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"Kurzfristig buchen, öfter reisen, kürzere Aufenthalte"
13.09.2019 - 00:00 Uhr
Baden-Baden - 8,63 Millionen Gäste hat die Schwarzwald-Region im vergangenen Jahr verbucht - und das allein in den gewerblichen Beherbergungsbetrieben mit zehn oder mehr Betten. Das entspricht einem Plus von 3,8 Prozent. Wie wird sich der Tourismus in Zukunft weiterentwickeln? Welche Trends gibt es? Und wie stellen sich die Touristiker darauf ein? Darüber gibt Hansjörg Mair (51), Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH (STG), im Gespräch mit BT-Redakteur Armin Broß Auskunft. Seit rund zwei Jahren leitet der gebürtige Bozener und Wahl-Freiburger die Dachorganisation, die 16 Land- und Stadtkreise zwischen Karlsruhe, Pforzheim, Rottweil und Waldshut-Tiengen mit insgesamt 321 Kommunen abdeckt.

BT: Herr Mair, auch im vergangenen Jahr sind wieder Rekordzahlen und Zuwächse beim Schwarzwaldtourismus vermeldet worden. Wie ist denn die Tendenz im laufenden Jahr?

Hansjörg Mair: Das erste Halbjahr ist sehr positiv verlaufen. Es gibt kleine Zuwächse sowohl bei den Übernachtungen als auch bei den Ankünften. Ich glaube übrigens, dass sich die Tendenz der vergangenen sieben, acht Jahre mit ständig neuen Rekordzahlen auf Dauer nicht wird halten können. Das ist auch in Ordnung. Es geht eben nicht nur um ein Mehr an Übernachtungen, sondern um die Frage: Schaffen wir es, die Wertschöpfung in den Betrieben zu steigern? Dafür muss man den richtigen Gast für unser Produkt finden.

BT: Es geht also auch darum, wieviel Geld der Tourist in der Region lässt...

Mair: Ganz genau.

BT: Wieviel Wachstum will man überhaupt noch?

Mair: Das ist ein riesiges Thema. Will man immer mehr, immer stärker, immer größer werden oder will man sich qualitativ verbessern? Wir haben im Schwarzwald sicherlich keine Debatte über "Overtourism". In meinen Augen haben wir in vielen Regionen eher noch "Undertourism" und insgesamt einen "unbalanced tourism", also einen nicht ausgewogenen, gleichmäßig verteilten Tourismus.

Ich meine, das Wachstum muss vor allem auf der qualitativen Seite stattfinden. Daran gilt es zu arbeiten. Wir sind ein hochwertiges Reiseziel, und wir haben die Voraussetzungen, um für unser wertiges Angebot auch einen wertigen Preis zu erzielen.

BT: Ist die Infrastruktur der Region ausreichend, um den Tourismus in der aktuellen Größenordnung zu bewältigen?

Mair: Grundsätzlich ja. Wir setzen auch verstärkt darauf, dass der Gast im Schwarzwald die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt. Wir versuchen, Individualverkehr durch unsere KONUS-Karte zu vermeiden (Abkürzung für "Kostenlose Nutzung des ÖPNV für Schwarzwaldbesucher", Anm. d. Red.). 148 Kommunen im gesamten Schwarzwald bieten ihren Gästen gratis die KONUS-Karte an, das heißt, der Gast darf dann kostenlos alle öffentlichen Verkehrsmittel nutzen.

Außerdem haben wir eine neue Partnerschaft mit der Deutschen Bahn. Damit wollen wir die Erreichbarkeit der Schwarzwaldregion mit öffentlichen Verkehrsmitteln stärken. Das gemeinsame Produkt heißt "Fahrtziel Natur". Daran beteiligt sind Umweltverbände, die Deutsche Bahn und wir. In unserer deutschlandweiten Kampagne bewerben wir als einzigen Transferpartner die Deutsche Bahn.

BT: Hat es bei den Touristen in den vergangenen Jahren Änderungen gegeben, also zum Beispiel bei den Herkunftsländern?

Mair: Fast 30 Prozent unserer Gäste kommen aus dem Ausland. 70 Prozent kommen nach wie vor aus Deutschland. Deutschland ist definitiv unser wichtigster Markt, und das wird in den nächsten Jahren auch so bleiben.

Innerhalb der ausländischen Märkte gibt es natürlich immer Verschiebungen, aber die wichtigsten Länder sind nach wie vor die Schweiz, Frankreich und die Benelux-Staaten. Aus dem arabischen Raum gab es zuletzt etwas rückläufige Zahlen. Aber grundsätzlich ist das Interesse im Ausland am Schwarzwald-Urlaub gestiegen.

Interview

BT: Welche Trends sind bei den Schwarzwald-Urlauben beziehungsweise -Urlaubern zu beobachten?

Mair: Der Trend lautet: Kurzfristig buchen, öfter reisen, aber auch kürzere Aufenthalte. Das gilt für ganz Deutschland. Und nach wie vor boomen Städtereisen - auch im Schwarzwald. Wir haben hier nicht Metropolen wie Mailand oder Paris, aber wir haben diese mittelgroßen, städtischen Perlen wie Freiburg, Baden-Baden oder Karlsruhe, die für viele zunehmend interessant werden.

BT: Wie haben sich die Ansprüche der Touristen entwickelt?

Mair: Wir müssen ja nur einmal von uns selber ausgehen. Was erwarte ich von einem Urlaubsort? Ich will im Urlaub mindestens genauso gut wohnen wie zuhause. Wenn ich als Hotelier diesem Anspruch nicht gerecht werde, wird es immer schwieriger, neue Kunden zu finden. Und: Der Tourist ist wissbegieriger geworden; er will etwas für sich aus dem Urlaub mitnehmen, etwas Wertvolles, das ihn persönlich weiterbringt - nicht nur ein Souvenir.

BT: Sind die touristischen Anbieter in der Region darauf eingestellt?

Mair: Viele sind schon sehr weit. Wir Touristiker machen ja oft den Fehler, dass wir die Leistungsträger unterschätzen. Ich sehe, wie junge Betriebsnachfolger nach Lehrjahren im Ausland zurückkommen und mit neuen Ideen Schwung in die Betriebe reinbringen. Sie haben verstanden, dass das ureigene Wesen des Schwarzwalds, diese Authentizität, gepflegt werden, aber auch in die Moderne gebracht werden muss. Der Verwurzelung bewusst sein, aber Innovation zuzulassen und sich weiterzuentwickeln - darum geht es. Das ist eine Gratwanderung.

BT: Wie ändert sich Tourismusmarketing im Zeitalter der Digitalisierung?

Mair: Ich sage Ihnen: In fünf Jahren wird das klassische Marketing abgelöst worden sein. Wir werden zwar nach wie vor eine Marketingabteilung haben, aber wenn es uns gelingt, unsere Gäste zu begeistern, dann werden unsere Kunden sehr viel von unserem Marketing übernehmen ...

BT: ...über soziale Netzwerke beispielsweise...

Mair: Ganz genau! Was dann auch viel glaubhafter ist. Die klassische Mund-zu-Mund-Werbung wird in Zukunft noch wertvoller sein. Und wir, die STG, entwickeln uns gerade weg von einer reinen Marketingorganisation hin zu einer Managementorganisation. Das ist unsere zukünftige Aufgabe. Wir haben auch dahingehend vor einigen Monaten unseren Gesellschaftervertrag geändert.

Von "Kuckuck 19"



bis zum Dorfurlaub

BT: Den Unterschied müssen Sie jetzt aber etwas näher erklären.

Mair: Marketing ist die Kommunikation unseres Produkts auf den Märkten, bei den Ziel- oder Stilgruppen. Das machen wir bisher, und wir werden es auch in Zukunft machen.

Mittlerweile sind wir aber auch Produktgestalter geworden. Touristische Produkte werden von uns initiiert und betreut, zum Beispiel der Badische Weinradweg, der über 400 Kilometer lang sein wird und der nächstes Frühjahr eröffnet wird. Oder der Genuss-Award "Kuckuck 19" - den haben wir initiiert. Oder Mobilitätskonzepte: In den 16 Stadt- und Landkreisen der Schwarzwald-Region gibt es jeweils unterschiedliche Mobilitätskonzepte - mit E-Mobilität, Sharing-Angeboten, intermodaler Mobilität. Wir führen das jetzt mit einer Abfrage zusammen, um zu sehen, wo es weiße Flecken gibt. Weiteres Beispiel: Das Projekt Natürlicher Dorfurlaub (NaDu), an dem sich 21 Kommunen beteiligen und das jetzt in die zweite Phase geht. Damit sollen in strukturschwachen kleineren Orten touristische Angebote entwickelt werden. Speziell Kleinvermieter sollen davon profitieren.

BT: Stichwort Fachkräftemangel: Wie wirkt sich das im Bereich Hotellerie und Gastronomie aus?

Mair: Das ist eine sehr große Herausforderung - nicht nur im Schwarzwald. Ein Patentrezept gibt es nicht. Wir als STG können nur die Forderungen der Dehoga um flexiblere Arbeitszeitregelungen unterstützen. Es muss einfach gelingen, dass die Menschen erkennen, dass die Berufe im Tourismusbereich attraktiv und zukunftsfähig sind.

BT: Was sind aktuell die wichtigsten Projekte der STG?

Mair: Unser aktuelles Projekt ist der erste Genuss-Award "Kuckuck 19". Diese Auszeichnung ist ein Publikumspreis, der in sechs Kategorien vergeben wird: Restaurant des Jahres; Café des Jahres, Ausflugslokal des Jahres, das Nest des Jahres (also das Hotel beziehungsweise die Übernachtungsmöglichkeit), die Bar des Jahres und das Weinfest des Jahres. Wir möchten die Schwarzwälder Genusshelden auszeichnen, die innovative Konzepte umgesetzt haben. Es ist ein Online-Voting, und am ersten Tag sind fast die Server abgestürzt - wir hatten 15 000 Votings. Also läuft es sehr gut. Das Online-Voting geht noch bis zum 10. Oktober. Dann gibt es eine Woche Unterbrechung, anschließend kommen aus allen Kategorien die drei besten ins Finale und werden noch mal freigeschaltet. Am 8. November findet in Freiburg die offizielle Preisverleihung statt.

Ferner wollen wir nächstes Jahr einen Mobilitätspreis ausschreiben. Es geht dabei um innovative Mobilitätslösungen innerhalb des Schwarzwaldes. Ich bin davon überzeugt: Das Thema Mobilität, insbesondere die Verknüpfung von individueller und nicht-individueller Mobilität, ist eines der Treiberthemen der Zukunft.

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