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Molke, Cellulose oder Schafwolle
Molke, Cellulose oder Schafwolle
05.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Brigitte J. Henkel-Waidhofer

Stuttgart - Schon wieder will Baden-Württemberg einen Spitzenplatz unter den Ländern erobern: als Modellregion "für eine biobasierte, nachhaltige und kreislauforientierte Wirtschaftsform". Das klingt sperrig, könnte aber gerade dem Mittelstand helfen, etwa durch die Rückgewinnung teurer Rohstoffe. Und es wird den Alltag der Menschen verändern - von der Ernährung bis zum Umgang mit Abfall. Peter Hauk, der CDU-Minister für ländlichen Raum, spricht von der Notwendigkeit "politischer und ökonomischer Anreize", um "gesellschaftliches Umdenken" zu befördern.

Was unterscheidet Bioökonomie von Recycling?

Seit Jahrzehnten ist Kreislaufwirtschaft in Kommunen selbstverständlich, beim Umgang mit Abfall, auf Wertstoffhöfen oder in der Beschaffung. Für Unternehmen oder Unis ist zum Beispiel die Verwendung von Recyclingpapier selbstverständlich. Die Uni Tübingen wurde 2016 sogar als bundesweit führend ausgezeichnet. Bioökonomen wollen aber mehr erreichen als die klassische Wiederverwertung. Erneuerbare Ressourcen sollen "in Produkte mit einem Mehrwert verwandelt werden, wie Lebensmittel, Futtermittel oder Bioenergie", schreibt die EU in einer Definition. "Die Landesregierung will die baden-württembergische Wirtschaft auf ein klimaneutrales Fundament stellen und gleichzeitig innovative Wirtschaftsfelder besetzen, deren Wertschöpfung zu einem großen Teil in den Regionen selbst liegt", erläutert Umweltminister Franz Untersteller. Der Grüne verantwortet die neue "Landesstrategie" Bioökonomie gemeinsam mit Hauk.

Welche Projekte werden auf den Weg gebracht?

Bis 2024 und damit über das Ende der Legislaturperiode hinaus wird Grün-Schwarz 50 Millionen Euro investieren, um insgesamt 36 Maßnahmen anzustoßen. Darunter ist ein sogenannter Bioökonomie-Truck, der Interessierte vor Ort über den individuellen und gesamtgesellschaftlichen Nutzen informieren soll. Eine weitere Maßnahme will Lebensmittelverschwendung reduzieren. Mit mehreren "Querschnitthandlungsfeldern" will Baden-Württemberg seine Kompetenzen als "Förderungs-, Innovations-, Ausbildungs- und Wirtschaftsstandort für nachhaltige Bioökonomie" herausstellen. Eingerichtet wird auch ein Experten-Beirat.

Welche Produkte veranschaulichen das Potenzial?

Der 2003 verstorbene grüne Bundestagabgeordnete Willi Hoss hatte seinen früheren Arbeitgeber Daimler-Benz schon Anfang der Neunziger Jahre davon überzeugt, nachwachsende Rohstoffe zu verwenden. Mit der Kooperation zur Unterstützung der Regenwälder in Amazonien wurde auch die Uralt-Idee von Henry Ford wiederaufgenommen, der bereits Holzfasern, Hanf, Sisal und Weizenstroh in der Autoproduktion genutzt hatte, vor allem wegen des geringen Gewichts und des sinkenden Kraftstoffverbrauchs. Längst sind zahllose Produkte in unterschiedlichsten Segmenten auf dem Markt. Von der Verpackungsindustrie, in der aus Molke statt aus Kunststoff hergestellte vollständig kompostierbare Bänder eingesetzt sind über die Gebäudedämmung durch Schafwolle bis zur Cellulose in der Kosmetik.

In welchen Bereichen könnten rasch Ergebnisse sichtbar werden?

Förster wie Hauk verstehen sich als Vorreiter, weil Wälder in Deutschland bereits seit 300 Jahren nachhaltig bewirtschaftet werden. Bewährte Konzepte müssten jetzt weiterentwickelt und auf möglichst viele Lebens- und Wirtschaftsbereiche übertragen werden, so der CDU-Minister, der große Potenziale auch im Holzbau sieht. Untersteller wiederum verweist auf "Abfälle und Abwasser, die enthalten nutzbare Rohstoffe, die wir zurückgewinnen können". Die neue Strategie "birgt Potenziale zur Bewältigung des Klimawandels, zur Sicherstellung der Lebensmittelversorgung und zur Befriedigung von Konsum-Bedürfnissen".

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