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Wächter für Senioren und Bankautomaten
Wächter für Senioren und Bankautomaten
05.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Karlsruhe - Die Idee schwelte schon lange in Norbert Link. "Ich habe mich bereits 2007 wegen meiner Mutter damit beschäftigt, Wohnungen und Gebäude so intelligent zu machen, dass sie Bedürfnisse der Bewohner erkennen, etwa wenn sie hilflos am Boden liegen und Hilfe benötigen", berichtet der umtriebige 67-jährige Professor aus Karlsruhe.

Seiner Mutter blieb derlei verwehrt. "Das war 2007 technisch unmöglich. Algorithmen und Prozessoren, die so etwas leisten können, existierten nicht. In den vergangenen drei Jahren gab es jedoch einen Technologie-Schub, der uns enorme Rechenpower im Scheckkartenformat bescherte", freut sich Link und weiß vor allem, "der Markt verlangt danach!" Deshalb tat er sich im Vorjahr in Karlsruhe mit einem anderen "alten Hasen" zusammen: Für Dr. Peter Klausmann ist Inferics das bereits "fünfte Start-up-Unternehmen". Der einfallsreiche Waldkircher brachte seine jahrzehntelangen Erfahrungen für Bildauswertungen ein, die das 3D-Sensorsystem namens Patronusens rasch voranbrachte und marktreif werden ließ.

Das für Senioren wie Patienten hilfreiche Projekt begeisterte nicht nur auf Anhieb institutionelle Investoren und gar ein japanisches Unternehmen ob der Zukunftsträchtigkeit und wegen des wachsenden potenziellen Klientels. Inferics schaffte es damit ebenso ins Finale für den mit 20 000 Euro dotierten Innovationspreis "Neo 2019", den die Technologieregion Karlsruhe am 23. Oktober an eine Firma vergibt, die dank Künstlicher Intelligenz die Arbeitswelt von Morgen positiv beeinflusst (das BT stellt heute den dritten der fünf Finalisten vor).

Patronusens erfasst Räume dreidimensional "mit sehr hoher Genauigkeit", berichtet Klausmann von der Funktionsweise des dreieckigen Hightech-Kästchens. Dank der Aufnahmen mehrerer Kameras ermittelt die Software "jedes Gelenkteil" und ermittelt, ob ein Mensch "hilflos auf dem Boden liegt". Sollte Gefahr im Verzuge sein, wird etwa "ein Nachbar gerufen oder der Notarzt alarmiert".

Sicherer länger zu

Hause leben

Dank dieser Lösung können Senioren "länger und sicherer zu Hause leben", weiß Link um den Wunsch vieler, möglichst den Gang ins Pflegeheim hinauszuzögern oder ganz zu vermeiden. Aber auch dort und im Krankenhaus vermag Patronusens "den Patienten rund um die Uhr mehr zu behüten". Die Pfleger müssen dann seltener im Zimmer kontrollieren, ob der Patient wohlauf ist. Sollte er jedoch zum Beispiel aus dem Bett gefallen sein, schlägt der stille Wächter an der Decke sofort Alarm.

Weitere Einsatzmöglichkeiten sieht Link an gefährlichen Arbeitsplätzen, um bei einem Unfall Rettungskräfte ohne Zeitverlust anzufordern. Patronusens bietet sogar Schutz vor Bankräubern: An deren Gelenk-Bewegungen in Filialen erkennt das Gerät eine geplante Automatensprengung. Diese wird dadurch zwar vermutlich nicht torpediert werden können - aber die Polizei kann schneller zur Hatz auf das Diebsgesindel ausrücken. "Bisher waren Fehlalarme das große Problem in Banken. Früher kamen die einmal pro Sensor und Woche vor", berichten die beiden Inferics-Chefs. Bei Tests in zwei Bankfilialen sei dies nun in acht Monaten kein einziges Mal mehr vorgekommen, preist Klausmann den Fortschritt. Geldinstitute wie ambulante Pflegedienste bekundeten daher bereits ihr großes Interesse an dem 3D-System.

Link kommen nun all seine Erfahrungen bei Vitracom zugute, auch wenn er das 2000 gegründete "sehr erfolgreiche Start-up-Unternehmen" mittlerweile verkauft hat. Das mit Vitracom erstmals angesammelte Wissen, das "Kundenverhalten videobasiert analysierte" (etwa von Warteschlangen an Kassen oder der Erfolg von Produktplatzierungen), kann er auch jetzt nutzen. Zudem schuf er Sicherheitstechnik gegen Einbrecher und für die Überwachung in Gefängnissen. Die deutsche Datenschutzgrundverordnung sieht die kleine "ältere Truppe", die derzeit einen siebten Mitarbeiter sucht, als Wettbewerbsvorteil gegenüber internationaler Konkurrenz: "Für uns ist die Privatsphäre ganz wichtig. Es werden keine Daten gespeichert."

Ein Verkaufspreis für die Patronusens-Geräte steht noch nicht fest. "Wir bieten sie erst zur Miete an", erzählt Klausmann. Diese soll bei 50 Euro pro Monat und Gerät liegen - das dürfte zumindest für Senioren daheim in ihrer Wohnung die günstigere Variante sein, weil schwerlich abzusehen ist, ob man dank des 3D-Systems mehr als ein halbes Jahrzehnt zu Hause wohnen bleiben kann.

Link hat sich darüber auch schon seine Gedanken gemacht: Der 67-jährige Senior der beiden Inferics-Gründer "wird häufiger gefragt, wo wir in fünf Jahren stehen wollen mit unserem System und der Firma", erzählt er grinsend und gesteht bei seiner Antwort Eigennutz, "dann will ich Patronusens daheim selbst nutzen!"

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