www.spk-bbg.de/branchensieger
http://www.badisches-tagblatt.de/weihnachtsabo/index.html
Vorsicht! Tödlicher Mythos
04.06.2019 - 06:32 Uhr
Von Thomas Weiss

Viel ist von Johann Wolfgang von Goethes "Iphigenie" nicht erhalten geblieben am Karlsruher Scha uspiel: Der zweistündigen, pausenlosen Aufführung wird als Vorgeschichte der Handlung das Schauspiel des Euripides "Iphigenie in Aulis" beigefügt, ansonsten sind es brachiale Kürzungen und ein unverständlicher, den Intentionen Goethes zuwiderlaufender Schluss, der diesen kaum überzeugenden Abend krönt.

"Iphigenie in Aulis" ist der Vorgeschichte gewidmet, die dem Zuschauer den ewigen Kreislauf von Mord und Rache näher bringt. Im Kleinen Haus des Staatstheaters waten die Schauspieler aus unerfindlichen Gründen in einer Art Schwimmbassin (Bühne: Paula Wellmann), es fließt das Bühnenblut - Vorsicht: tödlicher Mythos.

Die griechische Flotte wartet in Aulis auf die Überfahrt nach Troja, um den Krieg zu beginnen. Die Windstille, die die Schiffe vom Auslaufen abhält, kann nur beendet werden, wenn Agamemnon, der nicht unumstrittene Führer der Griechen, seine Tochter Iphigenie der Göttin Artemis opfert. Timo Tank, einer der wenigen an diesem Abend überzeugenden Darsteller des Karlsruher Schauspiels, ringt und kämpft mit sich, bevor er seine Tochter mit dem falschen Versprechen, sie mit Achilles zu verheiraten, ins Lager der Griechen kommen lässt. In Lilja Rupprechts Inszenierung sind alle Darsteller lemurenhaft weiß geschminkt und gekleidet (Kostüme: Christiana Schmitt) sowie kahlköpfig, was wie so vieles bei dieser düsteren Aufführung wenig überzeugt.

Sonja Viegener gibt sich als junge Iphigenie - später bei Goethes Schauspiel übernimmt Rahel Ohm ihren Part, ohne dass die "jüngere" Iphigenie verschwindet - fast emphatisch als vermeintliches Opfer hin, während Antonia Mohr als ihre Mutter Klytämnestra ihrer Verachtung für Agamemnon freien Lauf lässt. So wird hier die Keimzelle für den späteren Mord an Agamemnon gelegt. Der kaum zu verstehende "Kinder-Chor" - die Weltrettung ist doch sonst für den Freitag angesetzt - warnt vergeblich vor dem Opfer. Artemis selbst verhindert es, tauscht Iphigenie gegen ein Reh, das die Griechen an ihrer Stelle töten.

Korintherbrief



statt Goethe

Bei Goethes "Iphigenie" ist die Gerettete nun Priesterin im Tempel der Diana in Tauris. Sie hat dem Gebot zu folgen, alle Fremden zu opfern. Thaos, der König der Taurier, der von Timo Tank nun überzogen "barbarisch" angelegt wird, wirbt um sie, bis sie das Geheimnis ihrer Herkunft aus dem verfluchten Geschlecht der Atriden preisgibt.

Denn inzwischen ist der Vater Agamemnon von der Mutter ermordet worden, die wiederum von ihrem Sohn Orest aus Rache für den Vater getötet wurde. Orest, von seiner Schuld verfolgt und dem Wahnsinn verfallen, kommt mit seinem Gefährten Pylades (Sven Daniel Bühler) nach Tauris, ohne die Schwester zu erkennen. Tom Gramenz spielt diesen von seiner Schuld Gezeichneten allzu outriert.

Bei Goethe wollen Orest und sein Gefährte das Bildnis der Diana rauben und als Sühne für die Schuld des Orest zurückbringen. Iphigenie, der Lüge unfähig, erklärt sich Thaos, der den Barbaren in sich überwindet und, so der humanistische Schluss bei Goethe, die drei Griechen ziehen lässt. Nicht so im Karlsruher Schauspiel. Hier greift Iphigenie auf die Bibel und den Korintherbrief zurück: "Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz", was aber den rasenden Thoas nicht überzeugen kann. Derweil begeht Orest Selbstmord.

Mit dem Mythos kann die Aufführung offensichtlich nichts anfangen, hingegen erscheint Iphigenie als platt-feministisches Opfer der bösen Männergewalt. Eine Absage an Goethes Humanismus, eine "Korrektur" nach den geschichtlichen Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte, wäre sicher diskussionswürdig. Der unverständlich-chaotische Schluss lässt aber doch alle Zweifel an der Inszenierung von Lilja Rupprecht kulminieren.

BeiträgeBeitrag schreiben 
Umfrage

Am 9. November 1989 wurde die Mauer in Berlin von Bürgern der DDR überwunden. Was meinen Sie: Sind wir 30 Jahre nach dem Mauerfall wieder zu einer Nation zusammengewachsen?

Ja.
Nein.
Das weiß ich nicht.

https://www.eyesandmore.de
Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1