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Mächtige Ausreden
14.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Gisela Brüning

"Ähnlichkeiten mit realen Personen und Verhältnissen sind nicht unbeabsichtigt." Dieser Hinweis könnte all jenen auf die Sprünge helfen, die sich mehr oder weniger dunkel an die Schullektüre von Heinrich von Kleist erinnern. Dessen Lustspiel "Der zerbrochene Krug" ist aktuell auf dem noch jungen Spielplan des Theaters Baden-Baden zu finden.

Eine Komödie war's, die Kleist (1777-1811) aus der Feder floss, und entspricht das nicht dem neudeutschen Credo: I will Fun? Na also. Der "Krug" soll sogar neben Lessings "Minna von Barnhelm" und Franz Grillparzers "Weh dem, der lügt" eines der drei bedeutendsten klassischen deutschen Lustspiele sein. Da gibt's dann wohl viel Fun - also zum Lachen.

Nicht nur, denn der Dichter, ein glühender Verfechter von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verbrämt seine Gesellschaftskritik je nach Bedarf mit beißender Ironie, treffsicherem Humor und geschliffener Wortwahl. Ebenso wie das Bestreben der großen Klassiker Goethe und Schiller, die Sprache des Martin Luther, der für seine Bibel-Übersetzung dem "Volk aufs Maul geschaut" hatte, zur Kunstform zu erheben, experimentiert auch er am deutschen Wortschatz.

"Der zerbrochne Krug" kommt als derber Bauernschwank daher. Die Inspiration zum Stück ereilte Heinrich von Kleist beim Anblick eines historischen Kupferstichs und griff - leider erst nach dem Freitod des Dichters - auf andere Theatermacher über.

Nicola May inszeniert



assoziationsreich

Die Baden-Badener Intendantin Nicola May erwartet in ihrer Neuinszenierung vom Zuschauer ein gehöriges Maß an Assoziationsvermögen: Eine Gerichtsstube im holländischen Dorf Huisum, offensichtlich mit einem großen Restposten weiß-blauer Fliesen nach Delfter Art, den riesigen Kachelofen und alle Wände dekorierend, Kostüme, die ein Spektrum vom 19. Jahrhundert bis heute abbilden (beides von Ralph Zeger) und die Sprache wie zu Kleists Zeiten.

Den Ansatz universeller Gültigkeit mag beim etwas gewöhnungsbedürftigen Erscheinungsbild gelingen, aber die Sprache will verstanden werden - akustisch und intellektuell. Zwar hat Dramaturgin Leona Lejeune umsichtige "Flurbereinigung" im Text des 19. Jahrhunderts betrieben, aber ungewohnt klingt die "Sprachkunst", mit der Kleist, genauso wie Goethe und Schiller, auf dem Luther'schen "Volk aufs Maul schauenden" Fundament aufbauten.

Was zudem hinderlich beim Verstehen ist, geht auf das Konto des Akustischen. Wirklich großartige Darstellerinnen und Darsteller bilden das Theaterensemble. Doch möchte das Publikum den geistreichen, amüsanten Text gerne akustisch verstehen. Zu schnell und auch undeutlich hasten die Worte in der Premiere am Freitagabend am Ohr vorbei.

Als Dorfrichter Adam, leicht zu erkennen, ist Max Ruhbaum. Um himmelschreiende unglaubwürdige oder witzige Ausreden nicht verlegen, zeichnet Ruhbaum den Richter Adam gehetzt mit erstaunlicher Vitalität und Fantastereien. Auch Catharina Kottmeier als aufgebrachte Frau Marthe, Besitzerin des Corpus delicti, des zerbrochenen Krugs, trägt in herzergreifender (leider akustisch "zerscherbter") Suada die Geschichte der ihr so kostbaren Töpferware vor.

Und das sich züchtig frömmelnde Evchen? Als Punkerin kommt Sonja Dengler daher, fehlt nur das "Me too"-Logo auf dem T-Shirt; um das Thema zu beleuchten. Punk mit dreifarbiger Haarpracht, Sohn des ergebenen Bauers Tümpel, (Oliver Jacobs), lässt Patrick Schadenberg als avisierter Bräutigam Rupert, es am Vertrauen zu Jungfer Eve fehlen. Der ramponierte Richter Adam aber, dessen Blessuren vom fehlgeschlagenen Schäferstündchen und Erpressungsversuch zeugen, blendet mit überbordender Heiterkeit. Er kennt den "Fall" und müsste somit sich selbst verurteilen.

Doch der Staat, durch die Persönlichkeit des Gerichtsrats Walter (Sebastian Mirow) würdevoll vertreten, schläft nicht. Walter waltet nach Undercover-Methode. Subtil vergewissert er sich, bevor er, wie zuvor im Örtchen Holla, auch in der Gemeinde Hui(sum) den eisernen Besen zückt. Sehr zur Genugtuung des beflissenen Schreibers Licht. Michael Laricchia, in Vorfreude den Richterstuhl zu beerben, hat bisher in devoter Submission die Leute hinters Licht geführt. Den Schlüssel aber, das Chaos zu glätten, hält Muhme Brigitte (schaurig schön von Berth Wesselmann) in der Hand.

Augenfällig durch die turbulente Baden-Badener Inszenierung von Nicola May bestätigt, stellt der geneigte Zuschauer im Verlauf des Einakters fest: Die Sitten und die Moden wechseln, nicht aber die Charaktere der Menschen. Was den "alten Adam" umtrieb, und auch den Dorfrichter Adam zu immer tolldreisteren Ausflüchten hinreißt, ist heute noch in Staat, Politik und Gesellschaft zu beobachten. Wer die Macht verwaltet, (miss)braucht sie häufig zu eigenen Zwecken.

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