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Die Kunst vor dem Zeitalter der Museen
Die Kunst vor dem Zeitalter der Museen
30.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Jürgen Lorey

Das Gemälde eines unbekannten Künstlers, das eine in freier Natur vor einem Baum liegende nackte Venus zeigt, hängt verdeckt hinter einem roten Vorhang. Wer das Kunstwerk betrachten will, muss zuerst diesen Vorhang zur Seite schieben. Das Ölgemälde ist eines von 15 Beispielen der Ausstellung "Wofür wurden Bilder gemalt, als es noch keine Museen gab?", mit denen das Straßburger Musée des Beaux-Arts (Museum für Bildende Kunst) im Château de Rohan neben dem Münster zeigt, wie sich über die Jahrhunderte der Blick auf Gemälde und deren Zweck geändert hat.

"Die Museen sind die Frucht des Zeitalters der Aufklärung. Kein hier gezeigtes Werk wurde für ein Museum verwirklicht und ihre Ausstellung hat oft rein gar nichts mehr mit dem zu tun, was ihre Entstehung bestimmte", sagt Dominique Jacquot, Konservator des Musée des Beaux-Arts. Das Straßburger Museum für bildende Kunst bietet ein Panorama der Geschichte der europäischen Malerei von den Anfängen bis 1870. Oft sei nur wenig über die Entstehungsbedingungen der Werke bekannt.

Das Musée des Beaux-Arts zeigt daher anhand einiger beispielhafter Werke aus seiner Dauerausstellung deren ursprünglichen Kontext, das heißt, zu welchem Zweck sie gemalt wurden, wo sie hingen und wie sie ursprünglich rezipiert wurden.

Als erstes fallen einem noch Gemälde ein, die religiöse Gebäude oder Residenzen der Reichen schmücken sollten. Während die Werke in Museen heute einheitlich gehängt und oft mit der gleichen Beleuchtung präsentiert werden, betrachtete man Gemälde früher sehr viel differenzierter. Manche sollten aus der Nähe gesehen werden, andere aus der Ferne mit besonderer Beleuchtung. Einige der ausgestellten Werke waren gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Im Besonderen gilt dies für Entwürfe (Skizzen), die heute so gefallen.

Der durch die Ausstellungsräume wandelnde Besucher entdeckt so ein Faksimile des Polyptychon "Irdische Eitelkeit und göttliche Erlösung" von Hans Memling (um 1470), einem deutschen Maler der niederländischen Schule. Das Polyptychon, eine aus mehr als drei Teilen bestehende, zusammenklappbare Schreibtafel, erlaubte es seinem Besitzer, auf Reisen einen transportablen Altar bei sich zu haben.

Einen Raum weiter entsteht durch die Projektion des Mittelbildes, das die Heilige Katharina von Alexandrien zeigt, der dreiteilige Altar von Cima da Conegliano. Im Museum hängen die beiden Seitenbilder, die den Heiligen Sebastian und den Heiligen Rochus zeigen. Der Mittelteil wird in der Wallace Collection in London aufbewahrt.

Zwei Gemälde des Spaniers Francisco Zurbaran mit der Heiligen Engracia und Ursula (um 1650) waren Teil einer Serie von Gemälden, die für die Evangelisierung der von den Spaniern kolonisierten Neuen Welt (Mittel- und Südamerika) bestimmt waren und von dortigen Klöstern in Auftrag gegeben worden waren.

Die Allegorie des "Guten Ratschlags" von Francesco Zugno (um 1750) schmückte einst die Decke einer Apotheke in Venedig. Um das Werk zu sehen, das normalerweise an der Wand hängt, müssen die Besucher hier den Kopf in den Nacken legen.

Gemälde wurden im 17. Jahrhundert auch als Dekor im Inneren verwendet, etwa über einem Kamin aufgehängt ("Loth und seine Töchter" von Simon Vouet, 1630), als Bilderleiste in einer Tür (Allegorie der Enthaltsamkeit von Michel Dorigny, um 1650) oder ab dem 17. Jahrhundert als Teil der ersten Privaten Gemäldesammlungen von Kunstliebhabern ("Die Flucht nach Ägypten" von Claude Gelée, 1647).

Sie dienten als Skizzen für die Anfertigung von Büsten (Porträt des Kardinal Richelieu von Philippe de Champaigne, 1642), als Studien der Tierwelt (Die Vögel, anonym, 1619; und Insekten und Spinne von Jan van Kessel, 1660), zeigten das Idealbild des Künstlers, der allein in seinem Atelier arbeitet oder dienten als Vorläufer der Ansichtskarten als Erinnerung an Landschaften und Städte, die man auf Reisen besucht hatte.

Das letzte Bild der Ausstellung, die "Tröstende Jungfrau" von William Adolphe Bougereau von 1877 zeigt die im Lauf des 19. Jahrhunderts entstehende neue Entwicklung, wozu nun Gemälde mehr und mehr angefertigt werden: Die Künstler beginnen, riesige Kompositionen zu malen in der Hoffnung, dass der Staat diese kauft und an den Wänden der ersten Museen für zeitgenössische Kunst aufhängt. Die Ausstellung dauert bis 20. September 2020.

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