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Wird die Kombilösung zur Mogelpackung?
25.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Stefan Jehle

Karlsruhe - Im April verkündete Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD), der Betriebsstart des Karlsruher Stadtbahntunnels werde sich wohl "nochmals um ein halbes Jahr" verzögern, und die Gesamtbaukosten werden bei nunmehr 1,3 Milliarden Euro liegen. Neun Jahre nach Baubeginn aber gibt es noch immer kein Linienführungskonzept. Dafür sorgen nun - zumindest in Kritikerkreisen - Überlegungen in einem Fachartikel für Stirnrunzeln. Plötzlich ist die Rede von nur zwei Straßenbahnlinien, die unter der Stadtmitte verkehren sollen - und dazu einige S-Bahn- Linien. Wird der Tunnelbau zur Mogelpackung?

Berechnungen bei der Planfeststellung im Dezember 2008 gingen von Kosten für beide Projektteile des in Karlsruhe als Kombilösung bekannten - heute milliardenschweren - Großprojekts von 588 Millionen Euro aus. Ziel eines Bürgerentscheids im Jahr 2002 war es, alle Straßenbahn- und S-Bahnlinien in der zentralen Fußgängerzone unter die Erde zu verbannen. Noch im Netzplan 2008/2009 verkehrten oben vier Straßen- und vier S-Bahnlinien.

Der Fraktionssprecher der Grünen, Johannes Honné, der seit Jahren zu den vehementesten Kritikern des Bauprojekts zählt, fühlt sich "in vielen Punkten bestätigt". Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz hatte 2010 auf die Schwachstellen des Bauprojekts Kombilösung hingewiesen .

Der Fachartikel in "Der Nahverkehr" zum möglichen neuen Linienkonzept nach 2020, an dem zwei Führungskräfte der Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK) mitwirkten, wirft neue Fragen auf. Nur noch zwei innerstädtische Straßenbahnlinien fahren demzufolge im Tunnel. Mögliche Gründe: Zum einen ein Besinnen auf realistische Kapazitätsmuster - wie sie auch ein 2011 erstellter "Stresstest" nahelegte; zum anderen, der selten, in Deutschland bislang gar nicht eingesetzte, unterirdische Abzweig am Marktplatz, der als zusätzliche Störung des Betriebsablaufs gesehen werden muss - zulasten der Kapazität.

Der freie Verkehrsplaner Axel Kühn - selbst bis Mitte der 90er Jahre noch bei den VBK angestellt, und seit 2002 europaweit selbstständig tätig - sieht die "politische Entscheidung" zu einer Fußgängerzone ohne Straßenbahnen als Kern des Problems. Das sei "ein Verhaften im Denken der 70er Jahre". Ein Gutachten habe einst vorgegaukelt, die Kapazität des Tunnels sei "nahezu unerschöpflich", und fast alle Linien könnten "in gleicher Lage, nur eben einige Meter tiefer verlaufen". Das jetzt vorgelegte Konzept zeige die Rückkehr "zu einer realistischeren Sicht, aber zulasten der innerstädtischen Bedienungsqualität", sagt er. Schon früh hätten kritische Experten prophezeit, dass bei Kapazitätsproblemen "am ehesten eine weitere Straßenbahnlinie aus dem Tunnel rausfliege".

Schlechtere Anbindung

an einige Stadtteile?

Zum Inhalt des Fachartikels in der Zeitschrift "Der Nahverkehr" wollen sich die VBK aktuell nicht äußern, wie ein Sprecher deutlich macht. Weil der Betriebsbeginn 2020 auf der Kippe steht, verzögert sich die Präsentation eines neuen Konzepts weiter. "Die künftige Linienkonzeption befindet sich noch in einem Abstimmungsprozess mit den politischen Gremien", sagt VBK-Sprecher Michael Krauth. Dafür bildet offenbar besagter Fachartikel die Diskussionsgrundlage.

Die Überlegungen in dem Artikel gehen davon aus, dass zwei Straßenbahnlinien - die unter anderem die Stadtteile Durlach, Wolfartsweier, Heide und Knielingen sowie den Hauptbahnhof mit der Innenstadt verbinden - durch den Tunnel fahren. Ebenfalls im Tunnel: die S-Bahnen aus dem Albtal, der Pfalz, dem Murgtal und Baden-Baden sowie aus Stutensee, Pforzheim und Heilbronn. Linienvariante "Qualität", wird das genannt.

Drei Tram-Linien sollen über die neue Kriegsstraßentrasse geführt werden. Denn der Umbau der 300 Meter südlich der zentralen Fußgängerzone gelegenen Kriegsstraße ist ein wichtiger Teil des Gesamtprojekts Kombilösung. Es ist von der "Süderweiterung der Innenstadt" die Rede. Deshalb sollen, wenn dort dereinst der Autoverkehr unterirdisch verkehrt, in der oberirdisch von Bäumen flankierten Allee Straßenbahnen verkehren.

Das wird auch von Kritikern wie den Grünen begrüßt. Die Kehrseite: Das bisher in der Stadt wie ein Mantra gehandelte Leitmotiv, alle Straßenbahn- und S-Bahnlinien müssten über den Marktplatz führen, wird aufgehoben. Manche Bewohner Karlsruhes kommen künftig nicht mehr umsteigefrei zum Marktplatz, sondern nur noch zum Europaplatz oder zum Kronenplatz. "Die Anbindung für Bewohner einiger Stadtteile wird deutlich schlechter", sagt Verkehrsplaner Kühn. Der Marktplatz werde zusehends "zum Fernverkehrs-Bahnhof", sagt Grünen-Sprecher Honné.

Sprecher der Stadtratsfraktionen von CDU und SPD sehen dagegen vor allem das Positive beim Projekt Kombilösung. CDU-Stadtrat Sven Maier, der schon seit 2004 im Gremium und in allen mit Verkehrsbetrieben und Tunnelbau befassten Aufsichtsräten sitzt, nennt die Thematik Liniennetzführung "planungstechnisch hochkomplex". Zu Details äußert er sich nicht, vieles sei noch im Fluss. Da die weiter durch die Kaiserstraße fahrenden S-Bahnlinien auch wichtige Haltestellen in mehreren Stadtteilen anfahren würden, bleibe der Marktplatz weiter ein Knotenpunkt. Die Kombilösung verspreche insgesamt "einen Mehrwert für die Stadt und das Umland".

Pro Bahn: Oberirdische



Schienen sollen bleiben

Ähnlich argumentiert SPD-Stadtrat Michael Zeh. "Der Mittelpunkt von Karlsruhe verlagert sich weiter nach Süden", sagt er. Weiterhin umsteigefrei ins Zentrum gelangen könnten mehr Bürger, wenn Vorstellungen des Fahrgastverbands Pro-Bahn Wirklichkeit würden: "Zu einer attraktiven Linienführung sollten weiter Straßenbahnen in der Kaiserstraße oberirdisch verkehren. Alle anderen Varianten würden für viele Fahrgäste eine Verschlechterung des Angebots bedeuten", ließen deren Sprecher jüngst nach einer Arbeitssitzung wissen. Im Herbst haben Pro-Bahn-Vertreter ein Gespräch bei der SPD-Fraktion. Der im Juni nach 20 Jahren aus dem Rathaus geschiedene Linken-Stadtrat Niko Fostiropoulos sattelte in seiner letzten Rede noch eins drauf: Es sei "notwendig, dass Straßenbahnen auch künftig oberirdisch verkehren werden", findet er.

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