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Abschluss mit einem Moskauer Chor
Abschluss mit einem Moskauer Chor
09.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Thomas Weiss

Er war einer der prägendsten Dirigenten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Claudio Abbado. Der 2014 verstorbene Italiener war ein Meister der Oper, leitete aber gleichermaßen sinfonische Konzerte mit maßstabsetzenden Interpretationen - nicht nur an der Spitze der Berliner Philharmoniker, deren Chefdirigent er in der Nachfolge Herbert von Karajans wurde. Abbado veränderte den Klang und das Repertoire des Weltklasseorchesters wesentlich. Er war aber immer auch ein politisch aktiver Künstler, der beispielsweise die Musik seines Landsmannes Luigi Nono förderte.

Bis zum 14. Juli wird sich das Internationale Musikfestival von Colmar dem Andenken des unvergessenen Künstlers widmen. Festivalleiter Spivakov hat als junger Geiger oft mit Abbado musiziert, während des Festivals ist er als Kammermusiker und Solist, aber zumeist als Dirigent seiner Russischen Nationalphilharmonie zu erleben, die in diesem Jahr das einzige Orchester beim Festival ist.

Das Auftaktwochenende war geprägt vom Gegensatz der Dirigenten und Solisten: Spivakov hatte den jungen israelischen Dirigenten und Komponisten Rani Calderon eingeladen, der einen zwiespältigen Eindruck hinterließ. Als Begleiter der grandiosen Klarinettistin Sharon Kam sorgte er für einen eher breitwandigen, gelegentlich fast schwerfälligen Mozartklang, während Kam nicht nur ihre technische Souveränität aufblitzen ließ. Sie füllt jeden Takt mit Leben, das Adagio mit Tiefe und oszillierender Klangfarbe, das Finale ganz im Sinne Mozarts mit augenzwinkerndem Witz. Dass sie bei nächtlicher Schwüle Gershwins "Summertime" in der Kirche Saint-Matthieu wählte, unterstricht nicht nur ihre stilistische Vielseitigkeit.

Calderon hatte unglücklicherweise seine Ouvertüre zu einer hoffentlich noch nicht vollendeten "Notre-Dame"-Oper nach Victor Hugo aufs Programm gesetzt - ausladend eklektische Filmmusik ohne kompositorischen Anspruch. Auch als Dirigent von Claude Debussys "La Mer" und den "Trois Nocturnes" mit dem etwas ungünstig vor dem Orchester platzierten Philharmonischen Chor Straßburg ("Sirènes") blieb der Eindruck zwiespältig. Einerseits entlockt er dem großen Potenzial der Russischen Nationalphilharmonie wahre Klangfluten, schärft die Kontraste und Effekte, andererseits fehlt bei ihm die subtile Nuance, beginnt die dynamische Palette meist im Mezzoforte. Was hinter den Noten steht, findet bei Calderon zu wenig Raum.

Der Cellist Gautier Capuçon betont nach seinem erfolgreichen Auftritt mit Dvoraks Cellokonzert, welchen Einfluss Abbados Persönlichkeit auf ihn gehabt hat, denn Capuçon musizierte mehrere Jahre unter dessen Leitung im Gustav Mahler Chamber Orchestra. Inzwischen gehört er zu Weltspitze der Cellisten. Gemeinsam mit Vladimir Spivakov, mit dem er zuvor in Colmar Dvoraks op. 72 als Kammermusiker aufgeführt hat, erklingt das hochemotionale Werk sehr persönlich. Capuçon spielt mit schlankem, gelegentlich auch harsch angerautem Ton, verfügt über viele Klangfarben. Spivakov legt ihm dazu mit seinem Orchester einen tragenden Klangteppich. Seine Klangsensibilität unterstreicht er mit einer Bearbeitung des "Lieds an den Mond" aus Dvoraks "Rusalka".

Dynamische Wucht und Orchesterpräzision prägen bei Spivakov und der reaktionsschnellen Nationalphilharmonie Tschaikowskys vierte Sinfonie. Die Tragik wird nicht sentimental überhöht, die markanten Blechbläser agieren unerschütterlich, die Streicher wie so oft bei diesem Dirigenten eher breit. Mit präziser Zeichengebung peitscht Spivakov seine mit der f-Moll-Sinfonie bestens vertrauten Musiker voran. Lyrische Ruhepunkte dienen dazu, neue Kraft für gesteigerte Aufschwünge zu sammeln. Die Begeisterung für diese Lesart der Musik ist bei der Nationalphilharmonie stets zu spüren. Das "Pizzicato ostinato" des Scherzos wird bis an die Grenzen des Machbaren gesteigert.

Für die Publikumsbegeisterung bedanken sich Spivakov und seine Mannschaft mit dem noch überdrehter wirkenden zweiten Zwischenspiel aus Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk".

Mullova musiziert mit Abbados Sohn

Weiterhin stehen in Colmar wie seit vielen Jahren gewohnt ein Klavierabend mit Grigori Sokolow auf dem Programm, Mit Emmanuel Pahud, dem Soloflötisten der Berliner Philharmoniker, musizierte ein weiterer langjähriger Weggefährte Abbados Mozarts erstes Flötenkonzert. Heute und morgen gastieren mit der Geigerin Viktoria Mullova, die das erste Schostakowitsch-Konzert spielen wird, und mit dem gemeinsamen Sohn von ihr und Abbado - dem Kontrabassisten Mischa Mullova-Abbado - zwei Persönlichkeiten in Colmar, die mit dem großen Dirigenten nicht nur musikalisch verbunden waren. Zudem wurde mit Andrey Boreyko ein international arrivierter Dirigent eingeladen, der Mullova bei Schostakowitsch begleiten wird.

In den letzten drei Tagen des Festivals steuert der Moskauer Chor "Master of Choral Singing" eine zusätzliche Farbe ein. Er schlägt in zwei Konzerten den Bogen von Mozarts "Requiem" zu Rachmaninows "Die Glocken".

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