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Blutige Maskeraden der Politstrategen
22.06.2019 - 07:20 Uhr
Von Christiane Lenhardt

In seinem Trauerspiel "Maria Stuart" führt Friedrich Schiller machtbewusste Menschen unter höchstem Handlungsdruck vor. Zur Eröffnung der Mannheimer Schillertage hat Regisseurin Claudia Bauer das Königinnendrama im Nationaltheater als vielstimmiges, stilisiertes Machtspiel maskierter Politstrategen inszeniert. Die beiden großen Frauenrollen des Theaters, Elisabeth und Maria, werden einem verwirrenden Geschlechterspiel geopfert: Mann, Frau, Herrscherin, Berater, Liebhaber, Konkurrent: steckt nicht in jedem oder jeder ein bisschen von allem? Acht Schauspieler schaffen glänzend die behänden Rollenwechsel.

In der zentralen Szene, wenn die Königin von England auf die von ihr gefangen gehaltene Königin von Schottland trifft, prallen vier Elisabeths und vier Marien auf einem Schachbrettmuster aufeinander: Unterscheidbar sind die vermeintlichen Konkurrentinnen um den Thron nur an den Perückenungetümen - an der roten, herzförmigen Turmfrisur, wie weiland die historische Elisabeth sie trug, und dem dunklen Dutt Marias, unter denen sich die jeweiligen Gruppenmitglieder wie unter Helmen verschanzen. So werden die königlichen Körper gegeneinander ausgespielt - während die einen arrogant und abschätzig alles Flehen der um Gnade Bittenden an sich abperlen lassen, werden die Gedemütigten zu Rächerinnen: Der Showdown endet in Verbalattacken und Handgreiflichkeiten.

Die Abgründe der Figuren sind tief. Machtzwang, Fremdbestimmung, Triebkontrolle entfesseln schon Schillers Helden. Das politische und persönliche Gezerre um die wegen Gattenmordes nach England geflohene und dort verhaftete schottische Königin Maria Stuart treibt alle - den Staatsrat, der nach gefälschten Zeugnissen politisch urteilt, wie die selbst ernannten Retter Mariens - an ihre Grenzen.

In Mannheim beginnt der Kreislauf aus Gewalt und Intrigen am englischen Hof auf Patricia Talackos Bühne in acht Garderoben mit Flittervorhang, Zellen ähnlich, aus denen die Schauspieler wie aus Basis-Stationen oder Kommentatorenkabinen heraus agieren. Regisseurin Bauer zitiert viel in ihrer Inszenierung: in Spiel-im-Spiel-Varianten oder Maskeraden die Theatergeschichte und die Selbstinszenierung der modernen Netzgesellschaft.

Noch bevor die Handlung ihren Lauf nimmt, wird das Drama im Schnelldurchlauf aus den Zellen gesendet - per Video werden die Heldinnen und ihr Umfeld bei ihren Gefühlsausbrüchen eingespielt und scharf rangezoomt. Sie sind auf den Bildschirmen frei zur Begutachtung. Weiße Gesichter, schrille Maskeraden, die in den Kostümen von Andreas Auerbach mit ihren spitzen Schößen und den hohen Krägen entfernt an das elisabethanische Zeitalter, der Epoche des blutig endenden Königinnenfalls, erinnern. Bauers Geschöpfe sind aber eher Hybride, fratzenhafte Chimären der Geschichte auf ihrer Präsentationsfläche, wo unter Neonlicht erbarmungslos die Maskierungen und Demaskierungen ausgeleuchtet werden. Herrscherin Elisabeth geht fast unter in diesem zappelnden Machtspiel, die Dialoge werden teils per Mikro vom Pult aus eingesprochen. Maria wird wie eine Marionette in ihrem eigenen Reifrock aus Stahl gefangen gehalten. Dazwischen tauchen wie ferngesteuerte Harlekine der bissige Burleigh und der wendige Leicester auf.

Vor diesem ungestümen Szenario, das den Darstellern das Äußerste an Kraft und Ausdruck abverlangt, formieren sich die Kräfte, die um Marias Leben kämpfen oder für ihren Tod intrigieren, alle sind sie gefangen im selben System und erproben im eng gesteckten Rahmen des höfischen Kalküls ihre Macht - berechnend die einen, von Liebeslust getrieben die anderen. Aber Machtpolitik und Angst vor der Verantwortung lässt keinen Spielraum für privates Glück oder Rettungsfantasien. Hinter jeder Garderobe lauern die Häscher. Eindringlich ist die auf knapp zwei Stunden konzentrierte Inszenierung des großen Schiller'schen Geschichtsdramas. Mitunter allerdings bohrt sich das affektgesteuerte Geschrei allzu schmerzhaft und platt in die Zuschauerohren hinein.

Geradezu monströs wird die Hinrichtung Maria Stuarts als blutig-schriller Monolog noch hinzugefügt, wie sich Berichten zufolge nach der Henkerstat einer ihrer Hunde in den Falten ihres blutüberströmten Kleides verkrochen haben soll. Die Aufdeckung der Verleumdung kommt zu spät. Mit viel Geschrei in enervierenden Satzwiederholungen drücken sich alle davor, die Verantwortung zu übernehmen. So bläut uns die Regisseurin ein, dass das Machtspiel nicht endet.

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