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Wo man Europas Herz deutlich schlagen hört
24.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Volker Neuwald

Baden-Baden - Seit Frankreich und Deutschland im Januar 2019 im Aachener Vertrag unter anderem eine engere Zusammenarbeit im Bereich der grenzüberschreitenden Mobilität beschlossen, ist beiderseits des Oberrheins eine neue Dynamik entstanden: Nie zuvor standen die Chancen so gut, schon lange diskutierte Verkehrsinfrastrukturprojekte endlich "aufs Gleis zu setzen" - und eine bis heute nachwirkende Folge des Zweiten Weltkriegs zu heilen. Dreh- und Angelpunkt aller Überlegungen: die Rheinbrücke bei Wintersdorf.

Europaweit werden milliardenschwere Großprojekte geplant, die entweder erst in vielen Jahren fertig sind oder deren Nutzen für die Bürger überschaubar ist. Auf der anderen Seite beeinträchtigen fehlende kurze Verkehrsverbindungen das Potenzial der EU-Grenzregionen. Diese Lücken (Missing Links) könnten mit verhältnismäßig geringem finanziellen Aufwand geschlossen werden.

2018 stellte die Europäische Kommission fest, dass in der EU 176 grenzüberschreitende Bahnverbindungen fehlen. Bei 48 von ihnen wird ein Lückenschluss als dringend erforderlich erachtet, bei 19 von lokalen Interessenträgern als nutzbringend eingeschätzt. Am 11. April veranstaltete der Eurodistrict Pamina eine Konferenz zum Thema im Europäischen Ausschuss der Regionen in Brüssel. Rémi Bertrand, Präsident des Eurodistricts, erklärte: "Der Missing Link Karlsruhe - Rastatt - Haguenau - Saarbrücken ist ein gutes Beispiel dafür, wie nah die lokale und europäische Bedeutung der Missing Links beieinanderliegen: Vier europäische Korridore verlaufen in unmittelbarer Nähe zueinander, wenige Kilometer Lückenschluss könnten diese Korridore verbinden."

"Die Bürger der Grenzregion hätten einen verbesserten Zugang zum grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt und zur Gesundheits- und Nahversorgung", so Bertrand. "140 Unternehmen entlang der Strecke könnten ihre Waren von der Straße auf die Schiene bringen." Die Vorteile für den Tourismus sind ebenfalls enorm. Kurzum: Hier würde man Europas Herz deutlich schlagen hören.

Vor allem aber stünde eine Ersatzstrecke zur Verfügung, falls einer der großen Eisenbahnkorridore unerwartet blockiert sein sollte. Als europaweit abschreckendstes Beispiel für ein solches Desaster gilt heute die Rastatter Tunnelhavarie von Sommer 2017.

Auf der Karte rechts erkennt man den aus drei Teilen bestehenden Missing Link zwischen Obermodern und Rastatt. TER Alsace steht für das französische Verkehrsunternehmen Transport express régional.

Wann tut sich



endlich etwas?

Man könnte nun aufzählen, wer sich alles bei der EU, im Land, in der Region, bei Kreisen und Kommunen um Planungen und Förderanträge, um Fristen und Stellungnahmen kümmert. Interessanter ist jedoch die Frage: Wann tut sich endlich etwas? Ein Überblick:

Machbarkeitsstudie: Bevor gebaut werden kann, muss geprüft werden, ob sich die Pläne verwirklichen lassen. Der Eurodistrict hat die Federführung. Die Finanzierung der Gesamtkosten von rund 600 000 Euro ist seit einigen Tagen geklärt. 300 000 Euro fließen aus dem Förderprogramm Interreg V. Frankreich übernimmt 200 000 Euro, den deutschen Anteil teilen sich das Land und der Regionalverband Mittlerer Oberrhein. Aus Sicht der Region enttäuschend: Der Bund lehnt eine Beteiligung ab - obwohl er eine Studie für das Bahnreaktivierungsprojekt Colmar - Freiburg mit 250 000 Euro finanziert hat. Aus Berlin erwartet man zumindest Schützenhilfe, wenn es darum geht, der EU die Strecke für einen Förderantrag im Programm "Connecting Europe Facility" schmackhaft zu machen. Die Zeit drängt, bis Juni muss eine Meldung vorliegen. Ende 2020 sollen die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie vorliegen, so die Planung des Eurodistrict.

Neue Brücke für Radfahrer: In Verbindung mit der Machbarkeitsstudie gibt es eine ganze Reihe ergänzender Studien und Projekte - und hier wird es interessant. So werden das Département Bas-Rhin und der Landkreis Rastatt aller Voraussicht nach gemeinsam eine Fahrradbrücke in der Nähe der bestehenden Wintersdorfer Brücke anbauen. Dies bestätigte gestern Mario Mohr, Dezernent im Landratsamt. "Wir haben grundsätzlich Interesse an einer sicheren und attraktiven Querung des Rheins für Radfahrer." Der starke Autoverkehr, die schmalen Fahrbahnen und die Gleisrillen seien für Radler sehr gefährlich, so Mohr. Da die Querung von französischer Seite aus als Eisenbahnbrücke gewidmet sei, werde derzeit der Bau eines separaten Bauwerks für Radfahrer besprochen. So könne man dieses Projekt auch von der Machbarkeitsstudie für die Reaktivierung der Bahnlinie abkoppeln und eigenständig weitertreiben. Mohr: "Wir sind dann raus aus der großen Diskussion." Ein Vorantrag für Interreg-V-Förderung wurde eingereicht, bis Jahresende muss der finale Antrag vorliegen. Auch in diesem Fall muss eine Studie die Machbarkeit nachweisen. "Erst dann können wir sagen, ob die neue Brücke fünf Meter oder 20 Meter neben der Rheinbrücke verlaufen wird." 2020/2021 dürfte die Studie vorliegen. Der Kreis beteiligt sich mit rund 25 000 Euro an den Kosten. Mit den französischen Partnern stehe man in ständigem Kontakt, so Mohr.

Neue Brücke für Autos: Um die überlasteten Grenzübergänge an der Staustufe Iffezheim und zwischen Wintersdorf und Beinheim zu entlasten, plant das Département auch den Bau einer neuen Straßenbrücke, die die Autobahn 35 auf französischer Seite mit der A5 auf deutscher Seite verbinden soll. Denn eine reaktivierte Eisenbahnbrücke in Wintersdorf kann natürlich nicht mehr von Autos befahren werden. Details zu diesen Plänen sind noch nicht bekannt.

Neue Züge für den Nahverkehr: Dass die Région Grand Est auf die Zusammenarbeit mit Deutschland setzt, zeigt sich auch daran, dass sie 25 Züge bestellt hat, die grenzüberschreitend eingesetzt werden können. Dieser Investition liegt eine Resolution des Landes Rheinland-Pfalz und der Région Grand-Est von Juni 2018 zugrunde. Befahren werden soll unter anderem die Linie Wörth - Lauterbourg - Strasbourg. Betriebsstart soll laut Resolution im Dezember 2024 sein. Ob diese Züge dann auch schon über Wintersdorfer Rheinbrücke rollen?

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