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Junge Streicher mit großem Klangsinn
Junge Streicher mit großem Klangsinn
19.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Thomas Weiss

Die Solistenkonzerte der Carl-Flesch-Akademie für Streicher sind wichtiger Bestandteil der Internationalen Meisterkurse in Baden-Baden, geben sie doch den jungen Musikerinnen und Musikern Gelegenheit mit Orchester ihr Können zu zeigen, anderseits sind sie auch eine Leistungsschau des jeweiligen Akademie-Jahrgangs. Für die Philharmonie Baden-Baden ebenso wie ihren Chefdirigenten Pavel Baleff, der zugleich künstlerischer Leiter der Meisterkurse ist, sind diese Abende durchaus anspruchsvoll, müssen alle Beteiligten doch stilistisch von Vanhal zu Elgar ebenso schnell wie von Bottesini zu Bartok wechseln.

Wichtiger als die geforderte stilistische Vielfalt, der sich das Orchester und sein Chefdirigent mit viel Einsatz und Konzentration stellten, ist die Anpassung an höchst unterschiedliche Solisten: Für manche scheint es doch eine seltene Gelegenheit zu sein, sich öffentlich mit einem Orchester zu präsentieren, während andere bei diesem sich etwas lang hinziehenden Solistenkonzert schon eine beachtliche Sicherheit ausstrahlen. Die Unterschiede sind teilweise beachtlich, auch wenn das Niveau aller Beteiligten ihnen einen zu mindestens akzeptablen öffentlichen Auftritt ermöglicht.

Aus ganz Europa und Südkorea kommen die Solistinnen und Solisten, die jeweils in einzelnen Konzert-Sätzen ihren Leistungsstand in dem eher schütter besetzten Weinbrennersaal präsentieren können. Johann Baptiste Vanhals D-Dur-Konzert für Kontrabass und Orchester sowie das zweite in h-Moll von Giovanni Bottesini gehören zum schmalen Kanon der Werke für dieses Instrument. Der manuell sicher wirkende Tscheche Tomas Karpisek und der noch zurückhaltend agierende Finne Akseli Porkkala stellen sich jeweils mit einem Satz Vanhals vor. Gestalterisch weiter ist der deutsche Lukas Rudolph, der nicht nur die nötige Virtuosität für Bottesini mitbringt, sondern auch schon über eine beachtenswerte klangliche Differenzierungsbreite verfügt.

Edward Elgars spätes e-Moll-Cellokonzert erklang beim Flesch-Preisträgerkonzert in der vergangenen Woche in einer fulminanten Interpretation. Die junge Französin Lisa Strauss nähert sich den ersten beiden Sätzen des viersätzigen Werkes zwar schon mit den entsprechenden technischen Voraussetzungen und ansprechenden interpretatorischen Ansätzen, wirkt aber bei dem hochemotional-zerrissenen Werk noch etwas zu vorsichtig: Es fehlt ihr an Risikobereitschaft und an klanglicher Variabilität, um dem facettenreichen Werk gerecht zu werden.

Die Bratschen-Sektion scheint zumindest nach dem ersten der beiden Solistenkonzerte der Akademie fest in koreanischer Hand zu sein. Kyuhyun Kim präsentiert sich mit beachtlicher technischer Präzision und viel Übersicht mit dem ersten Satz aus Paul Hindemiths "Der Schwanendreher - Konzert nach alten Volksliedern". Im ersten Satz des Konzertes kann er nicht nur dank seiner instrumentalen Qualität, sondern auch mit seiner Interpretationskultur punkten. Wirkungsvoller ist aber das "Moderato" aus Bela Bartoks posthumen Violakonzert. Hyemelin Yoo spielt es mit viel Ausstrahlung und Bühnenpräsenz - und vor allem mit einer teilweise schier atemberaubenden manuellen Perfektion und einem überraschenden Klangsinn, der den anspruchsvollen Satz tief auslotet. Auch hier ist der jungen Südkoreanerin wie auch bei den anderen Konzerten die Philharmonie Baden-Baden ein aufmerksam-klangmächtiger Begleiter.

Ebenfalls einen hervorragenden Eindruck hinterlässt die koreanische Geigerin Anna Im mit dem Kopfsatz von Jean Sibelius' d-Moll-Konzert. Lampenfieber scheint auch sie nicht zu kennen, merkt man ihr schon eine größere Podiumserfahrung an. Geigerisch ist es schon hochkarätig, was die junge Musikerin zu bieten hat. Die klangliche, ebenso wie die dynamische Differenzierung und ein wunderbar tragfähiges Piano sind schon weit fortgeschritten.

Einst von der Kritik verrissen, ist das D-Dur Violinkonzert von Peter Tschaikowsky heute aus dem Repertoire der Geiger nicht mehr wegzudenken. Der 1992 geborene Albrecht Menzel kann schon auf eine ganze Reihe von Wettbewerbserfolgen und Auftritten mit bedeutenden Musikern wie Kurt Masur oder Gidon Kremer zurückblicken. Der Kopfsatz des Tschaikowsky-Konzerts ist für einen jungen Virtuosen mit fulminanter Technik wie ihn ein ideales Betätigungsfeld. Souverän und nicht nur manuell ungemein sicher entlockt Menzel seiner Stradivari ein breites Klangspektrum. Das Spiel wirkt aus einem Guss, der Auftritt wird zu einem bejubelten Triumph.

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