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Von Furien, Schatten und seligen Geistern
30.09.2019 - 00:00 Uhr
Von Sabine Rahner

Die Nähe von John Neumeier zur Musik ist an seinem reichen Werkverzeichnis leicht nachzuvollziehen. Wenige andere Choreografen haben eine derart subtile Auswahl an Musikstücken vorzuweisen, wenige eine so überzeugende Übersetzung musikalischer Formen in Bewegung. Und wer, außer John Neumeier, kreiert Ballettabende (und setzt sie bei Geldgebern durch), bei denen ein großes Orchester im Graben spielt und dazu noch ein Pianist auf der Bühne eingesetzt wird, oder ein prominenter Geiger oder gar Gesangsstars im Range von Klaus Florian Vogt? Alles schon da gewesen bei den zurückliegenden Gastspielen des Hamburg Balletts und seines langjährigen Leiters. Ein Gesamtkunstwerk ist für diesen Choreografen, der meist auch noch für Licht, Kostüme und Bühnenbild die Verantwortung übernimmt, nichts Neues. Warum nicht also eine Oper?

Mit Glucks "Orphée et Eurydice" - der Pariser Fassung dieser Oper, die Gluck für das ballettverliebte französische Publikum 1774 um Tanzstücke angereichert hat - eröffnete jetzt der Regisseur John Neumeier die neue Spielzeit im Festspielhaus Baden-Baden. Und es gelingt ihm die Überraschung, dass man die Sänger - es sind nur drei - von den Tänzern nicht unterscheidet. Ganz organisch bewegen sie sich im immer fließenden Strom der Bewegungen mit. Tanz und Gesang geben sich gegenseitig Raum. Das Corps de ballet wirkt oft als verlängerter Arm des Chors, der vom Orchestergraben aus singt. John Neumeier will Ballett, Musik und Gesang auf Augenhöhe miteinander verbinden - es gelingt ihm fast mühelos.

Barockorchester



entstaubt Glucks Musik

Dabei ist die Form einer Ballettoper nicht ohne Probleme, mancher wird zu wenig Gesang, ein anderer zu wenig Tanz darin finden. Insgesamt ist Glucks Werk auch kein Reißer - es ist trotz dramatischer Szenen von einem gemächlichen, getragenen Duktus.

Wäre da nicht das Freiburger Barockorchester, das die Aufführung auf eine ganz hohe musikalische Ebene trägt. Diese Musiker haben sich in ihrem jetzt 30-jährigen gemeinsamen Wirken längst aus der reinen Barockwelt befreit und neue Musikepochen für sich entdeckt. Mit Verve und Virtuosität, federnd und spannungsvoll interpretiert das Orchester unter der feinsinnigen, erfahrenen Leitung von Alessandro De Marchi Glucks Musik so, dass vom "Reigen der seligen Geister" der Wunschkonzert-Staub weggeblasen ist und Orpheus' Arie "Ach, ich habe sie verloren" ohne tranige Schwermut ganz neu und berührend wirkt.

Dieser Arie lässt Regisseur Neumeier die ganze Aufmerksamkeit des Publikums zukommen, er schließt sogar den Vorhang vor der Hauptbühne, damit Orpheus Klage auf der Seitenbühne keine Ablenkung erfährt. Es ist eine Sternstunde des Tenors Dmitry Korchak: Dieser leichten, in den Koloraturen beweglichen, metallisch strahlenden Tenorstimme entkommt der Zuhörer nicht - ein echter Orpheus.

Neumeier gibt der mythischen Handlung gleich bei der Ouvertüre einen heutigen Rahmen: Orpheus ist hier Choreograf, Eurydike seine Primaballerina und ein bisschen zickig. Es kommt zum Streit, sie rauscht aus dem Probensaal - da passiert das Unglück: Wie in seinem "Orpheus"-Ballett, das schon 2009 in Baden-Baden zu sehen war (mit Musik von Strawinsky und Biber), stirbt auch in der Gluck-Oper Eurydike bei einem Autounfall. War Böcklins Gemälde "Die Toteninsel" auf der Bühne eben noch als Inspiration für ein neues Ballett gedacht, wird diese Stätte nun für Orpheus zum Ziel aller Hoffnungen. Dorthin will er, um seine geliebte Frau zurückzuholen.

Durch Spiegelwände gelangt Orpheus mit Amor als Assistenten in eine andere Wirklichkeit. Er beruhigt die mit harten, zuckenden Bewegungen bedrohlich aufbegehrenden Furien, zeigt keine Angst vor dem Zerberus, den Neumeier von drei sprungstarken Tänzern sehr eindrucksvoll verkörpern lässt, und gelangt schließlich in das Reich der seligen Geister, die sich langsam und erhaben bewegen. Hier ist alles überirdisch weiß. Im Hintergrund lässt Neumeier immer wieder Teile von Böcklins Bild aufscheinen, auf Bühnenelementen, die geräuschlos in Bewegung sind und die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum verwischen.

Das tänzerische Ebenbild von Orpheus und Eurydike wird von zwei Solisten des Hamburg Balletts verkörpert, Anna Laudere und Edvin Revazov. Mit großer Ruhe geben sie der Trauer beredten Ausdruck, wie in Zeitlupe wirken die kunstvollen Hebefiguren. Später sind ihre Bewegungen gelöst und leicht. Mehrfach reihen sich die Sänger ein, kreisen um die Tänzer, lassen sich leiten. Die Kostüme des Corps de ballets wechseln vom Trauerschwarz über Lichtweiß zum farbigen Alltag zurück, wenn am Ende ein Divertissement dem Hamburg Ballett Gelegenheit für irdisch-schöne Tanzszenen gibt.

Ein Abend von delikater Ästhetik, mit einer Eurydike, die von Arianna Vendittelli mit ihrem warmen, sinnlichen Sopran als emotionale Persönlichkeit gezeichnet wird. Marie-Sophie Pollak setzt in der Rolle des Amor einen frischen Gegenpol mit klarer, biegsamer, vibratoarmer Stimme. Das Vocalensemble Rastatt (Einstudierung Holger Speck) integriert sich klangschön in die Aufführung.

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