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"Geben Sie mir etwas Gesundheit"
'Geben Sie mir etwas Gesundheit'
15.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Hans Wolf

"Name: Nietzsche, Friedr. / Stand: Prof. a. D. / Datum der Geburt: 15. Okt. 1844 / Geburtsort: Röcken b. Lützen / Tag d. Aufnahme: 18.1.1889 / Diagnose: Paralys. progr." So nüchtern steht es in der "Hauptliste Nr. 814" der "Irren-Heil- und Pflege-Anstalt zu Jena", und in der Krankenakte heißt es weiter: "Großer Mann (171 cm), Muskulatur und Fettpolster mittel-stark, Haar braun, etwas spärlich. Rechtes Ohr 5,8, linkes 5,6 cm lang. Schädelumfang 57 cm. Gesicht stark gerötet, Herztöne schwach, rein." Über viele Zeilen hinweg setzt sich der Bericht fort. Was war vorangegangen?

Vorangegangen war ein Leben im Licht der Freiheit des Denkens - und im Schatten der Krankheit, einem Schatten, der die ursprüngliche "Morgenröthe" bis zur schließlichen Umnachtung verfinsterte. Früh schon machten sich gewisse Anzeichen bemerkbar. Am 18. Januar 1876 schreibt Nietzsche an den Freund Carl von Gersdorff, dass er sich "an einem ernsthaften Gehirnleiden zu quälen" habe und dass "Magen und Augen nur durch diese Centralwirkung so zu leiden" hätten. "Nun werden mehrstündige Eiskappen, Übergiessungen auf den Kopf früh morgens angewendet."

Die Mittel scheinen nicht zu helfen. Zwei Jahre später, er wohnt noch als Professor der klassischen Philologie in Basel und wartet gerade ungeduldig auf die Korrekturbögen zu "Menschliches, Allzumenschliches", entschließt er sich endlich zu einer Kur. Am 4. März 1878 gibt er dem Freund Heinrich Köselitz seine neue Adresse bekannt: "Hôtel Stadt Paris / Sophienstraße / Baden-Baden". Und am selben Tag berichtet er seiner Schwester Elisabeth per Postkarte: "Ziemlich angegriffen. Bei Dr. Berton. Er wohnt gerade gegenüber." C. Wild's "Führer durch Baden-Baden und Umgegend" verzeichnet: "Dr. L. Berton wohnhaft Sophienstr. 28 - Ordination: Werktags 8-9, 14:30-16:00 Sonn- und Feiertags 8-9". Immerhin hat Nietzsche bereits einen ersten Ausflug unternommen und kann Elisabeth freudig vermelden: "In Geroldsau: herrlich! Welche Labung!" Der Geist des Widerspruchs, der seine Schriften durchzieht, offenbart sich selbst darin, dass er in einer Stadt der heißen Quellen sich ausgerechnet eine "Kaltwasserkur" verordnet - die freilich kaum Linderung seiner Leiden schafft. 6. März, an Elisabeth: "Bis jetzt nicht gut. Schlaflosigkeit Erbrechen Erschöpfung. Doch vertraue ich Ort und Bad (Badehaus und Einrichtung über alles Lob hinaus schön!) Auch das Hôtel ist gut, ordentlich, still; außer mir nur 3 dauernde Gäste, nach meinem Wunsche." Nur zwei Tage später, wieder an die Schwester: "Donnerstag ganz böser Tag: immer zu Bett. Nacht vorher und nachher schlaflos mit viel viel Schmerzen." Das Wetter ist wechselhaft, es macht ihm zu schaffen: "Vor meinen Fenstern ein Patsch-Matsch-Jahrmarkt", lässt er Elisabeth wissen, dennoch: "Wege herrlich. Ja wenn ich hier ein Jahr leben könnte! Da könnte man schon gesund werden!" Alle paar Tage erstattet er der Schwester Rapport: "Wetter winterlich, sehr! Ich gehe viel im schneeigen Tannenwalde spazieren." An "schlimmen Tagen" ernährt er sich ausschließlich von "Tapiocabouill, The-Milch, engl. Bisquits." Am 22. März besucht ihn Elisabeth, er holt sie am Ooser Bahnhof ab: "Nachher essen wir zu Mittag. Viel erzählen? - Du wirst mit Liebe erwartet und findest das Zimmer neben dem meinen."

Am 2. April hat er genug von Baden-Baden, die Schwester ist inzwischen wieder abgereist: "Das Wetter ist auch gar zu schlecht", schreibt er ihr; "Alleinsein ist die Kur, kalt Wasser thut's freilich nicht. Und Jahrelang muss ich diese elende Kränklichkeit noch fortschleppen, das weiss ich auch." Am 4. April verlässt er Baden-Baden, ohne dass die "Kränklichkeit" ihn verlässt.

Sie bleibt ihm treu und beeinflusst sein Denken ebenso wie das wechselhafte Wetter, das ihn fortan überallhin zu begleiten scheint. 1881 nimmt er Quartier in Sils-Maria im Engadin; im Dezember 1883 begibt er sich in der Hoffnung, der Alpenkälte entrinnen zu können, nach Nizza, wo er in den nächsten Jahren manchen Winter verbringt, aber auch da wird ihm nicht so recht wohl. Im November 1887 zwingt ihn ein ungewöhnlicher Kälteeinbruch an der Côte d'Azur, sich von seiner Mutter einen Ofen aus Naumburg kommen zu lassen: "Zum ersten Male steht ein ,Feuergötze' in meinem Zimmer: ein kleiner Ofen", schreibt er an Heinrich Köselitz, "ich bekenne, daß ich um ihn herum bereits einige heidnische Sprünge gemacht habe."

Nichts kann helfen, die Krankheit, die Paralyse schreitet fort. Ein Jahr später, er hat die "Götzendämmerung" abgeschlossen, "Der Antichrist" und "Ecce Homo" sind ebenfalls druckfertig, schickt er die ersten vom Wahnsinn gezeichneten Briefe und Zettel in die Welt. In den ersten Januartagen 1889, Nietzsche lebt seit drei Monaten in Turin, erfolgt der geistige Zusammenbruch.

Am 10. Januar wird er in die Basler "Irrenanstalt Friedmatt" eingeliefert und begrüßt das Pflegepersonal mit den Worten: "Ich will euch, ihr guten Leute, morgen das herrlichste Wetter machen." Eine Woche später wird er in die Jenaer Anstalt überführt, wo er im Laufe der zahllosen Untersuchungen einen der Ärzte bittet: "Geben Sie mir etwas Gesundheit!" 1890 nimmt ihn die Mutter bei sich in Naumburg auf, nach ihrem Tod 1897 holt ihn die Schwester zu sich nach Weimar.

Am 25. August 1900 stirbt Friedrich Nietzsche im Alter von 55 Jahren im Endzustand der Demenz, in dem er die letzte Lebenszeit "unbehülflich wie ein Leichnam, im Leben schon todt, vergraben" - so steht es in einer Notiz zum "Zarathustra" - dahingedämmert war. Er ist gestorben als ein Mensch, "der nichts mehr wünscht als täglich irgend einen beruhigenden Glauben zu verlieren."

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