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Prachtvolle Bildwelten mit subversivem Unterton
19.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Christiane Lenhardt

Sein Ruf eilte ihm bereits weit voraus, als der Venezianer Tiepolo den großen Freskenauftrag in der Würzburger Residenz erhielt: zuerst das Deckengemälde im Kaisersaal, dann das Deckenfresko des prächtigen Treppenhauses. Mit dem Raumkunstwerk gehört das fürstbischöfliche Schloss zu den bedeutendsten Bauten des Spätbarocks und zum Weltkulturerbe. Mit seiner eleganten, groß angelegten Malerei in brillanter Farbigkeit schuf Tiepolo in den Palästen halb Europas Meisterwerke. Der kühne Italiener galt den Zeitgenossen im 18. Jahrhundert als "bester Maler Venedigs". Der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns steht in der Reihe der venezianischen Großmeister Bellini, Mantegna, Tizian, Tintoretto.

Zum 250. Todestag Giovanni Battista Tiepolos (1696-1770) zeigt die Staatsgalerie Stuttgart, die eine der größten Grafiksammlungen des Künstlers hat, eine umfassende Ausstellung: mit rund 120 Werken, darunter 25 Gemälde und über 50 Zeichnungen sowie Radierfolgen. Mit Leihgaben aus der Accademia di Venezia, dem Pariser Louvre, aus Montréal und New York verfolgt die Schau den Weg Tiepolos durch Europa.

Die fest mit dem Putz der Würzburger Residenz verbundenen Fresken sind natürlich nicht transportierbar. Die Stuttgarter zeigen die Treppenhausdecke dafür als Großprojektion und die Einzelszenen daraus auf Rötelzeichnungen auf blauem Papier. In kräftigen, vibrierenden Strichen werden Apoll und die vier damals bekannten Erdteile dargestellt, wird Tiepolos Zeichenkunst an den Figuren anschaulich, um die herum er zart lavierend die dunstige Atmosphäre Venedigs durchscheinen lässt.

Seine mehrdeutigen Bildräume lassen Spielräume für die Fantasie des Betrachters - und sind durchaus sehr direkt lesbar als humorvolle Interpretationen mythischer Themen, in denen er mit subversiven Untertönen die tradierte Maltradition seiner Zeit konterkariert. Den berühmten Maler der Antike, Apelles, ein Lieblingssujet in der Barockzeit, stellte der junge Tiepolo nicht wie üblich als Personifikation des Künstlergenies dar, sondern als Günstling des Königs: Demütig sitzt Apelles auf dem Bild halb im Dunkeln mit dem Rücken zum Betrachter, während er die Mätresse des Königs porträtiert, muss er sich ständig zu seinem Modell umdrehen. In "Apelles malt das Bildnis der Campaspe" wird nicht nur Tiepolos kritische, sondern auch seine pragmatische Einstellung offenbar, der sich durchaus bewusst war, dass sich das Schaffen des Künstlers nach den Kunstvorstellungen des adligen Auftraggebers auszurichten hatte. Mit Augenzwinkern kalkuliert ist auch das Gemälde "Apoll und Daphne", in dem sich die vom Gott verfolgte Nymphe in einen Lorbeerbaum verwandelt - während der lüsterne Apoll nach Daphne greift, versetzt sie ihm scheinbar einen Tritt.

Die zwei exemplarischen Gemälde über die Liebesgeschichte zwischen der Zauberin Armida und Ritter Rinaldo im Inselgarten zeigt die Umkehr der Machtverhältnisse, einen Schmachtenden im Banne der Schönheit, dann eine verzweifelte Verführerin. In der ganzen Dramatik der Gefühle lenkt Tiepolo auch den Blick auf seine eigene Virtuosität.

Zuweilen wohl irritierend eigenständig setzte er die Wünsche seiner fürstlichen Auftraggeber um, die ihre Machtansprüche adäquat ins Bild gesetzt haben wollten, sozusagen als barockes Marketing.

Tiepolo hat dies in seinem drei Meter hohen Bildwerk "Der heilige Jakobus erscheint bei der Schlacht von Clavijo" (Spaniens Schutzheiliger) zur Vollendung gebracht: Der Heilige erscheint als Triumphator auf prächtig aufgezäumtem Schimmel mit der Kreuzesfahne, zu Füßen der gegnerische Heerführer, ein afrikanischer Fürst. Die allegorische Darstellung der damaligen Vormachtstellung Spaniens ist derart auftrumpfend, dass der spanische Botschafter in London das Bild lieber nicht in der Botschaftskapelle aufhängte, weil er den englischen Hof nicht brüskieren wollte, angesichts der zur Schau getragenen spanisch-katholischen Überlegenheit im protestantischen England. Zu Lebzeiten Tiepolos blieb das Gemälde versteckt, in Spanien - heute gehört es dem Kunstmuseum in Budapest.

Religiöse Malerei macht ein Drittel von Tiepolos Schaffen aus. Mitreißend und gefühlvoll hat er menschliches Leid und erlösende Allmacht im Bild vereinigt: Mit dem "Martyrium der Heiligen Agathe" ist Tiepolo in den ausdrucksstarken Gesichtszügen der Märtyrerin eine eindrucksvolle Darstellung menschlicher Emotionen gelungen - nicht Schaulust, sondern Zeugnis intensiver Verehrung für ein Benediktinerinnenkloster in Italien.

Unkonventionell und überraschend hat der Venezianer an der Zeitenwende zur Aufklärung auch in seinen Radierzyklen vorausweisende Darstellungsstrategien entwickelt: Der 25-teilige Zyklus zur Heiligen Familie, den er zusammen mit seinem Sohn Domenico schuf, ist Ausdruck eines rastlosen Fluchtgeschehens; auch die fantasievollen "Scherzi" sprühen vor Experimentierlust, kaum zu entschlüsselnde Bildprogramme, die der nachfolgende Spanier Francisco de Goya in seinem berühmten Radierzyklus "Los Caprichos" weiterführt; den zeigt die Staatsgalerie zum Vergleich.

Das Großprojekt Tiepolo ist um eine Schau zur Zeichenkunst Venedigs erweitert. Und, um einen aktuellen Zugang mit den multimedialen Arbeiten des Foto- und Videokünstlers Christoph Brech, ergänzt - dessen Interventionen spiegeln zwar Tiepolos Malerei glänzend, aber fügen ihr keine neuen Erkenntnisse hinzu. Das Fest für den Venezianer, zu sehen bis 2. Februar 2020, ist auch so wirkungsvoll; bei einem Großauftrag in Madrid starb er 1770 mit 74 Jahren.

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