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"Wildschweine graben nicht sortenrein"
20.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Armin Broß

Kappel-Grafenhausen - Für die Polizei ist der Fall abgeschlossen, aber Dietmar Keil lässt er keine Ruhe: Der Biologe und Naturfilmer aus Offenburg ist weiter davon überzeugt, dass die spektakulären Ausgrabungen Tausender seltener und wertvoller Orchideenknollen im Naturschutzgebiet Taubergießen nur zum kleinsten Teil auf Tiere zurückzuführen sind. Keil glaubt an menschliche Diebe - und ärgert sich über die offizielle Verlautbarung des Polizeipräsidiums Offenburg, in der sich die Behörde auf Wildschweine festgelegt hat.

Die Aufsehen erregenden Fälle von Ausgrabungen seit Anfang Mai hatten in der vergangenen Woche einen vorläufigen Abschluss gefunden: Da nämlich präsentierte die Polizei nach aufwändigen Ermittlungen - unter anderem mit verdeckten Überwachungsmaßnahmen, Telefondatenauswertungen und Expertengesprächen - ihre Ergebnisse. Demnach gab es keine Hinweise auf menschliche Täter; wohl aber wurden an einigen Ausgrabungsstellen nachts Wildschweine gesichtet und in einem Loch auch DNA des Tieres nachgewiesen.

Ein eindeutiger Fall also? Keil widersprach umgehend - und erläutert im BT-Gespräch noch einmal seine Sicht der Dinge: Mehrere Kleinausgrabungen am Tulladamm sind für ihn tatsächlich "typisch Wildschwein". "Die haben genommen, was ihnen vor die Schnauze kam", so der Naturfilmer. Anders bewertet Keil die Lage bei den großen Ausgrabungen auf den Orchideenwiesen - die von ihm entdeckt worden waren und den Fall ins Rollen gebracht hatten: Dort wurden rund 3 000 wertvolle und seltene Spinnenorchideen und Hummelorchideen entwendet.

"Alle anderen Arten, die dort blühen, wurden stehen gelassen", betont Keil. "Wildschweine graben aber nicht sortenrein." Und: Es gebe diese Wildschweindichte seit vielen Jahren im Taubergießen: "Trotzdem hatten wir noch nie eine solche Großausgrabung - aber immer wieder Kleinausgrabungen von acht, neun Knollen."

Was Keil besonders wurmt: Da er als Zeuge und Experte in stetem Austausch mit den Ermittlern stand, wurde er vor der Veröffentlichung der Polizei-Mitteilung sogar kontaktiert. Die Kripo-Beamten diskutierten mit ihm eine Rohfassung der Pressemitteilung durch, und Keil steuerte einige Aussagen bei, die eine alleinige Täterschaft von Wildschweinen infrage stellten. Doch die fanden sich in der offiziellen Verlautbarung der Pressestelle dann nicht mehr wieder. "Da werden die Wildschweine zu Alleintätern gemacht", kritisiert Keil. "Das war für mich völlig überraschend."

Steffen Siefert, Leiter der Kriminalinspektion 2, die beim Polizeipräsidium für schwere Eigentumsdelikte zuständig ist, relativiert diese Angaben auf BT-Anfrage etwas. Er würdigt Keil zwar als "wichtigen Ratgeber und Zeugen" und bestätigt auch, dass jener bei dem Treffen "einige Dinge" im Entwurfstext "relativiert" habe. "Ich habe ihm aber gesagt, dass die Pressemitteilung alleine der Polizei unterliegt." Und letztlich habe diese Mitteilung auf die "Essenz" der Ermittlungsergebnisse abgezielt - die Wildschweine. Siefert ist sich - gerade auch wegen der verdeckten Überwachungsmaßnahmen - sicher: "Ab dem Zeitpunkt, wo wir ermittelt haben, können es keine menschlichen Täter gewesen sein." Man könne zwar nicht restlos ausschließen, dass ganz am Anfang der Ausgrabungsserie Menschen beteiligt gewesen seien - doch Siefert lässt erkennen, dass er das für äußerst unwahrscheinlich hält. Mit Blick auf die umfangreichen Ermittlungen und die Spurenlage, unter anderem bei den Ausgrabungslöchern, bilanziert er: "Am Ende hat alles zusammengepasst."

Bei ihren Nachforschungen stießen die Kripo-Beamten auch auf mehrere Online-Händler, die im Verdacht stehen, geschützte Orchideen anzubieten oder aber dies vorzutäuschen, um Käufer zu betrügen. Es ergab sich aber laut Siefert kein Bezug zu Taubergießen. Keil ist wiederum überzeugt, dass die Knollen aus dem Naturschutzgebiet noch auf den Markt kommen werden: "Es gibt einen florierenden Handel". Und man könne die Knollen lange lagern.

Letztlich hofft der Biologe, dem der Taubergießen besonders am Herzen liegt, dass das Naturschutzgebiet künftig besser geschützt wird. "Ich würde vom Regierungspräsidium Freiburg erwarten, einen wirksamen Schutz gegen Ausgrabungen und Wildschäden aufzubauen." Der Biologe denkt dabei insbesondere an eine Naturschutzstation vor Ort.

Und was sagt das RP dazu? Aktuell gebe es am Rande des 1 700 Hektar großen Gebiets die Außenstelle Taubergießen des Regierungspräsidiums (RP), wie die Behörde auf BT-Anfrage schriftlich erklärt. "Diese Ökologische Station ist mit Dr. Bettina Saier noch bis Oktober 2020 besetzt." Darüber hinaus werde - und zwar unabhängig von dem Orchideen-Fall - die Einrichtung einer Ranger-Stelle als sinnvoll erachtet und geprüft.

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