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Nur ein paar Meter weiter, und der Turm wäre eingestürzt
10.08.2019 - 00:00 Uhr
Von Alexander Brüggemann

Straßburg - Der Großbrand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame im April dieses Jahres hat schlechte Erinnerungen auch an die Kriege des 20. Jahrhunderts geweckt, als in Europa viele gotische Kathedralen brannten. Vor 75 Jahren erwischte es das Straßburger Münster.



Zwischen September 1943 und September 1944 waren das von Nazi-Deutschland besetzte Straßburg und seine Umgebung Ziel von fünf alliierten Luftangriffen. Am 11. August und 25. September 1944 trafen britische und US-amerikanische Bomben das historische Zentrum der elsässischen Hauptstadt. Die Gesamtzahl der Todesopfer wird auf mehr als 1 000 geschätzt; ein Fünftel der Gebäude wurde zerstört.

Mit seinem 142 Meter hohen Nordturm ist das Straßburger Liebfrauenmünster (Notre-Dame) das höchste im Mittelalter vollendete Bauwerk überhaupt, seinerzeit eine Art Weltwunder. Der 15. August, das katholische Hochfest Mariä Himmelfahrt, ist sein Patronatsfest. Vier Tage zuvor, am 11. August 1944, wurde das Wahrzeichen der Stadt schwer beschädigt.

Ein paar Meter weiter, so meinen Historiker, und der Turm des gotischen Meisterwerks wäre zusammengebrochen. Das Münster wurde auf der Rückseite getroffen, am sogenannten Klotzturm. Anselme Schimpf (1907 bis 1988), damals 37-jähriger Baumeister an der Kathedrale, erlebte die Bombardierung hautnah.

Am Nachmittag gab es zwei Bombenwarnungen im Stadtzentrum. "Die Kathedrale und die nahe gelegenen Denkmäler waren nicht besonders sicher", erinnerte sich Schimpf später. Nur die Buntglasfenster des Münsters waren an einem sicheren Ort deponiert worden. Und auch die Westfassade mit ihrem reichen Figurenschmuck und der zwischen 1277 und 1439 entstandenen großen Rosette war gut geschützt. Eine "Harfe aus Stein" hat Karl Friedrich Schinkel die Fassade einst einmal genannt; und tatsächlich wirken die vorgeblendeten feinen Sandsteinsäulen und -bögen wie die Saiten einer Harfe.

Der Architekt postierte drei seiner Männer, einen Bildhauer und zwei Steinmetze als Beobachter in der Glockengalerie. Bald darauf sahen sie die ersten Bomben auf Schiltigheim und Cronenbourg fallen. Als sie feststellten, dass die Bomber in ihre Richtung kamen, verließen sie eilig ihren Beobachterposten im Kirchturm.

"Ein unfassbarer Lärm hallte durch die Stadt", so Anselme Schimpf, der sich selbst zu dieser Zeit im Archiv der Bauhütte befand. Das elektrische Licht erlosch, Funken stoben, und das Gebäude brach krachend zusammen. Dunkelheit und Totenstille folgten. Doch das Gewölbe des Archivs hatte offenbar gehalten. Der Architekt und einer seiner Kollegen schafften es allmählich, sich aus dem Schutt nach draußen zu kämpfen.

"Der 11. August 1944 war ein wunderschöner Sommertag. Aber wegen des unglaublichen Staubs war es jetzt dunkel. Die Sonne am Himmel war nicht mehr als eine leuchtende Kugel." Dann machte Schimpf die schockierende Entdeckung: Die Kathedrale war getroffen. Das Dach des Querschiffs war verschwunden, alle Behelfsfenster zerstört.

Um halb fünf nachmittags war der Alarm beendet. Doch von der Höhe des Münsters aus sah der Architekt viele Häuser brennen. Überall in der Umgebung Flammen und Funken. "Von dort oben war die Hitze unerträglich (...) Auf allen Seiten sahen wir nur Feuer und Trümmer." Straßburgs zerstörte Gebäude wurden nach und nach wieder aufgebaut; doch 189 Menschen wurden an diesem Sommertag vor 75 Jahren getötet.

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