönlich würde sagen, Bewusstsein ist vor allem, dass man sich seiner selbst gewiss ist. Das enthält, dass man ein Identitätskonzept hat, dass man sich von anderen unterscheiden kann, dass man in Widersprüchen denken kann, emotionale Qualitäten hat, und dass man sich seiner Biografie gewiss ist.

Bewusstsein wird immer besser imitiert

BT: Folgt die unvermeidliche Frage: Für wie realistisch halten Sie es, dass es einmal Künstliches Bewusstsein geben wird?

Wendland: Zunächst einmal halte ich es für sehr realistisch, dass Computer ein Bewusstsein sehr gut werden imitieren können - ein So-tun-als-ob. In Ansätzen haben wir das schon jetzt, und dies wird immer präziser werden. Die Frage ist, wie wir Menschen damit umgehen und welche Rolle wir den KI-Systemen dann zuweisen. In Japan finden mittlerweile sogar schon Hochzeiten mit technischen Systemen und virtuellen Popstars statt - die sind zwar nicht juristisch anerkannt, aber sozial anerkannt.

Zu Ihrer Kernfrage: Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass irgendwann einmal "etwas" passiert - es würde mich aber überraschen, wenn es ein Bewusstsein wäre, wie wir es von uns Menschen oder aus der Tierwelt kennen. Ich glaube, es wäre von anderer Art und möglicherweise gar nicht so spektakulär, wie wir uns das momentan vorstellen. Interessant wäre vor allem die Frage, wie wir damit umgehen würden.

BT: Würden Sie in so einer Entwicklung eher eine Gefahr sehen oder eine Chance?

Wendland (schmunzelt): Diese Frage wäre gut in anderthalb Jahren, wenn unser Projekt beendet ist. Generell steckt für uns aber in allem, was mit KI zu tun hat, eine riesige Gestaltungschance. Weil wir die digitalen Systeme und die Künstliche Intelligenz dazu nutzen können, um ein möglichst gutes analoges Leben zu führen. Ich sage immer: Wir sollten die KI zähmen, um uns zu erhalten. Und dieses Zähmen bedeutet, schon beim Entwickeln dieser Systeme einen genauen Rahmen abzustecken, in dem sie sich bewegen dürfen und sie nicht "in freier Wildbahn" freizulassen.

BT: Das heißt?

Wendland: Nur ein Beispiel: Es gibt autonome Waffensysteme mit einem KI-Modus. Wenn die sich entkoppeln würden und völlig autonom unterwegs wären und nicht mehr mitbekämen, dass sie sich deaktivieren sollen, könnten die Folgen fatal sein. Es wäre dann vorstellbar, dass die Systeme auch Jahre, nachdem zwei Nationen längst wieder Frieden geschlossen haben, immer noch "denken", der ehemalige Feind wäre noch der aktuelle - und aus ihrem KI-Modus heraus angreifen. So etwas gilt es grundsätzlich zu vermeiden. Schon von der Systemkonstruktion her müssen wir Vorgaben machen und den Rahmen definieren, in dem sich Systeme bewegen dürfen.

BT: Muss die Politik die Entwicklung mit Blick auf Künstliche Intelligenz und Künstliches Bewusstsein stärker ins Visier nehmen?

Wendland: Man sollte sich aktiv damit beschäftigen, allein schon, um es aus der Mystik-Ecke herauszuholen. Darum geht es uns ja in unserem Projekt - das Thema künstliches Bewusstsein zu entmystifizieren. Unsere Ergebnisse sollen einfließen in die "Foresight", die Technologie-Vorausschau-Aktivitäten der Politik, und Impulse geben. Wir werden Podcasts erstellen, Berichte schreiben und Publikationen herausgeben, sowohl wissenschaftliche als auch Bürgerdialogformate, in denen wir die Ergebnisse möglichst gut nachvollziehbar präsentieren. Mein Ansatz ist: Ich will konkrete Vorschläge unterbreiten und eine Wirkung haben.

BT: Versprechen Sie sich eine konkrete Wirkung auch auf Unternehmen? KI wird ja dort immer mehr zum Thema.

Wendland: Wenn sich ein Mittelständler mit KI befasst und dann noch das Thema Künstliches Bewusstsein hinzukommt, landet er schnell bei einem benachbarten Thema, nämlich KI und Ethik. Und das wird mittlerweile sehr stark nachgefragt, weil die Unternehmen oftmals noch keine richtige Orientierung haben bei der Frage: Wie bringe ich gutes, ethisches unternehmerisches Handeln mit der KI zusammen?

Es gibt viele Grundsatzfragen zur KI-Einführung im Unternehmen, viel Interesse und Beratungsbedarf, um so etwas wie KI-Ethik in die unternehmerischen Prozesse hineinzubekommen. Das ist ein Seiteneffekt unseres Projekts, der uns sehr gut gefällt. Es zeigt sich: Wenn man über die Idee bewusster Maschinen spricht, fangen die Leute an, viel stärker über sich selbst und über ihre eigenen Entscheidungen nachzudenken und darüber, was sie aus der Zukunft machen wollen.

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