www.spk-bbg.de/branchensieger
http://www.badisches-tagblatt.de/weihnachtsabo/index.html
Intensität der Farbe und des Lichts
27.09.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Einfach drauflos malen war nicht seine Sache: "Man muss von Anfang an eine klare Vorstellung vom Ganzen haben", lautete ein Grundsatz von Henri Matisse. Der bedeutende französische Maler und Bildhauer hat die Konzeption seiner Kunstthemen - die Akte, die Atelier-Interieurs und die Porträts - generalstabsmäßig immer weiter vereinfacht und dabei mit Wonne die Intensität der Farbe und des Lichts in seiner Malerei vorangetrieben.

In seiner unkonventionellen Bildsprache und den leuchtenden Farben prägte er die Kunst am beginnenden 20. Jahrhundert nicht nur in seiner Heimat Frankreich, sondern setzte auch international Maßstäbe; vor allem die jungen deutschen Expressionisten orientierten sich an ihm. Er wurde zum "Künstler der Künstler" - gründete und leitete zeitweise in Speyer auch die "Académie Matisse".

In ihrer neuen, hochkarätigen Ausstellung "Inspiration Matisse" zeigt die Kunsthalle Mannheim über 60 Gemälde und Plastiken von Matisse, hinzu kommen Meisterwerke seiner Künstlerfreunde André Derain, Georges Braque, der Brücke-Künstler Kirchner und Pechstein, der Expressionisten um Macke, Jawlensky, Gabriele Münter, bis hin zu seinem wichtigsten "Académie"-Schüler Hans Purrmann. Rund 130 Werke, darunter auch Grafiken, Keramiken und einige Fotografie-Raritäten in Großformat, die Matisse beim Malen im Atelier zeigen, sind bei der Schau zu sehen. Gestern Abend ist sie eröffnet worden.

Den 150. Geburtstag von Matisse am 31. Dezember hat die Kunsthalle Mannheim zum Anlass genommen, den in Deutschland eher selten ausgestellten Avantgarde-Künstler zu würdigen: der die französische Kunstrichtung der "fauves", der einst von der Kunstkritik als "wilde Tiere" beschimpften Maler, mitgeprägt hat und weit über die flüchtigen Eindrücke der Impressionisten hinaus in die abstrahierende Moderne verwies. Nicht nur in der Malerei, auch in der Plastik war er ein Vorreiter, die weibliche Figur sein bevorzugtes Sujet - sie modellierte er mit Hingabe und experimenteller Verzerrung: Die mit verdrehter Hüfte posierende Aurora - "Nu couché" von 1907 - zitierte er immer wieder in späteren Werken.

Eines der vier monumentalen Bronze-Reliefs - die Matisse in einer fast schon abstrakten Auslegung seines berühmten Rückenakts ausformte - befindet sich seit 1963 in der Mannheimer Kunstsammlung. Die drei schwergewichtigen Vorläufer dieses plastischen Hauptwerks von Matisse - bei denen der Zopf des Rückakts zunehmend mit dem Rückgrat verschmilzt - sind aus der Stuttgarter Staatsgalerie ausgeliehen worden.

Leitfiguren und



Vorbildfunktion

"Es war ein Kraftakt für die neue Kunsthalle", sagte deren neuer Leiter Johan Holten, der erst im Sommer von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden nach Mannheim gewechselt ist. Die Matisse-Schau hat noch seine Vorgängerin Ulrike Lorenz geplant - zusammen mit dem Kurator Peter Kropmanns aus Paris. Sie steht unter der Schirmherrschaft des französischen Kulturministeriums und der deutschen Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Die kostbaren internationalen Leihgaben wurden aus großen europäischen Museen und Privatsammlungen geholt, auch aus den USA, wo seine Kunst schon früh Anklang fand. 1909 war Matisse so erfolgreich, dass er am Stadtrand von Paris eine eigene Villa mit großem Garten und Atelierhaus beziehen konnte.

Matisses farbtrunkene, expressive Malerei hatte bereits 1905 im Pariser Herbstsalon für Furore gesorgt, ein Jahr später wurde sie von München, Frankfurt, Karlsruhe, Stuttgart bis Dresden gezeigt. 1909 schon widmete der Berliner Kunstsalon der Kunst des damals 40-jährigen Matisse eine große Retrospektive. Die französische Malerei galt an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert als vorbildhaft, viele deutsche Künstler und Sammler pilgerten nach Paris.

Aus der nordfranzösischen Kleinstadt Le Cateau-Cambrésis nahe Saint-Quentin kam der malende Autodidakt Matisse um 1889 nach Paris, um seinen Blick für Perspektive und Lichteinfall an den großen Landschaftsmalern im Louvre zu schulen. Der angehende Jurist hatte erst als 20-Jähriger sein Talent und seine Liebe zur Malerei entdeckt und ein Kunststudium bei dem französischen Symbolisten Gustav Moreau aufgenommen.

Die dreiteilige Mannheimer Schau "Inspiration Matisse" thematisiert seine eigenen Leitfiguren und stellt vor allem seine Rolle als Vorbild dar. Sie beginnt mit dem dunkeltonigen Frühwerk von Matisse, als er ein Seestück des Niederländers Jacob van Ruisdael interpretierte. In der Licht- und Schattenregie früher Interieurs bricht sich bei Matisse die Farbe Bahn. Geradezu elektrisiert vom flächigen, lichtdurchfluteten Werk des älteren Paul Cézanne fand er in stetiger Auseinandersetzung mit den Werken des Neo-Impressionismus zu eigenen Farb- und Formexperimenten - wurde zur intellektuellen Leitfigur des Fauvismus, jener losen Künstlergruppe Anfang des 20. Jahrhunderts, die mit satten Farben und dicken Pinselstrichen vereinfachte Formensprachen erprobte.

Bei Matisse sind die intensiv leuchtenden Farben feiner, die Linie schlängelt sich zur Arabeske. Zeitlebens hielt er sich an die klassischen Bildgattungen, aber sein Lieblingssujet, die Figur im Raum, oszilliert beim ihm auf innovative Weise zwischen abstrakten und figürlichen Tendenzen.

Ab 1917 verbringt er immer mehr Zeit in Nizza. Die Stadt und die Küste der Côte d'Azur werden zum Lebensmittelpunkt. Im Licht des Südens entfernt sich Matisse wieder von der Abstrahierung und kehrt zum Figürlichen zurück, und zum Orientalischen, das ihn nach früheren Marokko-Reisen inspiriert hatte, es prägt sein Alterswerk. Die Pracht der ornamental ausgestalteten späten Atelierbilder mit Modell zeigt die Ausstellung im letzten Akt. Am 3. November 1954 starb Matisse in dem Künstlerstädtchen Saint-Paul-de-Vence.

Die Mannheimer Ausstellung läuft bis 19. Januar 2020; der Katalog (Prestel-Verlag) kostet 29,90 Euro. In der Kunsthalle wird auch ein historischer Matisse-Film gezeigt, in dem der Besucher die markante Linienführung des Zeichners Matisse beobachten kann.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Baden-Baden
Potenzialanalyse mit viel Erregungspotenzial

27.09.2019
Analyse mit Erregungspotenzial
Baden-Baden (vn) - Im Mai ist der neue Windatlas für Baden-Württemberg veröffentlicht worden. Jetzt hat die Landesanstalt für Umwelt (LUBW) eine Potenzialanalyse erstellt, wo überall Windräder gebaut werden könnten. Das Ergebnis dürfte enormes Erregungspotenzial haben (Foto: dpa). »-Mehr
Mannheim
Mannheim: Antiterror-Übung

26.09.2019
Mannheim: Antiterror-Übung
Mannheim (lsw) - Bei einer Großübung in Mannheim haben am Donnerstag 150 Einsatzkräfte erprobt, wie sie im Fall eines geplanten Terroranschlags mit biologischen Waffen gemeinsam agieren. Beteiligt waren unter anderem Polizei, Katastrophenschutz und Feuerwehr (Foto: dpa). »-Mehr
Stuttgart
Kitas im Land gut ausgestattet

26.09.2019
Kitas im Land gut ausgestattet
Stuttgart (lsw) - Nach einer neuen Studie sind die Kindertagesstätten in Baden-Württemberg im Bundesvergleich überdurchschnittlich gut mit Personal ausgestattet: Beispielsweise betreut ein Erzieher drei Krippen-Kinder. Allerdings gibt es starke Schwankungen (Symbolfoto: dpa). »-Mehr
Baden-Baden
Die Bürger zu Botschaftern gemacht

26.09.2019
Biologische Vielfalt am Oberrhein
Baden-Baden (vn) - Nach sechs Jahren endet das Projekt "Lebensader Oberrhein". Die biologische Vielfalt zwischen Mannheim und Iffezheim wurde erhalten und gefördert. Viele Bürger haben sich informiert und als Biodiversitätsbotschafter selbst eingebracht (Foto: NABU/A. Baumann). »-Mehr
Baden-Baden
Polizeipferde wirken deeskalierend

25.09.2019
Hoch zu Ross durch Parkanlagen
Baden-Baden (vr) - Hoch zu Ross patrouilliert die Polizei regelmäßig in der Kurstadt. Ein- bis zweimal im Monat kommt die Reiterstaffel aus Mannheim dafür extra nach Baden-Baden, um in den Parkanlagen nicht nur für Aufsehen, sondern auch für Ordnung zu sorgen (Foto: Rechel). »-Mehr
Umfrage

Am Donnerstagabend findet die Bambi-Gala erstmals in Baden-Baden statt. Werden Sie sich die Übertragung im Fernsehen anschauen?

Ja.
Nein.
Das weiß ich noch nicht.

https://www.eyesandmore.de
Wetter in Mittelbaden


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1