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Das Undenkbare denken
21.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Nico Pointner

Stetten am kalten Markt - Um 9.19 Uhr bricht die Hölle los. An einem Auto explodiert ein Sprengsatz. Weißer Rauch steigt in den Himmel. Dann peitschen Schüsse durch die Luft. Passanten schreien durcheinander, laufen um ihr Leben, suchen Schutz hinter Gebäuden. Vier Männer mit Sturmhauben und Maschinenpistolen rennen die Straße entlang, feuern in die Menge. Verletzte liegen regungslos am Boden.

Es ist nur eine Übung auf dem Truppenübungsplatz in Stetten am kalten Markt (Kreis Sigmaringen), aber die Eindrücke gehen unter die Haut.

Hier wird am Samstagvormittag nur mit Platzpatronen geschossen, die Statisten tragen Schutzbrillen aus Plastik. Aber das Szenario soll realistisch sein: Ein Terroranschlag mehrerer schwer bewaffneter Täter in der Konstanzer Fußgängerzone wird simuliert. Das Szenario spielt in einer Bundesrepublik, die bereits seit Monaten von Terroranschlägen mit vielen Toten geplagt wird. Die Polizei ist deshalb so überlastet, dass sie die Bundeswehr zu Hilfe ziehen muss.

Rund 2 500 Teilnehmer wirken mit bei der BWTEX (Baden-Württembergische Terrorismusabwehr Exercise). Ein Jahr lang haben sich die Behörden auf die Übung vorbereitet. Eine Anti-Terror-Übung von Polizei und Bundeswehr in der Größe und Form habe es noch nie in Deutschland gegeben, heißt es aus dem Landesinnenministerium. Im schwäbischen Hinterland wird erstmals ein kompletter Übungslauf simuliert - vom ersten Schuss bis zur Behandlung auf dem OP-Tisch.

9.24 Uhr. Polizeiwagen mit Blaulicht tauchen hinter einem Hügel auf. Es sind Streifenkräfte, die sonst in ihrem Alltag Unfallschäden aufnehmen oder Ladendiebstähle. Auf die Spezialkräfte können sie nicht warten. Sie müssen sich jetzt Schutzwesten anziehen. Das dauert. Erst nach mehreren Minuten bewegen sie sich in die Gefahrenzone. "Wir weisen die Kollegen nicht an, blind ins Verderben zu rennen", sagt ein Polizist. Die Opfer am Boden recken die Arme nach ihnen, rufen nach Hilfe. Bevor Verletzten geholfen werden kann, müssen die Attentäter bekämpft werden.

Dominik Becker, Dienstgruppenleiter im Polizeirevier Konstanz, erreicht beim Übungsdurchlauf am Vormittag zuerst die Gefahrenzone. "Meine Kollegen und ich wurden direkt beschossen", erzählt der 38-Jährige. Er ist seit zwölf Jahren bei der Polizei. Man wisse, dass es eine Übung ist. "Aber irgendwann beginnt dieser Tunnelblick, dann beginnt man die Situation sehr ernst zu nehmen." Die Polizei fordert die Hilfe der Bundeswehr an. Ein Transportpanzer Fuchs und ein Boxer rollen heran, um Verletzte aus der Gefahrenzone zu bringen. Der Einsatz der Bundeswehr im Inland ist im Grundgesetz streng geregelt und politisch hochumstritten.

Die Polizei muss stets klar das Kommando im Inland haben. In Stetten sichern Soldaten die Sammelstelle der Verletzten und helfen bei der Sprengstoffentschärfung. Auf Terroristen schießen sie nicht. "Polizei schützt - Bundeswehr unterstützt", bilanziert Brigadegeneral Andreas Henne.

Nach einigen qualvollen Minuten rücken schließlich die Spezialkräfte an. Schwer bewaffnete SEK-Polizisten seilen sich von einem Hubschrauber in die Gefahrenzone ab, dann fallen viele Schüsse. Um 9.41 Uhr der erlösende Funkspruch: Die Täter sind bekämpft.

Bereits am Freitag wurde das BWTEX-Szenario in einer Stabsrahmenübung hinter verschlossenen Türen durchgespielt. Am Samstag dann folgt der Einsatz in der Praxis auf dem Truppenübungsplatz. Eine große Wiese, ein Weg, ein paar provisorische Zelte - mit der Konstanzer Innenstadt hat das Übungsgelände nicht viel gemein. Nur ein paar provisorische Straßenschilder erinnern daran, dass dieser Ort eine Innenstadt sein soll.

Dafür soll das Szenario realistisch sein. 30 Polizeibeamte aus Rheinland-Pfalz mimen die Terroristen. Die anderen Teilnehmer erhalten vorher kaum Anweisungen. "Da gilt das freie Spiel der Kräfte", sagt Ger Plankenhorn vom Innenministerium. "Wir machen keine Show für Gäste hier, sondern wollen sehen, wie unsere Konzepte funktionieren."

Bereits 2017 hat die Bundeswehr mit der Polizei gemeinsam den Kampf gegen den Terror geübt, allerdings nur am grünen Tisch. Bei der sogenannten GETEX offenbarten sich Mängel in der Kommunikation. Bundeswehr und Polizei sprechen nicht immer dieselbe Sprache. So gibt es auf Stabsebene ein Glossar, das bei der Übersetzung hilft, weil Begriffe wie "Objektschutz" unterschiedliche Bedeutungen haben für Soldaten und Polizisten. Die beteiligten Organisationen ziehen später eine positive erste Bilanz. Landespolizeipräsident Gerhard Klotter sagt, man sei gut gerüstet. Nun soll die Auswertung im Detail folgen. Innenminister Thomas Strobl (CDU) spricht am Ende von einer "großartigen Sache". Der Anschlag von Halle habe vor Augen geführt, dass es wichtig ist, sich auf Situationen vorzubereiten, von denen man glaubt, dass sie nie eintreten werden. Man müsse auch das Undenkbare denken.

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