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Die Freiheit, ein Mensch zu sein
25.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Sabine Rahner

Der abgebrannte Scheiterhaufen vor der Tribüne raucht noch, während das Publikum seine Plätze einnimmt: Schillers "Don Karlos" ist das diesjährige Freilichtstück des Theaters Baden-Baden. Das ist kein heiter-unterhaltsamer Stoff, doch in dieser ausgefeilten Inszenierung, mit derart gut sprechenden Darstellern und einer ideal funktionierenden Technik wird Schillers "dramatisches Gedicht" zu einem eindrucksvollen Theaterabend.

Regisseur Maximilian von Mayenburg war bei der Premiere schon abgereist, die erste Vorstellung fiel ja einem Wolkenbruch zum Opfer. Tatsächlich möchte man diesen gut zweistündigen Abend nicht erleben, wenn die als Bühne dienenden Gerüstaufbauten vor der passenden Kulisse der Baden-Badener Stiftskirche nass und rutschig sind, denn die Schauspieler turnen virtuos rauf und runter.

Nah am Text,



ohne Mätzchen

Das weit ausladende Gerüst, das Ralph Zeger als rudimentäres Bühnenbild konzipiert hat, wirkt zunächst etwas trostlos, doch entwickelt sich die dahintersteckende Idee der Gleichzeitigkeit im Lauf des Abends zwingend. Die meisten Schauspieler sind während der Vorstellung immer zu sehen, auch wenn sie nicht zur Handlung beitragen. Über allen thront König Philipp in einsamer Höhe. In diesem Bild ist viel Platz für Lauscher, die ihre eigenen Interessen am strengen spanischen Hof durchsetzen wollen. Die Regie nutzt die Möglichkeit, im straff gekürzten Stück mehrere Handlungsstränge parallel zu zeigen und wortlos innere Beweggründe der Figuren zu verdeutlichen.

Die Frauenräume sind weit weg vom politischen Zentrum des Hofs, Don Karlos braucht ein Fernglas, wenn er seine große Liebe Elisabeth sehen will. Dass sein Vater diese ursprünglich ihm zugedachte junge Braut selbst aus Gründen der Staatsräson geheiratet hat, wirft den schwärmerischen Prinzen aus der Bahn. Doch die Liebesgeschichte ist nur ein Strang in diesem Frühwerk Friedrich Schillers: Die schonungslose Darstellung der spanischen Inquisition und ihrer knochentrockenen Vertreter steht auch im Mittelpunkt. Dazu kommt als weiterer Handlungsstrang der Freiheitskampf der Provinz Flandern gegenüber der spanischen Krone, den Marquis von Posa vertritt. Dessen Forderung im zentralen Gespräch mit dem König - "Geben Sie Gedankenfreiheit!" - hat zu allen Zeiten und in den unterschiedlichsten Zusammenhängen die Zuschauer fasziniert und fasst die zeitlose Bedeutung dieses Dramas pointiert zusammen.

Regisseur von Mayenburg hat sehr genau mit den Schauspielern gearbeitet, ganz nah am Text und ohne irgendwelche Mätzchen. Nur wenige Gesten genügen ihm, um ein Charakterbild zu entwerfen. So etwa nimmt Posa dem Regenten vorsichtig die Rüstung ab, wenn er mit ihm über das Menschsein an sich und den Menschen im Königskostüm im Besonderen spricht - ein vielsagendes Bild.

Zur atmosphärischen Dichte des Abends trägt wesentlich die Cellistin Regina Wilke bei, die vielen Szenen eine musikalische Deutung gibt. Dabei greift sie auch auf Melodien aus Verdis Opernfassung dieses Dramas zurück, etwa wenn Philipp über sein Schicksal als ungeliebter Ehemann räsoniert.

Schauspielerisch überzeugen durchweg alle Mitwirkenden, allen voran Simon Mazouri als jugendlich-hochfliegender Prinz. Patrick Wudtke zeigt viele Facetten des schwer zu durchschauenden Marquis Posa, dessen gefährliches Intrigenspiel allen zum Verhängnis wird. Lilli Lorenz gibt der jungen Königin jene Würde, die echte Menschlichkeit ahnen lässt. Michael Laricchias König Philipp tendiert durch sein Kostüm eher ins Groteske als ins Tragische, doch macht er Härte und Verzweiflung des furchtbar versagenden Vaters und Herrschers deutlich. Holger Stolz gibt den brutalen Herzog Alba als kraftstrotzenden Feldherrn, Oliver Jacobs skizziert mit minimalen Mitteln den heimtückischen Charakter des Beichtvaters Domingo.

Gar nicht formell ist die Eboli von Sonja Dengler - bei ihr ist die Fürstin nicht nur gefährliche Intrigantin, sondern auch eine lebhafte, verliebte junge Frau. Constanze Weinig gibt der mutigen Hofdame Mondecar Profil, Rainer Haring steht als eifriger Graf von Lerma auf verlorenem Posten.

Rosalinde Renn schließlich, die immer als geschlechtslose Lauscherfigur zu sehen ist, verbreitet am Ende als grandioser Großinquisitor eisigen Schrecken: Mit donnernder Stimme zwingt sie den König zur "Demut" und fordert Karlos' Leben. Der Scheiterhaufen lodert wieder hell auf.

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