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Bauhaus-Eleganz am Meer
19.09.2019 - 00:00 Uhr
Von Dorothee Baer-Bogenschütz

"Tel Aviv: Meer. Licht. Azur. Sand, Baugerüste, Kioske in den Alleen, eine hebräische Stadt, weiß und geradlinig, wächst zwischen Orangenhainen und Sanddünen heran." Amos Oz erinnerte sich gut an die Anfänge, charakterisiert in seinem Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" trefflich das Tel Aviv der 1940er Jahre: eine mediterrane Beauty, schon als Backfisch vom Bauhaus-Design beseelt. Für den Schriftsteller "ein einziger Grashüpfer". Alles schien möglich in der modernen jüdischen Vorstadt, die keck andockte an den Mittelmeerhafen Jaffa: von Bedeutung seit dem Altertum.

Nur zehn Jahre älter als das Bauhaus, dessen 100. Geburtstag am 12. April gefeiert wurde, ist Tel Aviv: 1909 gegründet, traditionell säkularer als Rest-Israel, baukünstlerisch Synonym für den neuen Geist. Die Architektur bietet den übers Meer einfallenden Westwinden Paroli, badet in Freiheit vom Überkommenen. Dank funktionalem Trimm-dich entsteht der Eindruck schmucker Leichtigkeit. Wie kommt es aber, dass gerade Tel Aviv so kantig, kurvig, statuenhaft elegant ist, entlang ganzer Straßenzüge eingeschworen auf weiße Fassaden und durchweg gut in Form?

Tatsächlich spiegelt das blendende Straßenbild die Ästhetik blanker Notwendigkeit. Nicht zufällig bilden gut 4 000 Gebäude im Bauhaus- und Internationalen Stil die DNA der "Weißen Stadt". Schnörkelloses Bauen mit Beton drängte sich förmlich auf: In den 1930er Jahren strömten Immigranten nicht nur aus Nazideutschland. Lange vor der Staatsgründung im Jahr 1948 benötigte die Einwanderungsgesellschaft auf der Stelle viel Wohnraum. Bauhaus: wenn's schnell gehen muss.

Nun säumt die weltweit größte Konzentration ikonischer Bauhaus-Beispiele den kilometerlangen Badestrand, und seit 16 Jahren ist die Partnerstadt von Freiburg Unesco-Welterbe. Das bleibt auch so, obwohl Israel, das ihr 1949 beitrat und insgesamt neun Weltkulturerbe-Stätten zählt, die Organisation zu Jahresbeginn im Zorn verließ.

Multifunktional selbst Tel Avivs Strandpromenade. Sie kaschiert einen Abwasserkanal. Auf breiten Stufen sitzen die Menschen und blicken aufs Meer. Manche in Richtung der fernen Heimat, die ihre Vorfahren verlassen mussten. Zu ihren Füßen schwappt das Wildweiß der Brandung von Jaffa bis hin zum Kinderkarussell im Norden des Stadtstrandes. In ihrem Rücken bäumen sich schicke Halbkreisaustritte an den Fassaden, während größere Balkone laufstegartig die Hauswände fluten. Aus dem Pool der modernen Bauornamente schöpften die Architekten unermüdlich. An gut gegliederten Baukörpern ufern die Anspielungen auf Ozeandampfer - Reling wie Bullauge - buchstäblich aus.

Jedoch: Das legendäre Weiß ist mittlerweile ergraut, Flachdach und Fensterband sind in die Jahre gekommen. Tel Aviv ächzt unter der Last denkmalpflegerischer Herkules-Aufgaben. Alarmiert ist die Architektin Nitza Metzger-Szmuk, 1989 mit der Pflege des Bauhaus-Erbes betraut und Wegbereiterin des Unesco-Prädikats: "Wir müssen uns beeilen, denn die Dinge verschwinden, und Israels Behörden haben keine guten Archive." Allein das Sortieren der Fakten war eine Leistung, doch Metzger-Szmuk, eine Tochter der Stadt mit reichlich Auslandserfahrung, besaß Biss und einen Plan: "Man muss in Israel ein Thema dingfest machen, wir sind schließlich in der Levante."

Kann auch die Welterbestadt schon angesichts der schieren Größe dem schleichenden Verfall einiger Bauhausbesonderheiten nicht durchweg trotzen - dürftige Bauqualität und das Klima zehren stetig an der Substanz -, so entstand inzwischen immerhin Bewusstsein für den Erhalt des Alten. "Die Kultur der Instandsetzung ist etwas Neues für Israel, wir bauen eher neu", sagt Sharon Golan, Programmchefin des White City Center (WCC). Damit eröffnet heute in der Idelson Straße 29 das offizielle Bauhaus-Zentrum der Bauhaushauptstadt in einem frisch sanierten Anschauungsobjekt: 1936 ließen Tony und Max Liebling ihr avantgardistisches Heim mit Dachterrasse, Israels erstes Wohnhaus mit zurückgesetzten Balkonen, von Dorv Karmi erbauen. Später vermachte das kinderlose Paar sein Domizil der Stadt Tel Aviv.

Nun wurden Schubladenknäufe mit 3-D-Daten nachgebildet und die originalen Wandfarben ermittelt. Detektivisch akribisch hat man das Domizil analysiert und fand etwa heraus, dass dem Putz Meeressand beigemischt war. Die Stadtverwaltung rief das neue Bauhaus-Zentrum, das auch der Forschung und Weiterbildung dient, gemeinsam mit der deutschen Bundesregierung ins Leben, die 2,5 Millionen Euro gab zur Aufarbeitung und Vermittlung des Bauhaus-Erbes.

Bauhäusler entwarf



Masterplan für Israel

Der Schotte Patrick Geddes, Biologe von Hause aus und 1925 beauftragt, einen Bebauungsplan für rund 40 000 Einwohner zu entwerfen, hatte zunächst eine Gartenstadt konzipiert. Doch bereits 1932 war der Geddes-Plan zu modifizieren angesichts des starken Zuzugs. Im selben Jahr trifft auf dem "Frühlingshügel", wie Tel Aviv im Deutschen heißt, der Bauhaus-Schüler Arieh Sharon (1900-1984) ein, eigentlich Ludwig Kurzmann. Als 23-Jähriger gab er sich, den Angaben seiner Tochter Yael Aloni zufolge, einen hebräischen Namen wie es Usus war. In Tel Aviv angekommen, setzt der junge Zuwanderer inspiriert um, was er sich in Dessau angeeignet hatte. Sharon bringt das Bauhaus ans Meer. Er denkt Baukunst, Natur und Gesellschaft zusammen. Mit diesem Ansatz baut er das landesweit größte Architekturbüro auf, entwickelt mit Ben Gurion den ersten nationalen Masterplan. Ein Bauhäusler entwirft Israel. Der Soziakist ist auch involviert in 40 Kibbuzim-Projekte. Sharon verabschiedet das eklektische Allerlei - korinthische Säulen, Jugendstilornament, arabische wie jüdische Symbolik - und fragt: "Wie schafft man Wohnraum für alle?" Emigrierte Kollegen, unter ihnen der gebürtige Frankfurter Richard Kauffmann, der an der Städelschule Kunst studiert hatte, und Shmuel Mestechkin, finden sich zum Architektenzirkel HaChug zusammen, benannt nach dem deutschen Vorbild "Der Ring".

In Israel bekamen auch Architektinnen Aufträge. Der druckfrische erste Dumont-Direkt-Reiseführer Tel Aviv mit vorzüglichem Cityplan hebt mit der 1909 geborenen Genia Averbuch zu Recht die Gestalterin des Dizengoff-Platzes hervor. Am Bauhaus in Deutschland hingegen durften Frauen bestenfalls als Weberinnen wirken wie Gunta Stölzl, die Sharon in Dessau kennenlernte und heiratete. Beider Tochter Yael Aloni feiert, wenn die Reformschule 2019 hundert wird, ihren 90. Geburtstag: am 8. Oktober im Altenheim in einem grünen Bezirk Tel Avivs, auf das sie von ihrer bescheidenen Wohnung im zwölften Stock hinunter blickt.

Nicht zuletzt Aloni hat erheblichen Anteil an Tel Avivs Aufstieg zur Unesco-Schönheit. Ihre Mehrsprachigkeit und ihr Organisationstalent waren für Sharon unverzichtbar. Nachdem sie zunächst bei einer Zitrusorganisation beschäftigt gewesen war, wurde sie seine rechte Hand: "Ich will in dein Büro, ich werde zeichnen lernen", ließ sie ihren Vater wissen, als sie den Traum, in die USA zu gehen, für die sie schon "einen Riesenkoffer" gepackt hatte, mangels finanzieller Mittel aufgeben musste.

Über ihrem kleinen Tisch mit dem Laptop, flankiert von einem Buddhafigürchen und Statuetten aus Nairobi, hängt eine Zeichnung von Oskar Schlemmer, die ihr teuer und mit ins Heim gezogen ist. "Seine Briefe an Gunta Stölzl habe ich aber nach Berlin gegeben", sagt sie, "damit sich Bauhaus-Experten darum kümmern können." Auch Sharon Golan sieht das Bauhaus als Bindeglied: "Man fühlt sich mit Deutschland verbunden über etwas, das nichts mit dem Holocaust zu tun hat."

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