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Hüter und Erklärer im wilden Schwarzwald
05.08.2019 - 07:10 Uhr
Von Sönke Möhl

Seebach - Hoch über dem Wilden See offenbart sich die Essenz des Nationalparks Schwarzwald in einem einzigen Blick. Rechts der alte Bannwald, in dem seit mehr als 100 Jahren keine Säge mehr fällte, bis zum Horizont dichte Wellen Hunderttausender Bäume, tief zu Füßen glänzend und dunkel das Wasser des Sees.


"Es braucht Courage, die Kontrolle abzugeben", heißt es in einer Broschüre des Nationalparks. "Wir können gespannt sein auf das Schauspiel natürlicher und ungezähmter Entwicklung. Auf Wunder der Wildnis."

Meinrad Heinrich deutet auf farbliche Unterschiede im Wald. Hier braune Flecken, wo Fichten dem Borkenkäfer zum Opfer fielen, dort helleres Grün, wo sich Buchen im Nadelwald behaupten. Dann Vogelgezwitscher, ein Buchfink hier, ein Kreuzschnabel dort, aus der Ferne der Ruf des Schwarzspechts.

Der 70 Jahre alte Rentner ist am frischen Morgen mit einer kleinen Gruppe Wanderer unterwegs. Der Kontakt mit Besuchern gehöre zu den schönsten Aufgaben eines freiwilligen Rangers im Nationalpark Schwarzwald, sagt er.

Helles Licht im dunklen Fichtenwald

Links und rechts eines Pfades in steiler Bergwand liegen von Eis und Sturm geknickte Bäume, daneben verwitterte Stämme - hier fällt helles Licht in den sonst dichten, dunklen Fichtenwald. Ein Horror sei so etwas für jemanden, der Waldwirtschaft betreibe, sagt der ehemalige Krankenhaus-Oberarzt. "In dem Moment aber, wo ich das so lasse, schafft sich die Natur neue Lebensräume."

Mikroorganismen zersetzen Holz, Rinde und Nadeln, Pilze zeigen ihre Fruchtkörper an alten Baumruinen, und überall keimen Samen, die jahrelang im Boden überdauert und nur auf Licht gewartet haben. In kleinen Pfützen, wo ausgerissene Wurzeln Löcher hinterließen, tummeln sich Insekten und Amphibien, unter morscher Rinde machen Vögel reiche Beute. "Wir brauchen mehr solcher Flächen, über das ganze Land verteilt", wirbt Heinrich.

Dazu gehört auch das Band der fast baumfreien Grinden auf etwa 1 000 Metern Höhe. Wo Bauern seit rund 800 Jahren karge Almwirtschaft betrieben, wachsen heute zum Beispiel Heidelbeeren - unersetzbare Nahrung für das Symboltier des Schwarzwalds, das Auerhuhn. Auf den Grinden, was soviel wie Glatzen heißt, wollen die Nationalparkmanager allerdings die Natur nicht sich selbst überlassen. Von den ehemals etwa 2 000 Hektar der ökologisch sehr wertvollen Flächen sollen 200 bis 300 Hektar offen gehalten werden. Damit sie nicht in wenigen Jahren zuwachsen, müssen immer wieder Baumschösslinge entfernt werden. Dabei helfen auch Schafe, Heck- und Hinterwälder Rinder, die den Sommer auf den Grinden verbringen, erklärt Heinrich.

Der schlanke Mann mit randloser Brille holt ein Glasröhrchen aus der Tasche, voll mit schwarzen Borkenkäfern, jeder nur Millimeter groß und kaum zu erkennen. Auch ein Graus für Besitzer eines Wirtschaftswaldes. Hier aber sind die Buchdrucker - Borkenkäfer, die es nur auf Fichten abgesehen haben - willkommene Helfer. In jahrzehnteferner Zukunft sollen sich weite Teile des Nationalparks zu einem wilden Mischwald entwickelt haben, in dem der Mensch nichts mehr unternimmt außer auf wenigen ausgewiesenen Wegen zu wandern. "Der Borkenkäfer baut den Wald um, nicht wir, wir lassen es nur zu", sagt der Ranger.

Naturschutz war schon immer Heinrichs Anliegen, seit Jahrzehnten ist er im BUND aktiv. Planung und Aufbau des Nationalparks hat er aktiv begleitet. Dabei bereitet ihm die Vogelkunde besondere Freude. "Das ist der Regenruf des Buchfinks", sagt er auf dem Rückweg und deutet in den Wald. Gewicht für die Wettervorhersage sollte man diesem "trief, trief" aber nicht beimessen. Denn: "Er kommt entweder vor oder nach dem Regen."

Nicht alle Besucher sind freundlich

Rund 30 freiwillige Ranger unterstützen als Landschaftshüter das Nationalparkteam. Im Sommer habe er bis zu vier Einsätze im Monat, im Winter vielleicht ein oder zwei, sagt Heinrich. Außerdem steht alle vier Wochen ein Treffen der Ehrenamtlichen auf dem Programm - zur Weiterbildung und zum Erfahrungsaustausch.

Neben Führungen gehören Kontrollgänge zu den Aufgaben der freiwilligen Ranger, abends immer zu zweit mit einem der zehn hauptamtlichen Ranger. Manchmal komme es zu Konflikten, etwa wenn Mountainbiker dort fahren, wo sie es nicht dürfen, wenn Besucher am Wilden See kampieren oder in ihm schwimmen wollen. Auch von unangenehmen Begegnungen und Beschimpfungen weiß er zu berichten, besonders wenn Alkohol im Spiel ist. Dann heißt es: "Ruhig bleiben und erklären".

Für die beiden Nationalparkdirektoren Wolfgang Schlund und Thomas Waldenspuhl sind freiwillige Ranger unersetzbar. "Ohne ihr großes Engagement und ihre Unterstützung, vor allem an Wochenenden, könnten wir bei Weitem nicht so ein umfangreiches und vielfältiges Angebot an Veranstaltungen und Führungen und den Nationalpark für so viele Menschen erlebbar machen", sagt Schlund. Ihr Anteil an der Akzeptanz des Nationalparks sei groß. "Wofür wir sehr dankbar sind."

Waldenspuhl wünscht möglichst vielen Menschen das Naturerlebnis im Nationalpark. "Hier lässt sich das Leben mit allen Sinnen erfahren - im Rauschen der Baumwipfel und Klopfen der Spechte, im Regen und Wind auf der Haut, im Staunen über Farben, Formen und viele neue Aus- und Einblicke."

Nach drei Stunden Wanderung zurück am Ausgangspunkt, verabschiedet Heinrich seine Gäste mit Handschlag und kann sicher sein, etwas bewirkt zu haben. Der 68 Jahre alte Raimund Zink aus Bühl hat die Landschaft völlig neu entdeckt. "Es sind die kleinen Dinge", sagt er, die beeindrucken. Zum Beispiel ein nasses, morsches Stück Holz in die Hand zu nehmen und wie einen Schwamm auszupressen. Oder ein Stück vom Borkenkäfer gezeichneter Fichtenrinde zu fühlen und zu betrachten.

Michael Rost haben die Erklärungen zum Borkenkäfer beeindruckt. Wie sehr diese Insekten am Umbau des Waldes im Nationalpark beteiligt sind, habe er nicht gewusst. Herausragend fand er den Überblick vom Weg etwa 120 Meter oberhalb des Wildsees. Er verspüre "den Drang, da runter zu steigen", sagt der 66-Jährige. Tatsächlich gibt es einen steilen Pfad zum See, der an einer uralten, beeindruckend dicken und knorrigen Weißtanne vorbeiführt. Doch das ist eine andere Wanderung.

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