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Ausblick auf die große Landesausstellung
12.09.2019 - 09:29 Uhr
Von Georg Patzer

Fast nackt liegt sie auf der Liege ausgestreckt, hält den Rest eines weißen Tuchs, das sie kaum noch bedeckt, mit der rechten Hand an ihre Brust, während ein spitzer Finger der Linken sich schon darunter geschoben hat: Gleich wird sie sich völlig entblößen. Mit kostbarem Schmuck behangen, einer Kette aus goldenen Gliedern, einer Perlenkette und einem Diadem, mustert sie den Betrachter und bietet sich ihm mit ihren langen elfenbeinblassen Gliedern an.

Der alte, fast glatzköpfige Mann hinter ihr, beäugt sie mit einem seltsam schrägen Blick. Und während er den Weinkelch an seine Lippen hebt, linst er schon zu ihrem Schoß. Am rechten Bildrand brennen Häuser in höllischem Rot und ein paar winzige Gestalten tummeln sich in und vor ihnen, darunter ein leuchtendweißes, säulenartiges Menschenfigürchen.

Eine kleine Sensation hatte die Kunsthalle Karlsruhe gestern zu bieten, ein neues Bild von Hans Baldung Grien: Das Bild "Lot und seine Töchter" (von etwa 1535/40) besteht aus vier Teilen, dem Vater, je einer Tochter und der brennenden Stadt. Irgendwann, vermutlich im 19. Jahrhundert nach der Säkularisierung, wurde es, wie viele andere großformatige Gemälde, auseinandergesägt und zerstückelt, um es mit mehr Gewinn verkaufen zu können. Viele Werke sind dann für Jahrhunderte verschwunden.

Die Tafel mit Vater Lot ist seit 1969 bekannt, die "ältere Tochter Lots" als liegender Akt und "Das brennende Sodom", das bis 2003 schwarz übermalt gewesen ist, sind jetzt neu entdeckt worden: Sie waren im Besitz eines englischen Privatsammlers, der sie allesamt recht schnell verkaufen wollte. Der Kunsthalle ist es gelungen, mit den Mitteln aus der Museumsstiftung, den Zentralfonds für die Anschaffung von Spitzenwerken für die Staatlichen Kunstsammlungen des Landes, der Ernst-von-Siemens-Stiftung und einer Mäzenin, die nicht genannt werden will, alle drei zu erwerben. Der vierte Teil, die jüngere Tochter Lots, fehlt immer noch, immerhin gibt es eine Schwarzweiß-Fotografie. Die Kunsthalle plant, das Foto mit auszustellen, sodass man wenigstens einen Eindruck davon bekommt.

Als eigenwilligen Künstler bezeichnete Holger Jacob-Friesen, Leiter der Abteilung Sammlung und Wissenschaft, bei der offiziellen Übergabe den Künstler Hans Baldung, der als altdeutscher Meister begann, wie es die "Markgrafentafel" mit ihrem bunten, reichen Kolorit zeigt. Ab 1520 aber änderte sich das: Im späteren Werk "Lot und seine Töchter" ist das intellektuell-sinnliche Spiel mit den Blicken, der Spannung zwischen Moral und Voyeurismus, Religion und Erotik genau zu sehen. Vor allem die Verbindung von Aktmalerei und religiösem Sujet ist für die Zeit neu.

Vorher gab es entweder den Akt in der Natur (Eva) oder den Akt als Körperstudie, beide sind auch von Baldungs Lehrer Dürer bekannt. Baldung aber macht durch die sexuelle Aufladung aus dem früher als Heiligen verehrten Lot, der unschuldig verführt wurde, einen Sünder. Dabei ist sein schräger Blick nicht einmal genau zu deuten: Ist er lüstern?

Verschlagen, zögerlich, misstrauisch? Bei Baldung, so Jacob-Friesen, kommt man unwillkürlich zu psychologischen Deutungsversuchen, und das ist kein Zufall, denn der Bildaufbau spielt mit den vieldeutigen Blicken und Interaktionen auch damit. Und für die eigenartigen Blicke ist Baldung berühmt: Auf vielen Bildern ist er zu sehen, auch auf dem kleinen Bild "Das ungleiche Liebespaar" von 1528, das in der Kunsthalle neben der Markgrafentafel hängt.

Ab Ende November ist die restaurierte und teilweise wieder zusammengefügte Tafel in der großen Landesausstellung zu sehen, die die Kunsthalle dem Künstler widmet. 60 Jahre nach der ersten und bisher einzigen Werkschau, die ebenfalls in der Kunsthalle stattfand. Und wer weiß, vielleicht taucht dann auch die Tafel mit der jüngeren Tochter auf, die, ebenfalls halbnackt, hinter einem Vorhang hervorschaut.

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