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"Es geht um das Wachhalten der Erinnerung"
'Es geht um das Wachhalten der Erinnerung'
07.11.2019 - 06:35 Uhr
Von Dieter Klink

Karlsruhe - "Leider ist die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit heute notwendiger denn je." Solange Rosenberg, eine der drei Vorsitzenden und Geschäftsführerin des Vereins in Karlsruhe, blickt auf Jahrzehnte zurück. "Nach dem Krieg hat man die Gesellschaft gegründet, um die deutsche Bevölkerung mit der jüdischen zusammenzubringen. Denn wenn man sich kennt, geht man anders miteinander um", erzählt sie. Damals habe man gehofft, dass es den Verein irgendwann nicht mehr brauche. "Aber das Rad dreht sich zurück", sorgt sich Rosenberg.



Der Antisemitismus kehre in Form von Israel-Kritik zurück. Rosenberg denkt betrübt an den vergangenen Europawahlkampf im Mai. Das Plakat mit der Aufschrift "Israel ist unser Unglück" einer rechtsextremen Partei habe sie tief verletzt.

Die jüdische Gemeinde habe sich gegen die Plakate zur Wehr gesetzt, aber die Stadt habe argumentiert, das sei von der Meinungsfreiheit gedeckt. Judenhasser "suchen sich einen Weg". Daher hält Rosenberg die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) für wichtiger denn je.

Juden seien schon immer in Mitteleuropa gewesen. Aus dem Jahr 321 etwa ist die erste jüdische Gemeinde in Köln urkundlich belegt. "Das war zu Zeiten von Kaiser Konstantin! Wir sind keine Dahergelaufenen. Das nehmen die Leute leider nicht wahr", berichtet Rosenberg. Sie glaubt, dass das Interesse am Judentum in Deutschland nachlässt. Früher sei sie immer während der Woche der Brüderlichkeit von Karlsruher Schulen eingeladen worden, um über das Judentum zu informieren. "Heute werde ich gar nicht mehr gebucht", erzählt sie. Das Interesse habe sich verlagert, hin zum Islam. Sie sei nicht neidisch auf Muslime, aber: "Wenn das Interesse am Judentum nachlässt, wird es wieder Menschen geben, die verkehrte Ideen verbreiten." Man wolle mit der GCJZ dafür sorgen, dass sich Menschen begegnen, sich kennenlernen. "Ich verlange nicht, dass man sich liebt. Aber es geht darum, zivilisiert miteinander umzugehen."

Darum geht es auch Erhard Bechtold, stellvertretender Dekan in Karlsruhe und katholischer Vorsitzender des Vereins. "Ich bin geprägt vom Zweiten Vatikanischen Konzil, das das Verhältnis zum Judentum auf ein neues Fundament gestellt hat", berichtet Pfarrer Bechtold. Der Holocaust, der millionenfache Mord an den Juden, dürfe sich nicht wiederholen. "Es kann kein Vergessen geben. Es geht nicht um Schuld, aber um das Wachhalten der Erinnerung für eine gute Zukunft", sagt Bechtold. Gerade jetzt, wo der Antisemitismus wieder zunehme, gelte es, ein Zeichen dagegen zu setzen.

Ulrich Schadt, evangelischer Vorstand des Vereins, bedauert, dass es kaum noch Zeitzeugen gibt, die von der Schoah berichten können. Warum er bei der GCJZ mitmacht? "Das Christentum basiert auf der Wurzel des Judentums. Diese biblische Grundlage ist ein Auftrag für den Dialog", sagt Pfarrer Schadt.

In Karlsruhe wurde die GCJZ 1950 gegründet, besteht also bald seit 70 Jahren, das geschah damals auf Druck der Besatzungsmächte. Zur gleichen Zeit kam es auch in Freiburg und Stuttgart zu Gründungen der Gesellschaft, ein paar Jahre später in Mannheim für den Rhein-Neckar-Raum. Heute sind 83 Gesellschaften im bundesweiten Dachverband der GCJZ mit etwa 20 000 Mitgliedern zusammengeschlossen. In Karlsruhe hat der Verein knapp 200 Mitglieder, dazu gehören auch welche in Bretten, Bruchsal und Rastatt. Die GCJZ tritt bundesweit zwei Mal im Jahr mit großen Aktionen öffentlichkeitswirksam in Erscheinung: im Frühjahr mit der Woche der Brüderlichkeit, die seit 1952 begangen wird. Zweiter öffentlichkeitsträchtiger Termin: Das Gedenken rund um die Pogromnacht am 9. November. In Karlsruhe findet dazu eine Gedenkveranstaltung im Tollhaus statt, zusätzlich wird an der ehemaligen Synagoge in der Kronenstraße eine Mahnwache abgehalten, dieses Jahr bereits am 8. November. Dafür zeichnet immer eine zuvor ausgewählte zehnte Schulklasse verantwortlich. "Wir versuchen, mit der Mahnwache besonders junge Menschen anzusprechen. Ich gehe als Religionslehrer mit meinen Schülern immer dorthin. Es ergreift sie. Oft so, wie ich es von ihnen nicht erwartet hätte", berichtet Schadt. Auf diese Weise würden Schüler für das Thema sensibilisiert.

In Karlsruhe, sagt Rosenberg, herrsche ein offenes, liberales gesellschaftliches Klima. Antisemitische Übergriffe hat es hier noch nicht gegeben. "Man lässt die Leute leben, wie sie sind. Das ist mustergültig", lobt sie. Auch die Stadt unternehme viel, stelle Räumlichkeiten und engagiere sich. Rosenberg fasst zusammen, worum es bei der Begegnung zwischen Christen und Juden geht: "Wir sitzen zusammen in einem Boot. Und wenn wir zusammen in einem Boot sitzen, dann achten wir auch aufeinander."

www. gcjz-ka.de

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