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In der Wettkampfarena des Lebens
27.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Georg Patzer,



Thomas Viering und



Christiane Lenhardt

Nach der spektakulären Eröffnung mit einer fast kilometerlangen Picknick-Tafel in der Lichtentaler Allee am Freitagabend - hat es zum Auftakt der 24. Baden-Württembergischen Theatertage in Baden-Baden drinnen und draußen starke Stücke für Junge und etwas Ältere gegeben: Die ganze Vielfalt von der klassischen Aufführung bis zur Mitmach-Aktion hat in den durchweg gut besuchten Aufführungen auch bei den Zuschauern eine große Spielleidenschaft entfacht.

"Hast du eine Glückszahl?", fragt die Dame in ihrem Wahrsagerinnenhäuschen. "Nein? Sehr gut, dann ist ja alles offen." Die Hände soll man um die drei Würfel schließen, sich konzentrieren, die Energie hineinlenken, und wenn man bereit ist, loslassen. Fünf. "Oh, das ist gut. Die Fünf wird dir deine Fragen beantworten. Ich verspreche dir einen großen Gewinn." Und dann soll man weitergehen, die Fragen und die Fünf immer im Kopf. "Wenn du gewinnst, bekomme ich zehn Prozent. Wenn du verlierst, bekommst du von mir deinen Einsatz zurück."

An welchem Platz wäre das "European House of Gambling" wohl besser aufgehoben als hier ganz nah beim Baden-Badener Casino. Mit vielen Buden, Musik, in glitzernden Gewändern gekleidete Animationsdamen und Glücksspielen lockt das Stück des Stuttgarter Theaters "Die Rampe" unter der Leitung von Tanja Krone schon am Samstagabend viele Besucher der Theatertage zu den Kolonnaden, am Sonntagnachmittag und auch heute Abend wird weiter gezockt.

Es ist ein Mitmach-Theater der besonderen Art. Normalerweise sind solche "Volkstheater" ja ernste Angelegenheiten, es geht um Demokratie, um Teilhabe (und darum, auch mal auf der Bühne zu stehen). Hier geht es zunächst vor allem um Spaß, das "European House of Gambling" ist eine Mischung aus Zirkus, Show und Jahrmarkt, Spielhölle, Schaubude und Wettkampfarena. Aber das täuscht auch. Ernst wird es nach und nach.

Es beginnt damit, dass man sich die ersten Schlüssel, die Währung des Abends, erwürfeln muss. An den Spieltischen kann man die Schlüssel einsetzen, verdoppeln, vervielfachen. Auf Karten setzen und gegen die Bank spielen, auf Gewinn oder Verlust eines Spielers setzen, auf einem Tarot-Roulette sich dem Glück überlassen (fünfmal auf die Fünf setzen) und dabei etwas über das Schicksal erfahren. Und nebenbei einem Zauberkünstler zusehen, dem alle seine Tricks misslingen. Mit großer Lust überlässt sich das Publikum schon am ersten Abend dem Spiel und Spaß.

Es beginnt dann aber leicht zu kippen, als sich alle Spieler vor dem großen Glücksrad in zwei Gruppen einteilen sollen: Die, die etwas für andere tun, und diejenigen, für die immer andere etwas tun. Und dann werden die, die immer etwas für andere tun, damit "belohnt", dass sie die Hälfte ihres geschenkten oder erspielten Reichtums den anderen abgeben müssen. Ab da wird es immer mehr zu einer Reflektion über Zufall, gesellschaftliche Strukturen und Macht. Eine Intervention, ein reflektiertes Sozialexperiment, bei dem die Zuschauer sehr schnell auch miteinander diskutieren und ins Nachdenken kommen.

Die drei Tode eines



Pubertierenden

"Erschieß die Apfelsine" vom Jungen Theater Konstanz zeigt aus der Sicht eines Pubertierenden wie sehr man sich als Pubertierender unverstanden fühlt und tatsächlich unverstanden ist angesichts der Empathielosigkeit seiner Umwelt: Das gilt in dem Stück auf der Akademiebühne in der Cité insbesondere für die eigene (alleinerziehende) Mutter, die Lehrkörper und die tumben Mitschüler, genauso wie für die Bonzenkinder, die allesamt ihr Egosekret absondern und sich doch recht wenig von der Masse abheben. Die Akteure in der Inszenierung des Jugendromans von Mikael Niemi (Regie: Stefan Eberle) sind grau in grau gekleidet, was die Assoziation an die Gegenwelt ohne Lachen in Michael Endes "Momo" weckt.

Der Titelheld führt am Rande der Wahrnehmbarkeitsgrenze in der Masse auf der Suche nach seiner Persönlichkeit und seinen individuellen Fähigkeiten (hier ist es die Poesie) und deren Anerkennung einen einsamen Kampf für Toleranz und Gedankenfreiheit - und wird dabei noch gegängelt von seinem besten Stück.

Eberle inszeniert nahezu requisitenlos, dafür aber mit viel Spielraum, der mit Witz, Augenzwinkern und lauter Musik vom Ensemble vitalisiert wird. Zusätzlich verlagert die Regie die Handlung sehr pragmatisch in virtuelle Räume, die quasi per Videokamera betreten werden. Überall verliert der Ich-Erzähler den Boden unter den Füßen; im übertragenen Sinn verliert er sogar mehrmals sein Leben.

Der Tod scheint der einzige Ausweg zu sein. Gefühlter Tod eins: als seine erste große Liebe ihn brüsk abserviert. Ein weiteres Leben ist beendet, nachdem er, den grauen Alltag mit bunter Kittelschürze bekämpfend und Gedichte verfassend, von allen Seiten gemobbt wird ("Bist du schwul?!") und sich von der Treppe stürzt. Schließlich befindet er sich ganz und gar in der Opposition, hängt Transparente an der Schule auf. Ein aufsehenerregender Schrei nach Liebe: "Bombardier ihre Gedanken, das Runde soll zu Herzen werden". Kurz nachdem es fast zum Amoklauf an der Schule gekommen wäre, gibt es ein kleines Glück. Eine Mitschülerin versteht ihn nur zu gut, sie denkt und fühlt wie er.

Das deprimierende Stück in aktueller Schulhofsprache zeigt, wie düster eine Pubertät aus der Sicht des Leidenden sich heutzutage äußert und wie sehr das Leiden aus dem Ruder laufen kann, wenn einem innerhalb eines kollektiven Versagens versagt bleibt, was Goethe und Schiller ("Fuckin' Leitkultur") über die Freundschaft schon seit längerem herausgefunden haben: "Selig, wer sich vor der Welt, /Ohne Hass verschließt, / Einen Freund am Busen hält, / Und mit dem genießt", oder der andere: "Wem der große Wurf gelungen, / Eines Freundes Freund zu sein, / Wer ein holdes Weib errungen, / Mische seinen Jubel ein!"

Country-Musik zum



Sterben schön

Diese beiden Genres schließen sich eigentlich gegenseitig aus, aber die anrührende Familientragödie im Hillybilly-Milieu, die das Badische Staatstheater zu den Theatertagen mitgebracht hat, ist fast schon große Oper: In "The Broken Circle" mit Whiskey-Flaschen, Pillen und Alabama-Flair hat ein gebrochenes Pärchen aus der Country-Szene, das den Krebstod seines Töchterchens verkraften muss, den letzten großen Auftritt. Mit ihrer dreisprachigen Inszenierung (deutsch, schwedisch, englisch), begleitet von einer exzellenten Bluegrass-Band, entfacht die Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann bei den Zuschauern im Theater Baden-Baden eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Mit beeindruckender Stimme und emotionaler Wucht treiben Opernsängerin und Schauspielerin Frida Österberg und der Karlsruher Schauspieler Jannek Petri als Country-Punk das unkonventionelle Musiktheaterstück voran, da verbindet sich der Blues mit ansteckender Spiel- und Tanzlaune. Und der Clou ist Töchterchen Maybelle als sprechende Puppe (von Puppenspielerin Julia Giesbert begleitet), deren leises Entschlafen zu Herzen geht. Die so leichtfüßige wie aufwühlende Vorlage von Johan Heldenbergh und Mieke Dobbels hat auch schon als Filmversion große Erfolge gefeiert auf internationalem Parkett.

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