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Lichte Momente voller Dramatik
17.08.2019 - 00:00 Uhr
Von Hans-Peter Schwanke

Überschlagende Wellen, Schneewolken und Rauchfahnen formen einen Tunnelblick. Er zielt direkt auf einen Raddampfer, der durch das Chaos des Sturms in heimtückischen Untiefen navigiert. Kräfte der Natur konkurrieren mit neuen technischen Errungenschaften. "Schneesturm", so der Titel des um 1842 entstandenen Gemäldes von William Turner, wurde von Kritikern als "Seifenlauge und Tünche" verspottet. Denn dickflüssige dunkle Farbschlieren packen den um das Hauptgeschehen kreisenden Zuschauerblick. Brausender Wind, Schnee und Wellen steigern dynamisch in weitschweifiger Formlosigkeit die Theatralik der Szenerie. Wie konnte es zu dieser damals singulären Ausdrucksstärke kommen?

Geboren 1775 als Sohn eines Barbiers in London und ebendort 1851 gestorben, war William Turner die buchstäbliche Wechselhaftigkeit des britischen Wetters in die Wiege gelegt. Schon als Kind legte er sich auf den Boden, um den Himmel zu beobachten und Wolken zu zeichnen. Turners Begabung entwickelte sich rasant. Im Auftrag von Architekten illustrierte er zunächst Gebäude. Doch neben der traditionell geprägten Akademieausbildung in der Ölmalerei mit klassischen Sujets aus Historiendramen fand er zur Aquarellmalerei, einem experimentell geprägten Medium mit leuchtendem Kolorit und großen Nuancenreichtum. Hier konnte er am wahrsten dem Himmel, den Wolken und Lichtstimmungen nachspüren, seinem Lebensthema, für das er stetig unterwegs war. Zunächst bereiste er Wales und Schottland. Nach dem Frieden von Amiens 1802 führte ihn der Weg auf den Kontinent. Zwischen Holland und Prag, Neapel und Köln suchte er rastlos neue Motive. Beim Studium der alten Meister im Louvre imponierten ihm jedoch die klassisch strukturierten Bilder des Landschaftsmalers Claude Lorrain am nachhaltigsten.

Sechsmal reiste er in die Schweiz, fünfmal besucht er Luzern, ein aufstrebender Ort im beginnenden Tourismusgeschäft vor allem bei britischen Reisenden. Auf den Weg dorthin streift er auch Baden: Mehrfach zeichnete er das Heidelberger Schloss im Dunst hoch über dem Neckar oder illustrierte die Silhouette von Konstanz mit der markanten Brücke über den nebeligen Seerhein. Vor allem aber Luzern bot ihm beflügelnde Sujets. Von seinem Hotelzimmer im "Schwanen", vom Dampfschiff oder Anhöhen aus malte er den Pilatus, das Panorama des Talkessels am Vierwaldstätter See.

Den Augenblick realitätsnah erfassen

Allein über 30 Mal hielt er die Lichtstimmungen am Felsmassiv des Rigi fest. Unter den 100 ausgestellten Aquarellen, Zeichnungen und Ölgemälden finden sich davon einige Varianten. Bei Sonnenaufgang flimmert der Berg im zarten Blau, im Sonnenuntergang im graziösen Rot. Dunst und Nebelschwaden, Gebirge und Seen bauen sich in dünnen durchscheinenden Farbschichten als schwimmende Formen auf. Auskratzungen, zarte Verwischungen, federleichte Bleistiftstriche oder mit Watte getupfte Farbe lassen erahnen, wie realitätsnah Turner einen Augenblick zu erfassen versuchte. Menschliche Gestalten sind lediglich als Schemen im Bild belassen. Vögel erscheinen als Flecken. Wo wenn nicht hier im Kunstmuseum Luzern ist der ideale Ort für eine solche Präsentation, welche die Momente im Livestream bietet.

Vor 200 Jahren gab es Umbrüche. Dampfschiffe und Eisenbahnen erlaubten schnelleres Fortkommen. Die Welt kam sich näher. In Luzern etablierte sich die Kunstgesellschaft, welche sich nun zum Jubiläum die etwas sprunghaft arrangierte Schau "ihres" malerischen Biografen gönnt. Eine Reihe von Aquarellen illustrierte Turner als Musterstudien. Seinem Agenten in England dienten sie zur Akquise. Eine neue Käuferschicht aus Industriellen und Fabrikanten wünschte Reiseerinnerungen fürs heimische Domizil. Turner bediente geschickt das aufkommende Gefühl der Romantik, indem er an Wintertagen zu Hause die Tonlage des Aquarells in Ölmalerei übertrug. Er wertete nicht nur die Landschaftsmalerei und das Aquarell auf, sondern wandte sich über das Vehikel atmosphärischer Kapriolen in der Natur vom Realismus gelehrter Malerei ab.

Eines der besten Beispiele dazu stammt von 1844. Ein Sonnenuntergang vom nie selbst erklommenen Rigigipfel malte er als abstrakte, nur erahnbare Landschaft. Man blickt quasi in eine Realität aus metallisch blinzelnden Streifen. Klar wie nirgends grenzt sich Turner von einer harmonisch ordnenden Schönheit ab. Impressionisten, Action Paintern oder Farbfeldmalern diente dies als Vorbild.

Neben einer Reihe von Motiven aus der Schweiz, darunter vom Gotthard-Pass, imponiert das Gemälde vom Niedergang einer Lawine in Graubünden. Es ist die Reminiszenz an ein wahres Ereignis, bei dem Hunderte Menschen den Tod fanden.

Figurativ bestimmte Gemälde mit auf den Kreis der Schöpfung Bezug nehmenden Kompositionen lassen einen fast im Urchaos schweben wie "Licht und Schatten" und "Licht und Farbe" von 1843. Am Beispiel der Sintflut untersuchte er zudem den emotional aufgeladenen Farbkreis in Goethes Farbenlehre. Und immer wieder kommt die See ins Spiel. "Frieden - Bestattung auf See" pointiert das Weihevolle durch Überhöhung kontrastierender Effekte. Ein helles gelbrotes Feuer genau in der Mitte im Gegenlicht, umgeben von pechschwarzen Schiffen, Schattenwürfen Rauchfahnen und weiß aufblitzender Flut bei untergehenden Sonne leiten über in praller Inbrunst zu einer neuen bildmächtigen Sprache voller Rätsel. Wie mag die Welt aussehen, wenn sich Nebel und Rauch verzogen haben? Bis 13. Oktober.

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