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"Eine super Gelegenheit, sich in Szene zu setzen"
22.05.2019 - 00:00 Uhr
Die 24. Baden-Württembergischen Theatertage starten in zwei Tagen . 16 Orte in Baden-Baden und Umgebung werden bei dem zehntägigen Festival bespielt. Eine große Gelegenheit, die Theaterlandschaft des Landes hautnah zu erleben - und ein Kraftakt für das ausrichtende Theater Baden-Baden. Wir haben das Großereignis zum Anlass genommen, die Intendantin in Baden-Baden zum Interview zu bitten. Das Gespräch mit Nicola May führte BT-Redakteurin Christiane Lenhardt.

BT: Frau May, welche Beweggründe hatten Sie, die Theatertage zum zweiten Mal nach Baden-Baden zu holen?

Nicola May: Es ist einfach ein tolles Festival! Und es ist eine super Gelegenheit, sich einerseits zu zeigen und andererseits die eigene Arbeit ins Verhältnis zu setzen zu den anderen Theaterschaffenden im Land - und natürlich und vor allem die Stadt überhaupt fürs Theater zu begeistern.

Interview

BT: Wie kam es zu dieser Entscheidung?

May: Als Vorstandsmitglied im Landesverband des Bühnenvereins war es für mich auch ein Stück weit ein Solidaritätsakt. Ich dachte, das darf nicht sein, dass das ausfällt...

BT: ... nachdem Konstanz als ursprünglicher Ausrichter der Theatertage abgesagt hatte.

May: Ja, die Übernahme der Theatertage war eine spontane Reaktion. Ich bekam eine Art SOS-Nachricht. An den Vorstand des Landesverbands ging eine Rundmail, in der mitgeteilt wurde, dass Konstanz wohl abspringen würde; angehängt war die Frage: "Was machen wir denn jetzt?" Dann habe ich ziemlich schnell darauf geantwortet: "Vielleicht können wir das machen. Soll ich meine OB fragen?" Damit waren alle einverstanden. Dann bekam das eine richtige Eigendynamik, weil Frau Mergen und der Gemeinderat sehr schnell von der Idee überzeugt waren.

BT: Aus der Erfahrung mit den ersten Theatertagen in Baden-Baden 2005 - gibt es etwas, was Sie unbedingt vermeiden wollten?

May: Natürlich wollen wir einige Dinge verändern und besser machen. Es war mir zum Beispiel gleich klar, dass man das Festivalzentrum anders lösen muss. Das Zelt damals auf der Fieserbrücke war ein schöner Blickfang, aber zu groß. Man kann so etwas nicht von morgens um zehn bis spätabends bespielen. Auf den neuen Ort im Hof des Museums LA8 freue ich mich sehr. Wir wollten auch sonst noch mehr Orte in der Stadt für die Theatertage entdecken und versuchen, das Festival stärker in der Stadt spürbar zu machen.

BT: Warum ist das Kurhaus mit seinen Sälen nicht beteiligt?

May: Das Kurhaus ist auf eine andere Weise dabei. In den Kolonnaden wird das Stück "European House of Gambling" zu sehen sein, die gehören ja auch zur BKV; die Trinkhalle ist Teil unseres Projekts "Welterben". Der Bénazetsaal ist verhältnismäßig teuer und von der Platzkapazität her eigentlich überdimensional. Es ist nicht so einfach, ihn während des Festivals zu bespielen. Mit der Euraka, wo das gesamte Junge Theater untergekommen ist, und der Möglichkeit, dass wir die eine oder andere Produktion vom Abendspielplan in den SWR verlagern können, hat sich ein anderer Kreis an Spielstätten ergeben.

BT: Fehlt den Theatertagen noch ein Wettbewerb, bei dem ähnlich wie beim Theatertreffen in Berlin, die Besten des Landes miteinander konkurrieren?

May: Wir im Bühnenverein denken darüber nach. Einfach aus dem Grund, dass wir immer mehr Mitglieder sind, auch mit den Privattheatern, die zum Teil ebenfalls gerne dabei sein möchten. Irgendwann platzt das Festival aus allen Nähten, und auch finanziell wird es enger. Wir haben jetzt schon eine Strecke von zehn Tagen, die befüllt, bestückt und durchgehalten werden muss. Wenn man das mehr konzentriert, führt das irgendwann automatisch dazu, dass nicht mehr alle mitmachen können. Viele Überlegungen sind dazu noch im Schwange.

BT: Haben Sie die Befürchtung, dass mehr wettbewerbsorientierte Theatertage auch zu elitär werden könnten?

May: Befürchtung ist vielleicht ein zu starkes Wort, dann wäre das Festival halt anders, aber auch interessant. Ich persönlich finde es allerdings jetzt schön, dass es nicht so ist. Weil gerade die Vielfalt möglich wird und auch kleinere Häuser, die vielleicht nicht die Superproduktion machen können, auch vorkommen und das Ganze eben nicht so kompetitiv ist.

BT: Ist es für kleinere und mittlere Theater generell noch möglich, mit den Großen und ihren anspruchsvollen Inszenierungen mitzuhalten? Muss man mehr wagen?

May: Ich begreife uns als Theater für die Stadt Baden-Baden, insofern ist die erste Adresse das eigene Haus und die Leute, die das machen. Es geht auch darum, anzubieten, was wir gut können und natürlich die Zuschauer interessieren könnte. Wie die einzelne Form dann ist, ist nicht mehr eine Frage von wagen oder nicht. Man muss das Gefühl haben, dass etwas stimmt für die Sache und adäquat ist zu dem Werk. Wenn man sagt, "wir müssen etwas wagen, damit wir auch so etwas haben wie die Großen in der Großstadt", dann hat man schon verloren, weil das als Voraussetzung nicht genug ist.

BT: Gewagt haben Sie etwas mit der Inszenierung der "Lehman Brothers", bei der die Zuschauer anfangs auf der Bühne sitzen, dann an der Rampe, später im Zuschauerraum.

May: Ja, das Stück handelt von Geld - und das ist hier immer ein Thema. Die Veränderung von Sitzgewohnheiten finden auf der einen Seite manche ganz toll, auf der anderen Seite ist es vielen suspekt. Klar, war das eine experimentelle Form, aber so stimmig zum Text und so interessant, dass ich mir dachte, das muss funktionieren. Aber man weiß es eben vorher nie, umso mehr freuen wir uns über den großen Zuspruch und dass wir das Stück bei den Theatertagen noch einmal zeigen.

BT: Welche Entwicklungen in der deutschen Theaterszene sind Ihnen in den letzten Jahren aufgefallen?

May: In den letzten zwei Jahren hat sich vor allem das Theater selbst in der Betriebsform mehr überprüft. In den Fokus gerückt wurden Themen wie: dass man im Spielplan mehr regieführende Frauen oder Autorinnen berücksichtigen möchte, warum es weniger interessante Frauenrollen in der Literatur gibt und ob das so sein muss? Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben generell hinterfragt, warum sie immer diejenigen am Theater sein sollen, die am schlechtesten bezahlt sind. Die Arbeitszeiten gehören zu den derzeit meistdiskutierten Themen unter den Kollegen. Wir haben hier einen festen Kern an Schauspielern und sind ein recht übersichtliches Ensemble: So sind wir zwar ein Teil eines bundesweiten Prozesses, aber immer noch beieinander und im direkten Gespräch.

BT: Probieren Sie flachere Hierarchien aus?

May: Ja. Von den Schauspielern kam zum Beispiel der Wunsch, in die Spielplanüberlegungen eingebunden zu werden. Das haben wir in diesem Jahr erstmals ausprobiert. Dieser Austausch im Vorfeld war für alle Beteiligten eine gute Erfahrung.

BT: Welche ästhetischen Entwicklungen gibt es an den Theatern im Land?

May: Man merkt es auch bei den Theatertagen, dass das Theater wieder politischer wird. Man versucht, an viele aktuelle Entwicklungen anzudocken und über die Welt nachzudenken und dies in den Stücken zu verhandeln.

BT: Sollte das Festival diesen Trend spiegeln?

May: Ja. Das habe ich schon auf der ersten Sitzung im Landesverband nach meiner Entscheidung den Kollegen gesagt: "Wir wollen nicht irgendwas zeigen, sondern es soll Relevanz haben. Es soll Spaß machen, aber auch eine Haltung zeigen." Das haben wir dann mit dem "#draußen"-Thema ganz gut getroffen. Die meisten Theatermacher treibt dieses Thema um, insofern war es nicht schwierig die passenden Inszenierungen dazu in den Spielplänen zu finden.

BT: Auch die großen Bühnen sind dabei, die Staatstheater in Stuttgart und Karlsruhe und das Nationaltheater Mannheim. Waren sie gleich dafür?

May: Sie kommen alle mit richtig großen veritablen Produktionen und wollen sich gut präsentieren.

BT: Wie finanziert sich das?

May: Die Theater finanzieren ihr jeweiliges Gastspiel selbst. Sie bekommen hier einen technischen Support, aber den Transport, die Mannschaft, die Besetzung übernehmen die Theater selbst. Müssten wir ihnen Honorare bezahlen, würde das Budget gar nicht reichen.

BT: Wie ist der finanzielle Rahmen der Theatertage?

May: Wir haben ein Budget von knapp 340 000 Euro, davon zahlt ungefähr die Hälfte das Land, die andere Hälfte teilen sich der Bühnenverein und die ausrichtende Stadt. Das klingt im ersten Moment nach viel Geld, doch so ein Festival ist sehr personalintensiv. Wir haben als Einspartenhaus auch nur beschränkte räumliche und personelle Kapazitäten, Die aufzustocken kostet Geld. Dann wollten wir auch mit der Werbung sehr präsent sein und das Festival in die Stadt reintragen. Durch einige Sponsoren haben wir noch zirka 50 000 Euro mehr hinzugewonnen.

BT: Und der Kartenverkauf?

May: Der läuft, aber könnte mehr sein, insbesondere an den für meine Begriffe besonders interessanten neuen Spielstätten, wie etwa dem Studio im SWR gibt es noch Karten. Vielleicht können sich einige Zuschauer einfach noch nicht entscheiden, was von dem großen Angebot sie wählen sollen. Aber wenn das Festival mit dem Eröffnungspicknick am Freitag gestartet ist, passiert sicher noch Einiges.

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