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Untergänge zwischen Fratze und Freiheit
Untergänge zwischen Fratze und Freiheit
27.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Markus Mertens

Wer dieser Tage nach Mannheim blickt, wo die Schillertage dem großen Dichter mit nicht minder großer Bühnenkunst die Ehre machen, sieht die Freiheit im großen Stil untergehen. Es ist fast schmerzhaft, wie schön sich diese Untergänge bei tausenden Gästen in die Erinnerung fressen. Das "Fieber", das sich im biennalen Festival in diesem Jahr zum Motto gemausert hat, steckt da in jedem Detail.

Wo hungrige Bäuche mit Fieberwürsten im Curryrausch gefüllt werden und sommerliche Temperaturspitzen ihren Beitrag zu intensiven Transpirationsschüben leisten, diskutieren Wissenschaftler wie der Jenaer Historiker Norbert Frei über die "Fieberkurven der Gesellschaft", Nationalismus und Schuld, die nach ihrer Ansicht ohne "antiquarisches Denken" verhandelt werden sollen. Katharsis heißt das Stichwort - doch wo ist sie, die gedankliche Erlösung samt der Reinigung des Charakters, wenn man sie am nötigsten braucht?

Die Frage stellt in aller Radikalität auch Regisseur Data Tavadze, der mit dem Staatsschauspiel aus Dresden nicht nur "Kabale und Liebe", sondern auch Strafen und Hiebe auf das Mannheimer Schiller-Parkett bringt. Was dem jungen Georgier und seiner Truppe auch in der Quadratestadt geradezu fulminant gelingt. Denn zum einen überträgt das Ensemble die Spannungen des Klassenkampfes ("Wenn die Schranken des Unterschieds einstürzen") auf den heutigen Zeitgeist, zum anderen entpersonalisiert Tavadze seine Charaktere in ihrer Schicksalhaftigkeit meisterlich. Gewiss, auch hier ist Luise (Luise Aschenbrenner) noch Luise und Ferdinand (Moritz Kienemann) noch Ferdinand. Als Maskierte markiert ihr Sturz in die Unendlichkeit jedoch das Verderben der Gesellschaft an sich. Zwischen Alkohol und Machtmissbrauch, Feigheit und Furcht zeigt sich in Wahrheit die Missetat in ihrer grässlichen Fratze. Allein, sterben müssen andere. "Die Wollust der Großen dieser Welt ist die nimmer satte Hyäne, die sich mit Heißhunger Opfer sucht" schreit es auch an diesem Abend von den Planken.

Moderne Zeiten: Franz und Karl im Rock

Und solche, die Dries Verhoeven und seine "Guilty Landscapes" mustergültiger nicht inspiriert haben könnten. Denn wer wissen will, wie unfair Jeans und T-Shirts tatsächlich sind, die heute für ein paar Kreuzer über die Ladentheke gehen, darf in den Video-Fluchten der Mannheimer Abendakademie nur eines nicht: Die Augen verschließen. Zwar dehnen sich die zehn Minuten dieser Installation in ihrer schockierenden Brisanz nahezu unendlich: Doch wer die visuellen Schluchten ernst nimmt, könnte sie als veränderter Mensch verlassen.

Was uns auch viel über "Die Räuber" aus Köln erzählen darf, die Ersan Mondtag auf der großen Opernbühne des Nationaltheaters in epische Weiten zieht. Die Freiheit der Kunst ist groß - da ist Schiller unser Zeuge - doch wie Mondtag jenen Stoff, der einst in Mannheim seine Uraufführung erfuhr, strapaziert, ist doch selbst dem sehr offenen Publikum aus der Quadratestadt zu viel. Man hätte es ertragen, dass Franz und Karl in der progressiven Gender-Deutung zu Frauen werden, während Amalia sich im männlichen Charme probieren darf. Die guten alten Räuber mit Erdogan-getreuer Statue und opulent inszenierter Waldeinsamkeit aber zu einem länglich produzierten Theater-Blockbuster von stolzen 260 Minuten zu formen, der zu einem guten Viertel auf der Bewegtbildleinwand verhandelt wird, überreizt jedoch Sinne und Verständnis gleichermaßen: . Man will es nicht Publikumsflucht nennen, doch Dutzende Besucher schließen die Einlasstüren mit klangvoller Dynamik.

Auch das muss die Freiheit der Kunst aushalten - die Freiheit derjenigen, die sie ablehnen. Der zum Finale vorgetragene Monolog von Carolin Emcke bringt es an diesem denkwürdigen Abend treffend auf den Punkt, wenn er andeutet, dass alle Gewalt und aller Mord doch lieber offen und ohne prosaische verklärte Begründung wirken sollten, "das wäre ehrlicher". Und wenn es ein Festival gibt, das sich diese Forderung zu eigen gemacht hat, dann sind es diese Schillertage, die noch bis Sonntag gehen.

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