https://www.badisches-tagblatt.de/spielerwahl/index.html
Wiederentdeckte Fantasien
15.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Thomas Weiss

Joseph Joachim war der bedeutendste deutsche Geiger der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er setzte das damals wenig präsente Violinkonzert Beethovens im Konzertleben durch. Über seine Freundschaft mit Robert und Clara Schumann kam er in Kontakt mit Johannes Brahms, für dessen von ihm uraufgeführtes Violinkonzert er die Standardkadenz komponierte. Joachim war auch für die Entstehung des Brahmsschen Doppelkonzerts "verantwortlich", schrieb es der Komponist doch auch, um einen Bruch mit Joachim zu kitten.

Aber Joachim war nicht nur begnadeter Geiger und wichtiger Pädagoge, auch als Komponist war er aktiv. Sein wohl bedeutendstes Werk ist das zweite Violinkonzert "Im ungarischen Stil", das die Philharmonie Baden-Baden in den vergangenen Jahrzehnten immerhin zwei Mal aufs Programm setzte. Beim Carl-Flesch-Preisträgerkonzert im gut besuchten Weinbrennersaal erinnert Orchestermanager Arndt Joosten auch daran, wie eng das Orchester historisch sowohl mit Brahms als auch Joachim verbunden sei, dirigierte Brahms doch hier sein Doppelkonzert mit Joachim als Solist zum allerersten Mal.

Diesmal erklingt aber Unbekanntes von Joseph Joachim, Musik, die seit rund 150 Jahren nicht mehr zu hören war. Die aus einer Karlsruher Musikerfamilie stammende Geigerin Katharina Uhde, der Flesch-Akademie schon lange verbunden, hat die Manuskripte zweier Fantasien für Violine und Orchester von Joachim wiederentdeckt, die sie zur Wiederaufführung mit der Philharmonie unter Leitung des Chefdirigenten Pavel Baleff bringt. Uhde, bei Ulf Hoelscher ausgebildet, ist auch promovierte Musikwissenschaftlerin, die jüngst in englischer Sprache ein umfas sendes Buch ("The Music of Joseph Joachim") über den Geiger, Komponisten und Pädagogen publizierte. Im Laufe ihrer Recherchen stieß sie auf die Spur der zwischen 1846 und 1852 entstandenen "Irischen Fantasie" und der "Ungarischen Fantasie", deren Manuskripte sie 2016 in der Bibliothek der Universität Lodz entdeckte und später im Bärenreiterverlag edierte.

Joachim schrieb die manuell anspruchsvollen Werke für den eigenen Konzertgebrauch, stilistisch gibt es Parallelen mit den virtuosen Werken eines Heinrich Wilhelm Ernst, der Orchesterpart ist rein begleitend und weniger fordernd. Die etwas ausladende "Irische Fantasie" basiert auf zwei schottischen Volksliedern. Katharina Uhde kann dem Schwelgerisch-Melodischen der Fantasie klangliche Präsenz verleihen, agiert noch etwas zurückhaltend, überzeugt aber, von der Philharmonie ansprechend unterstützt, mit fein dosierter Tongebung, manueller Sicherheit und dem nötigen Atem für die fast 20-minütige Komposition.

Die "Ungarische Fantasie" basiert auf ähnlichem musikalischem Material, wie es auch Franz Liszt für seine "Ungarischen Rhapsodien" nutzte. Volksmusik ist dies nicht, aber als rhythmisch-melodisch zündende Grundlage bestens geeignet. Dem geht Katharina Uhde mit Aplomb und Risikobereitschaft nach, gestaltet den Solopart so virtuos wie raffiniert. Ein packendes Stück Musik, dessen Wirkungspotenzial von der Geigerin mit schlank vibrierendem Ton genutzt wird.

Zwischen den Fantasien erinnert das Orchester unter Baleff mit dem Intermezzo aus Pietro Mascagnis Oper "L'amico Fritz" an den früheren Präsidenten der Patronatsgesellschaft und Ehrenmitglied der Philharmonie, Walter Fritz Schickinger, der im vergangenen Jahr starb. "Freund Fritz" erklingt mit großer Klanggeste und schier überbordender Blechbläserwucht, Baleffs dirigentischer Aufwand hätte auch locker für das Finale der "Götterdämmerung" gereicht.

Simone Drescher, Carl-Flesch-Preisträgerin 2018 der regionalen Lions- Clubs, ist zwar noch eine junge Künstlerin. Die aus einer deutsch-koreanischen Familie stammende Cellistin zeigt aber bei Edward Elgars e-Moll-Konzert beachtliche interpretatorische Statur. Das expressiv-zerrissene Spätwerk Elgars, weit entfernt vom imperialen Glanz seines berühmten "Pomp and Circumstance"-Marschs, entstand unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs und des Todes von Elgars geliebter Ehefrau.

Simone Drescher spielt es mit schier unerschütterlicher manueller Sicherheit, mit Ausdruckskraft und singend-variablem Ton, einer breiten Palette von Klangfarben. Neben den hohen technischen Schwierigkeiten erfordert das Elgar-Cellokonzert auch die Bereitschaft zur emotionalen Entblößung, zum Ausloten der Brüche der Musik. Auch hier zeigt sich die junge Cellistin als frühe Meisterin ihres Faches. Pavel Baleff und die klangschön musizierende Philharmonie begleiten sie differenziert. Eine Interpretation, die für die Zukunft der Künstlerin viel erwarten lässt.

Zum Thema

Die Internationalen Meisterkurse Carl-Flesch-Akademie für Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass dauern bis 20. Juli. Die Kurse im Kurhaus sind öffentlich. Jeden Abend gibt es um 20 Uhr Konzerte mit den "Fleschis", den Absolventen aller vier Streicherklassen.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Bühl
Ferienspaß bietet Abwechslung

27.06.2019
Ferienspaß bietet Abwechslung
Bühl (efi) - "Vielfalt ist unsere Stärke", charakterisiert Fachbereichsleiter Klaus Dürk das städtische Sommerferienprogramm, das alljährlich vom Kulturbüro zusammengestellt wird. Das aktuelle Heft führt 129 Angebote für Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 16 Jahren auf (Foto: Stadt). »-Mehr
Bühl
´Retter´ aus dem Kühlschrank

26.06.2019
"Retter" aus dem Kühlschrank
Bühl (urs) - Die SOS-Helferdose vom Lions-Club Bühl könnte im Ernstfall Leben retten und für Ersthelfer eine wichtige Hilfe darstellen. Ab 1. Juli werden die Rettungsdosen, die zu 100 Prozent vom Club selbst finanziert wurden, in acht verschiedenen Apotheken erhältlich sein (Foto: urs) »-Mehr
Rastatt
Jay Alexander zu Gast

16.06.2019
Jay Alexander zu Gast
Rastatt (red) - Einer der wohl bekanntesten Tenöre in der Region, Jay Alexander, wird unter anderen beim Seniorennachmittag am Sonntag, 23. Juni, auftreten. Gratis Eintrittskarten gibt es am Montag, 17. Juni, von 9 bis 11.30 Uhr bei Sarah Schereda im Rossi-Haus (Foto: pr/Archiv). »-Mehr
Baden-Baden
´Die Kinder gehören in die Stadt´

07.05.2019
"Kunterbunter Kinderspaß"
Baden-Baden (sga) - Diesen Samstag warten von 13 bis 17 Uhr auf der Wiese vor dem Kurhaus wieder einige Attraktionen auf die Kinder. Mit etwa 35 Vereinen hat die Bürgerstiftung Baden-Baden für den "Kunterbunten Kinderspaß" viele Programmpunkte geplant. (Foto: Gallenberger) »-Mehr
Forbach
Viele Spenden ermöglichen neues Auto

29.04.2019
Einsatzfahrzeug geweiht
Forbach (mm) - Das neue Einsatzfahrzeug der Helfer- vor-Ort-Notfallhilfe des DRK- Ortsvereins Forbach wurde von Pfarrer Thomas Holler geweiht. Viele Spenden ermöglichten die Finanzierung des Fahrzeugs. In diesem Jahr hatten die Ersthelfer bereits 50 Einsätze (Foto: Wörner). »-Mehr
Umfrage

Experten befürchten, dass sich das Coronavirus weiter ausbreiten könnte. Haben Sie Angst vor der Lungenkrankheit?

Ja.
Nein.
Das weiß ich nicht.

Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1