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Berührend und aufklärend
Berührend und aufklärend
31.05.2019 - 00:00 Uhr
Von Georg Patzer

"Eine Legende im Talmud sagt: Wenn ein Kind geboren wird, hält es eine Kerze über dem Kopf, als Symbol, dass es alles weiß. Im Moment der Geburt bläst ein Engel die Kerze aus, und das Kind vergisst alles. Während seines Lebenswegs muss es sich wieder an alles erinnern, was es vergessen hat." Erinnerung aber ist manchmal ein schmerzhafter Prozess.

Lieber verdrängt man alles Schlimme, was passiert ist. Will nicht darüber sprechen, will es nicht noch einmal erleben. Wie die Tatsache, dass Maryam in einem Gefängnis geboren ist, im Iran. Dass ihre Eltern geschlagen und gefoltert wurden, ihre Freunde ermordet und erhängt, und die Mutter mit der zweijährigen Tochter 1985 nach Frankfurt fliehen konnte, der Vater ein paar Jahre später.

Jetzt ist Maryam Zaree eine bekannte Schauspielerin in Deutschland (unter anderem im "Tatort" und in der Serie "4 Blocks") und macht sich mit der Kamera auf die Suche nach ihrer Geschichte, an die sie sich nicht erinnert. Sie fragt ihre Mutter, aber die will nicht darüber sprechen, wie es war, als sie Maryam bekommen hat. Sie sucht nach anderen Kindern, sie besucht Konferenzen von iranischen Frauen, aber sie findet nur wenige, die darüber reden wollen. 30 Jahre Schweigen. Dennoch setzen sich die Bruchstücke langsam zusammen, manchmal nur aus Kleinigkeiten, wie dem Handtuch, das der Vater aufbewahrt hat: Wenn ein Häftling zum Hängen abgeholt wurde, gab er sein Handtuch an den nächsten weiter - seines hatte zwei Vorbesitzer.

Mit dem ergreifenden Dokumentarfilm "Born in Evin" von Maryam Zaree über ein Gefängnis für politische Häftlinge in Iran ist das sechste Karlsruher Dokumentarfilmfestival dokka eröffnet worden - mit einem Film, der die Emotionen durch die Darstellung der Fakten aufwühlt. Wie immer ist das Programm sehr abwechslungsreich, politisch und privat, berührend und aufklärend. Wie immer unterstützt die Stadt Karlsruhe das Festival, denn es sei, wie Bürgermeister Albert Käuflein bei der Eröffnung sagte, "eine ganz große Bereicherung für unsere Stadt - es gehört einfach dazu."

Heute, Freitag, erzählen die Filme von der Liebe von Michael zu seinem Bruder Markus, der einen schweren Unfall nur knapp überlebt ("Bruderliebe", 14.30 Uhr), und Demenzkranken, die voller Lebensfreude sind und ein "inneres Leuchten" (19 Uhr) haben, und von armen, rumänischen Pilzsammlern ("Olanda, 21.15 Uhr). Gespannt sein darf man auch auf die Filme am Samstag, in denen es um ein Treffen von vier Indern ("Strangers", 15 Uhr) geht, die sich nicht kennen, ein Obdachloser, eine Studentin, ein Moslem, ein Hindu - eine spannende Versuchsanordnung, um das kanadische Fort McMurray und die Ölförderung dort ("Dark Eden", 19 Uhr) und um den DDR-Kulturpolitiker Klaus Gysi ("Der Funktionär", 21.15 Uhr). Politisch geht es am Sonntag zu Ende mit Filmen über Flüchtlingsunterkünfte und ihre Nachbarn ("Nachbarn", 14.30 Uhr) und unser Bild von Afrika anhand von lange vergessenem Archivmaterial ("African Mirror", 18 Uhr). Dazu gibt es eine Installation von Gregor Kuschmirz im nahen Architekturschaufenster und Hördokumentationen etwa über Peter Brooks Theaterarbeit, die Verfolgung Homosexueller zur Nazizeit und die drohende Finanzblase in der EU.

Und natürlich die Abschlussgala am Sonntag mit Preisverleihung und Live-Performance (20.30 Uhr): Es gibt den dokka-Preis der Stadt Karlsruhe, den Preis für eine Hördokumentation und den Förderpreis. Und danach eine Fete. Wie immer sind alle Filme- und Hörspielmacher anwesend, und im Zelt vor dem Kino Kinemathek, in dem das Festival wie immer stattfindet, kann man mit ihnen über ihre Arbeit dis kutieren.

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