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"Uns geht es trotzdem nicht gut"
'Uns geht es trotzdem nicht gut'
02.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Bühl - "Wir verzeichnen das achte Wachstumsjahr in Folge bei unserem Regionalverband und in Deutschland", lässt Dieter Wäschle Rekordzahlen in Hotellerie und Gastronomie anklingen. Doch nach der scheinbaren Erfolgsmeldung gießt der Vorsitzende der Dehoga Schwarzwald-Bodensee gestern in Bühl umgehend zig Wermutstropfen in den Freudenbecher: "Uns geht es trotzdem nicht gut!"

Beim Delegiertentag im Bürgerhaus Neuer Markt, zu dem sich 65 Vertreter aus den 20 Kreisen von Rastatt bis zum Bodensee und dem mittleren und südlichen Schwarzwald sowie der Baar treffen, ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. "In Reutlingen haben erst wieder zwei Gaststätten dichtgemacht, obwohl genügend Gäste da waren", klagt Wäschles Stellvertreter Peter Ehrhardt. Auch da klingen die Zuwächse zunächst gut: "6 409 Betriebe bedeuten ein leichtes Plus - aber das entsteht nur, weil jede Döner-Bude und jeder McDonald's oder Vapiano dazuzählt. Wir verlieren aber die Gasthäuser, die gegenüber Radfahrern und Wanderern unsere Gastfreundschaft als Markenzeichen von Baden-Württemberg ausmachen", verweist Wäschle auf einen dramatischen Schwund in der Tourismus-Branche. Im Hochschwarzwald machte so laut Ehrhardt in den letzten drei Jahren jede zwölfte Gaststätte (8,2 Prozent) dicht. "In manchen Regionen sind es bis zu 20 Prozent", schiebt Wäschle nach und lässt sich auch nicht davon aufmuntern, dass dafür "manche Städte explodieren wie Freiburg, wo 860 Zimmer hinzukamen, oder in Konstanz gar 1 500".

Kretschmann muss



"Minenfeld räumen"

Der Regional-Vorsitzende, der auch deutscher Dehoga-Vizepräsident ist, unterstreicht in Rage: "Uns geht es beschissen! Die Familienbetriebe werden im Stich gelassen. Die Politik muss etwas ändern, bevor die letzte Gaststätte schließt und alle Politiker endlich aufwachen." Der Konstanzer erzählt von einem Gespräch mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der Verständnis zeige, aber das Thema als "Minenfeld" bezeichnete. Wäschle stellt gestern ultimativ fest: "Dann muss man das Minenfeld eben räumen!"

Die "Minen" aus Sicht der größten deutschen Branche mit rund 2,36 Millionen Mitarbeitern und 223 000 Unternehmen benennt der hiesige Hotel- und Gaststättenverband: "Porzellan muss günstig besteuert werden", ist Wäschles Hauptforderung. Damit vergleicht er den Mehrwertsteuersatz von nur sieben Prozent auf Fertigpizzas und in Plastik verpackte Speisen mit den eigenen Produkten: "Wir servieren den Salat umweltfreundlich auf Porzellan und müssen dennoch 19 Prozent Mehrwertsteuer berappen".

Auf den Magen schlägt den Betrieben mit 85 492 Mitarbeitern neben der "Gesetzesflut" samt aufwendigem Papierkram der Fachkräftemangel, obwohl in Südbaden seit 2015 die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten von 2013 bis 2018 um 15,2 Prozent zunahm. Die 5 600 Kräfte reichen in Spitzenzeiten nicht. Wäschle wünscht sich daher, dass man als größte deutsche Branche auch von der Fachkräfte-Einwanderung profitiere - und vor allem eine "Flexibilisierung der Arbeitszeiten" dringlich sei. "Wir fordern eine Wochen- statt Tagesarbeitszeit. Manche Mitarbeiter wollen gerne nur drei Tage arbeiten und dann dafür vier Tage frei haben", weiß der Konstanzer Hotelier und betont, es gehe nicht um Mehrarbeit.

"Bei uns wird jede Minute erfasst, und wir bezahlen guten Leuten gerne deutlich mehr als den Mindestlohn. Anders bekommen wir die Fachkräfte gar nicht mehr." Im Vergleich zur Industrie hätten es aber seine Mitglieder, die 2017 3,46 Milliarden Euro Umsatz generierten, dennoch schwer, deren Löhne zu bieten. "Dann müsste ein Schnitzel 45 Euro kosten!", betont Wäschle.

Um die "badische Gastfreundschaft" zu bewahren und noch mehr als die 2018 erzielten 13,5 Millionen Übernachtungen (plus 1,6 Prozent) zu erreichen, wünscht sich die Dehoga, dass das Land dem Beispiel von Bayern folgt: Der Freistaat will in den nächsten zwei Jahren jeweils 15 Millionen Euro in die Strukturförderung stecken, berichtet der Geschäftsführer der Dehoga Schwarzwald-Bodensee, Alexander Hangleiter.

"Wir sind schließlich das Wohnzimmer der Region", unterstreicht der Breisacher Ehrhardt, dass Gaststätten als soziale Treffpunkte für Vereine und Menschen "viel mehr sind als nur Essen und Trinken".

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