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"Wir sind alle Quereinsteiger"
'Wir sind alle Quereinsteiger'
31.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Ohne sie passiert nichts auf der Bühne: Die Inspizienten leiten bei den Aufführungen einen Riesenapparat, sowohl technisch als auch künstlerisch. Ein verantwortungsvoller Job, der von Quereinsteigern geleistet wird, jeder ein Einzelkämpfer. 2013 wurde das Inspizienten-Netzwerk gegründet, um sich besser austauschen zu können - bei den Baden-Württembergischen Theatertagen haben sie sich wieder getroffen. Ralph Hönle, Inspizient des Landestheaters Tübingen, organisiert das Netzwerk; mit ihm im Team sind Sabine Konz von der Staatsoper Stuttgart und Marc Brinckmann vom Münchner Prinzregententheater. Am Theater Baden-Baden arbeitet Mathias Hess als Inspizient. Im BT-Gespräch in Baden-Baden geben sie Einblicke in ihren Berufsstand.

Was macht ein Inspizient?

Marc Brinckmann erklärt das so: "Was der Dirigent fürs Orchester ist, das sind wir für alles, was bei der Vorstellung auf der Bühne passiert. Wir organisieren den Ablauf auf der Bühne und sind auch für die Sicherheit verantwortlich. Wir sagen, wann die Zuschauer in den Saal dürfen, wann das Licht ausgeht, sich der Vorhang öffnet, der Dirigent auftritt oder die Darsteller ihren Auftritt haben, wann welche Verwandlung passiert und sich das Licht ändert. Das passiert alles nicht von alleine, sondern nur, wenn wir sagen: Jetzt."

Nach welchem Plan läuft das?

"Das sind Abläufe, die während der Proben erarbeitet worden sind, und die wir am Vorstellungsabend im Sinne des Regisseurs immer wieder ausführen, die in den meisten Fällen dann nicht mehr da sind", sagt Sabine Konz.

Welche Ausbildung hat ein Inspizient?

"Wir sind alle Quereinsteiger", erklärt Ralph Hönle. Marc Brinckmann ergänzt: "Im deutschsprachigen Raum waren das klassischer Weise Sänger, Tänzer oder Schauspieler, die ihren eigentlichen Beruf aus verschiedenen Gründen nicht mehr ausüben konnten." Hönle konkretisiert: "Ich habe eine Handwerksausbildung als Modellbauer, bin dann zum Theater als Bühnentechniker. Kein halbes Jahr später wurde die Position des Inspizienten am Landestheater in Tübingen frei." Kollegin Konz erzählt: "Nach meinem Sprachenstudium habe ich eine Zeit lang in Frankreich als Produktionsleiterin im Konzertbereich gearbeitet, bin dann über eine Hospitanz an der Pariser Oper bei den Inspizienten gelandet. Marc Brinckmann: "Ich habe Lehramt studiert, aber während meines Studiums im Theater als Regieassistent gearbeitet, in der Zeit musste ich oft inspizieren. Dann habe ich mich entschieden, Inspizient zu werden." Der Baden-Badener Inspizient Mathias Hess erklärt: "Ich habe eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker hier in der Eventakademie gemacht."

Wann machen Inspizienten mal frei?

"Innerhalb der Spielzeit ist es schwierig, selbst ein eintägiges Netzwerk-Treffen wahrzunehmen", sagt Hönle: "Man kann dafür keinen Urlaub nehmen, sondern das Theater befreit einen, wenn möglich für diese Zeit, aber immer auf Widerruf."

Wer kommt zum Treffen?

"Wir haben das Treffen bundesweit ausgeschrieben, auch die Schweizer eingeladen. Elf kommen. Viele Kolleginnen und Kollegen haben wieder abgesagt, weil an ihren Theatern kurzfristig eine Probe angesetzt worden ist", so Hönle.

Welche Themen hat das Netzwerk-Treffen?

"Unser Netzwerk ist 2013 in Schwerin gegründet worden, ein zusammengewürfelter Haufen, der keine Qualifizierungsstandards hat", erklärt Hönle: "Wir geben das Go für Verwandlungen, Maschineriebewegungen, schicken Techniker zu den Scheinwerfern, die dann im Schnürboden herumklettern und so weiter. Man trägt dabei eine hohe Verantwortung und hat keine berufliche Qualifizierung nachzuweisen. Deswegen versuchen wir als Netzwerk zusammen mit dem Deutschen Bühnenverein und der Gewerkschaft, nun eine Qualifizierung für den Inspizientenberuf hinzukriegen."

Welche Ausbildung ist das Ziel?

"Keine Ausbildung im klassischen Sinne, aber eine Qualifizierung, die sollte modular erfolgen. Die vielen erfahrenen Inspizienten, die das seit Jahren machen, brauchen das nicht mehr, aber die Berufseinsteiger. Das betrifft nicht nur die Theater-Inspizienten, zu uns gehört auch die Veranstaltungswirtschaft mit Messebauten und Konzertveranstaltern. Früher oder später wird es so sein, dass niemand mehr im Bühnenbereich als Inspizient arbeiten kann, der nicht im Bereich Sicherheit im Bühnenraum qualifiziert ist."

Wie sieht die Ausbildung in anderen Ländern aus?

Brinckmann: "In Großbritannien und in den USA ist es ein Studium, das Stagemanagement. Ohne diesen Abschluss darf man das nicht machen. Viele junge Kollegen studieren deshalb in Edinburgh oder in Wales Stagemanagement, um hier arbeiten zu können.

Sollte es hier einen ähnlichen Studiengang geben?

Hönle: "Hier gibt es das Meistertum. Der Meister hat bei uns rechtlich eine sehr hohe Wirkung. Wir wollen keinen Studiengang als Standard, sonst kämen wir den Bühnenmeistern in die Quere. Wir bräuchten nur eine modulare Basisqualifikation. Damit kann man den Job gut machen.

Und wie sieht die Bezahlung aus?

Hönle: Der Inspizient hat einen sogenannten Bühnennormalvertrag - und kann zwischen 2000 und 4200 Euro brutto verdienen. Die Theater versuchen, so wenig wie möglich Geld auszugeben für die größtmögliche Qualität. Wenn man als Inspizient zwischendurch mal Geld verdienen will, kann man als Veranstaltungstechniker in die Wirtschaft gehen."

Wie steht es um den Nachwuchs?

"Bei den Ausbildungen für Veranstaltungstechniker gehen nur zwei von 30 Leute ans Theater. Es gibt schon Hochrechnungen, dass in absehbarer Zeit die Theater nicht mehr bespielbar sind, weil das technische Fachpersonal fehlt", sagt Hönle: "Das liegt auch an der Vertragsform - die Bühnenverträge sind immer auf eine Spielzeit befristet. Die Arbeitgeberseite, die Ministerien und Kommunen, wollen keine Leute am Theater in der Unkündbarkeit haben, damit sich eine neue Intendanz auch ihr Schauspielensemble neu zusammenstellen kann. Weil die Inspizienten die gleichen Verträge wie die Schauspieler haben, werden auch sie manchmal rausgeschmissen. Das ist natürlich Kokolores und hat mit dem Qualitätsgedanken nichts mehr zu tun."

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