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Ein ganz normaler Arbeitstag
17.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Werner Kolhoff

Berlin - 65 Jahre, das ist noch nicht die Rente oder die Pension. Denn beim Jahrgang 1954 geht das erst nach 65 Jahren und acht Monaten los. Aber es ist heute auch für Angela Merkel ein Einschnitt. Die Zeit nach vorne wird nun sehr überschaubar. Man horcht in sich hinein, man merkt die Spuren. Was geht noch? Und: Wie lange?

Da ist das Zittern. "Kömmt van alleine, geiht van alleine", sagt der niedersächsische Bauer zu so etwas. Hoffen wir es mal. Und glauben wir ihr, dass es nichts Ernstes ist. Ach, wer von euch mit 65 ohne Zipperlein ist, der werfe den ersten Krankenschein. Eigentlich scheint sie leistungsfähig wie immer zu sein. Nachtflüge, Nachtsitzungen. Aber vielleicht ist der heutige Geburtstag ja ein Anlass für gute Vorsätze. Wieder mehr Bewegung zum Beispiel.

Zurück streift der Blick. Auf die großen beruflichen Enttäuschungen und Erfolge. Auch auf die Liebsten. Vielleicht denkt Angela Merkel an so einem Tag an ihre Eltern, das kleine Pfarrhaus in Templin. Im Mai starb die Mutter, Herlind Kasner. Sie musste den Verlust nach außen hin wegdrücken. Danach begann das Zittern.

Bilder halten meist nur die guten Momente von Politikern fest. Bei den Krisen ist die Presse selten dabei, Fehler lassen sich schlecht fotografieren. Von Merkel gibt es unendlich viele Bilder. Die Selfies mit den Flüchtlingen zum Beispiel. Glücklich wirkte sie da, ganz bei sich. Es war richtig, es bleibt richtig, wir schaffen das. Sie ist Humanistin durch und durch, Pfarrerstochter eben. "Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land", hat sie damals gesagt.

Der Mauerfall war die Wende ihres Lebens, das vor 65 Jahren in Hamburg begann, dann zur Hälfte in der DDR stattfand und sich im wiedervereinigten Deutschland fortsetzte. Zwei verschiedene Leben, auch zwei Berufe. Vom ersten, Physikerin, steht im Kanzleramt noch die Dissertation unten im Regal. Es war ein unauffälliges Leben, halb angepasst an die Verhältnisse, halb von der Freiheit träumend. Lothar de Maizière und Helmut Kohl haben sie dann in die Politik katapultiert. Das Mädchen aus Ost-Berlin, Kohls Mädchen. Man erinnert sich an ihren ersten Wahlkampf für den Bundestag 1990, das Bild mit den Fischern auf Rügen. Ob die sie ernstgenommen haben damals? Sie hat politisch schneller laufen gelernt, als alle dachten. Manche hadern noch immer damit, dass sie das nicht haben kommen sehen. Friedrich Merz zum Beispiel. Oder Wolfgang Schäuble.

George Bush hat sie nicht ernstgenommen, als er ihr 2006 ohne Vorwarnung zwecks Massage von hinten an die Schulter griff. Ein Flegel. Wladimir Putin auch nicht, als er 2007 vor versammelter Presse einen großen Hund ins Zimmer ließ, wo Merkel doch Angst vor Hunden hat. Ein Unhold. Wie stilvoll war da doch Barack Obama. Den hat sie wirklich geschätzt. Die meisten auf der politischen Bühne: Leute, die keine Geduld haben. Oder keine Erziehung. Oder beides.

Merkel hat sie alle hinter sich gelassen. Weil sie Geduld hat. Gute Erziehung sowieso. Und Bescheidenheit. Weil es sie mehr als ein Titel interessiert, Probleme zu lösen und Diskussionen zu moderieren. "Wenn ich da im Kochtopf rühre, sage ich ja nicht, die Kanzlerin rührt jetzt im Kochtopf." Je mehr Bälle in der Luft sind, desto wacher wird sie. Kein Skandal in 30 Jahren Politik. Kein verbaler Ausrutscher. Eigentlich kann ihr keiner böse sein. Außer dafür, dass sie überhaupt da ist, wo sie ist, und das schon so lange. Wenn Merkel heute früh in den Spiegel guckt in ihrer Wohnung an der Berliner Museumsinsel, kann sie zufrieden sein mit sich und ihren 65 Jahren. Ziemlich viel richtig gemacht.

Heute ist ein ganz normaler Arbeitstag. Das Kabinett muss geleitet werden. Die Nachfolge von der Leyens ist zu regeln. Die Sitzung des Klimakabinetts morgen will vorbereitet sein. Wieder viele Bälle in der Luft. Es wird Blumen geben und Aufmerksamkeiten von den Ministern. Grüße von der Opposition. Das ist nicht der Tag der Kritik. Glückwunsch, Kanzlerin. Wir wünschen lange Gesundheit, dass das Zittern vorbeigeht und ein glückliches Händchen in den Staatsangelegenheiten. Und bald auch mehr Zeit für die Uckermark, für die Oper und für Gemahl Joachim Sauer, der vor zwei Jahren emeritiert wurde und zu Hause wartet. Mit 65 sollte man das schöne Leben zu zweit nicht mehr allzu lange aufschieben .

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