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Roboter ersetzt Chemie-Keulen
Roboter ersetzt Chemie-Keulen
12.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Hartmut Metz

Friedrichsgabekoog - Unkraut vergeht nicht - und die Beseitigung ist für Landwirte ein teures wie zweifelhaftes Geschäft. Unkrautvernichtungsmittel wie das in den USA in milliardenteure Krebsklagen geratene Glyphosat von Monsanto werfen auch Schatten auf den Ruf der Bauern. Doch wie soll sonst die preisgünstige Produktion von Nahrung für elf Milliarden Menschen gelingen, die 2050 den Planeten besiedeln dürften? Ein Jäteroboter aus Schleswig-Holstein könnte die Lösung sein.


Vitali Czymmek hat an der Fachhochschule Westküste den weltweit einzigartigen Roboter entwickelt und feilt im Zuge seiner Doktorarbeit diesen Winter über an der Optimierung. 2020 soll der Jäteroboter dann auch keinen Dieselkraftstoff mehr benötigen und solargetrieben bis zu zwölf Spuren auf den Feldern millimetergenau von Unkraut beseitigen.

Das Konzept der Firma Naiture hält auch die Technologieregion Karlsruhe für zukunftsweisend. Daher nominierte die Jury den Zwei-Mann-Betrieb aus Friedrichsgabekoog für das Finale des mit 20 000 Euro dotierten Innovationspreises "Neo 2019". Dieser wird am 23. Oktober an eines von fünf ausgewählten Unternehmen vergeben, das dank Künstlicher Intelligenz (KI) die Arbeitswelt von Morgen positiv beeinflusst. Das BT stellt in seiner losen Folge heute den vierten Finalisten vor.

"Einen Abnehmer hatten wir schon vor dem Prototypen", erzählt Czymmek grinsend. Rainer Carstens erkannte als Chef von Westhof, einem der bundesweit größten Biolandwirtschaftsbetriebe, bereits 2008 ein aufkeimendes Problem: Chemie kam für seine Felder nicht in Betracht - und die Zahl seiner saisonalen 170 Hilfsarbeiter war kaum zu halten. "Es kamen immer weniger Familien", weiß Czymmek von den Erzählungen des Biobauern, dass die mühsame Arbeit zunehmend unattraktiver wurde mit steigendem Wohlstand in Osteuropa.

Carstens wandte sich deshalb vor elf Jahren an die Fachhochschule Westküste. Dort entstand die Idee zu dem Jäteroboter, der allein in Deutschland jährlich 115 000 Tonnen Pflanzenschutzmittel vermeiden könnte. Auf dem Westhof sammelten die Wissenschaftler bei ihrem Projekt namens "Hochgenaue Unkrauterkennung im Bioanbau" Erfahrungen und konnten 2018 drei Patente anmelden. Der 1,3 Tonnen schwere Jäteroboter pflügt seitdem mit zwei bis fünf Stundenkilometern über die Felder des Biobauern. Acht Reihen gleichzeitig beackert das sechs Meter breite und drei Meter lange Fahrzeug und entfernt präzise das Unkraut. Um dieses zu über 99 Prozent zu erkennen, bedurfte es einer Kombination der drei Technologien Künstliche Intelligenz (KI), Robotik und Big Data. Ein Nachbau des menschlichen Gehirns wurde darauf trainiert, Nutzpflanzen von Unkräutern zu unterscheiden. Die KI bekam Millionen von Pflanzen eingetrichtert und lernte, Nutzpflanzen ebenso wie Beikraut zu erkennen. "Jetzt sind wir so weit, dass unser System Unkräuter punktgenau vernichtet - ohne jegliche Chemie!", freut sich Czymmek.

Der in Kasachstan geborene 28-Jährige gewann mit dem Jäteroboter bereits den Start-up-Wettbewerb Schleswig-Holstein 2019. Zufrieden ist der Entwickler aus Heide damit trotzdem noch nicht ganz. "Den Dieselgenerator wollen wir 2020 weghaben", betont Czymmek, dass er über den Winter über daran feilt, nicht nur den Antrieb durch Solarenergie speisen zu lassen, sondern die gesamte Jäte-Einheit. Dafür sollen ein mechanisch ausklappbares, dreimal so großes Paneel sorgen, um mehr Sonne einzufangen, und energiesparsamere Mikrokonsolen, die den Verbrauch nochmals deutlich senken.

Um bei der Jätearbeit zügiger voranzukommen, will der Tüftler vor allem das Tempo des Roboters "auf fünf Stundenkilometer erhöhen. Dann schafft er in zwei Monaten 200 bis 300 Hektar". Ganz ohne Personal darf dieser aber nicht betrieben werden. "Wir könnten den Jäteroboter vollautonom fahren lassen - doch die gesetzlichen Vorgaben in Deutschland erlauben dies nur auf umzäuntem Gelände.

Preis günstiger als Spritzwagen

Straßen dürfen wir nicht alleine queren", erzählt Czymmek. Immerhin genügt die Person, um die "echt wartungsarme" Einheit "in 20 Minuten von zwei auf zwölf Reihen" zum Jäten aufzurüsten.

Der Naiture-Chefentwickler sieht für sein bisher einzigartiges Produkt "weltweit sehr hohes Potenzial". Vor allem in Amerika und Asien, wo sehr viel Herbizide eingesetzt würden, könnte so deutlich mehr für den Umweltschutz getan werden. Der Preis für den Jäteroboter soll zwischen 300 000 und 500 000 Euro liegen, erwartet Czymmek. "Auf jeden Fall wollen wir günstiger sein als ein Spritzwagen. Der kostet beim Marktführer rund 450 000 Euro", betont er. Die Käufer würden dann außerdem nicht nur rund um den Globus "Bio" produzieren, sondern vor allem auch ihre Ausgaben für chemische Keulen dauerhaft sparen.

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