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Grüne Ratlosigkeit
22.08.2019 - 00:00 Uhr
Von Brigitte J. Henkel-Waidhofer

Stuttgart - Winfried Kretschmann macht es spannend, zu spannend nach Meinung einer wachsenden Zahl an Parteifreunden. Denn der Ministerpräsident will seit Monaten nicht nur nicht sagen, ob er bei der Landtagswahl 2021 wieder antritt. Sein Team verweigert zudem - auch intern - Auskünfte über den Fahrplan der Bekanntgabe. Und die delphischen Äußerungen des Ministerpräsidenten beim ersten öffentlichen Auftritt nach seinem Schottland-Urlaub haben statt zur Klärung zu weiterer Verunsicherung beigetragen.

Traditionell besucht der Grüne, der auch Altgriechisch kann, am Ende des Sommers Elsbeth Mordo, eine Landtagskollegin aus der allerersten Grünen-Fraktion, in Griechenland. Um danach auch schon mal aufgeräumt über seine Erkenntnisse dank Homer ("Der weiseste aller Ratgeber ist die Zeit") zu berichten - oder auch anderer hellenischer Großdenker. Diesmal würde auch Perikles passen: "Einen Entschluss muss man schnell ausführen, überlegen aber muss man langsam." Viele, gerade in der Landtagsfraktionen, wünschen sich allerdings, Kretschmann hätte endlich ausgedacht. "Der Klimaschutz hat gerade Hochkonjunktur", sagt ein Abgeordneter aus Nordbaden. Und dennoch müsse bei fast jedem Termin zuerst "die Frage aller Fragen behandelt werden: Tritt er an oder nicht".

Die Antwort kennt, die Äußerungen des Regierungschefs vom Dienstag im Wald in Ühlingen-Birkendorf zugrunde gelegt, nur der Wind. "Jetzt habe ich erst einmal natürlich mit meinen Familienangehörigen gesprochen", sagte der 71-Jährige. Und dann fuhr er leise lächelnd fort: "Ich überlege mir das jetzt, dann wird es wichtige Gespräche mit meiner politischen Umgebung geben und dann werde ich eine Entscheidung fällen."

Kein Wunder, dass versucht wird, "die Botschaft hinter der Botschaft", wie eine Abgeordnete sagt, zu deuten. Im Netz kommentiert einer, der sich zur Grünen-Jugend bekennt: Jetzt würde er Wetten annehmen, "denn dieser Ablauf kann doch nur bedeuten, dass er's noch mal macht". Auch im Landesvorstand gehen die allermeisten davon aus, wie ein Mitglied sagt, "dass unser Spitzenkandidat 2021 Winfried Kretschmann heißt". Womit allerdings noch nicht alle Probleme gelöst sind, denn die Bekanntgabe muss auch noch über die Bühne gehen.

So mancher trauert vertanen Möglichkeiten hinterher, etwa der Veröffentlichung des "Baden-Württemberg-Trends" im vergangenen März, der die Grünen mit 32 Prozent vier Punkte vor der CDU sah und bei dem sogar 62 Prozent der Unionsanhänger angaben, sie würden den Ministerpräsidenten direkt wählen, wenn dies möglich wäre.

Aber inzwischen haben sich die Verhältnisse verändert. Susanne Eisenmann ist zur Herausforderin gekürt. Und die 54-Jährige hat auch sofort klar gemacht, dass Kretschmann nicht auf die Unterstützung der CDU bauen kann, sollte er auf die Idee verfallen, nicht mehr an- und sofort zurücktreten zu wollen, um einen grünen Nachfolger an die Regierungsspitze zu hieven. Dann würden, sagt Eisenmann, die Karten neugemischt, will heißen, dann könnte sich die CDU mit SPD und FDP auch eine andere Mehrheit suchen, um selber die Ministerpräsidentin zu stellen.

Öffentlich machen will Kretschmann seine Entscheidung also nach der Rückkehr aus Griechenland und den angekündigten Gesprächen. Am 17. September ist die erste Regierungspressekonferenz, auf der er sich sicherlich entsprechenden Fragen stellen muss, sollte bis dahin nicht alles klar sein. Am selben Tag beginnt in Herrenberg die alljährliche Fraktionsklausur. Auf der geht es eigentlich allein um inhaltliche Positionierungen, die aber völlig untergingen, würde er sich dort erklären.

Noch zäher wäre die Hängepartie, wenn der Ministerpräsident bis zum Parteitag am vorletzten Septemberwochenende wartet. Für den Fall wiederum wäre zumindest das alles erlösende "Ja, ich mach's" programmiert. Denn sonst würde ausgerechnet der berühmteste Grüne seiner Partei die Feierlaune gründlich verderben: Immerhin steht der 40. Geburtstag des bundesweit ersten Landesverbands an.

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