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Große Jazzgeschichte auf der Bühne
Große Jazzgeschichte auf der Bühne
11.11.2019 - 00:00 Uhr
Von Thomas Neuhauser

Es stimmt schon, dass die Geschichte des wohl berühmtesten und bedeutendsten Jazz-Labels, "Blue Note Records", 1939 in New York mit einigen unspektakulären Boogie-Woogie-Aufnahmen begann. Aber natürlich steht diese legendäre Plattenfirma, die von den beiden Deutschen Alfred Lion (Alfred Löw) und Francis (Frank) Wolff nach ihrer Flucht vor den Nazis gegründet wurde, eigentlich für eine ganz andere Musik: Blue Note wurde bis Mitte der sechziger Jahre zur ersten und wichtigsten Heimat für den afroamerikanischen Jazz, von manchen lieber Great Black Music genannt, und ist seither mit den Namen seiner größten Musiker - und leider nur wenigen Musikerinnen - verbunden. Insofern war es ein gewisses Risiko, den Tribut-Abend im Festspielhaus zum 80-jährigen Bestehen des Labels (denn es ist immer noch, beziehungsweise wieder, da) mit dem durchaus virtuosen Boogie-Pianisten Axel Zwingenberger beginnen zu lassen - schließlich war niemand gekommen, um zu tanzen.

Als dann jedoch der französische Saxofonist und musikalische Leiter der "Jazz Animals", Emile Parisien, auf die Bühne kam und mit Zwingenberger eine eindringliche Version des Gershwin-Klassikers "Summertime" spielte und dabei, ganz im Sinne der Blue- Note-Tradition, die wohlbekannten Harmonien mit improvisierten, überraschenden, kleinen Freiheiten bereicherte, war alles gut.

Die anderen Musiker der von Impresario Siggi Loch, Chef des erfolgreichen ACT-Labels, zusammengestellten All-Star-Truppe, waren kaum auf der Bühne, da gab es schon den ersten Höhepunkt mit Coltranes "Blue Train" von seinem gleichnamigen, epochalen Blue-Note-Album von 1957, übrigens sein einziges unter eigenem Namen bei Blue Note. Er suchte wohl bald nach Freiheiten jenseits der für Alfred Lion im Jazz unverzichtbaren "blue notes", bei denen es eben "schwingen" musste, wie Lion es in seinem charmant-holprigen Englisch damals ausdrückte. Ein grandioser, gelungener Einstieg in den an legendären Titeln so reichen Blue-Note-Katalog, und die Band konnte auch bei den folgenden Nummern das Niveau problemlos halten.

Schlag auf Schlag folgten Klassiker von Dizzy Gillespie, Miles Davis, Art Blakey, Horace Silver, Wayne Shorter, Thelonious Monk oder Herbie Hancock, bei denen der neue Trompetenstar Theo Croker, der immer noch großartige Glenn Ferris an der Posaune (der schon Ende der sechziger Jahre im Don Ellis Orchester seine Karriere begann), Yaron Herman am Klavier, Joe Martin am Bass, Gerald Cleaver am Schlagzeug und natürlich Parisien am Saxofon zeigen konnten, dass sie nicht nur herausragende Solisten sind, sondern eben auch gruppendienlich spielen können - keine Selbstverständlichkeit bei einem solchen Zusammentreffen.

Vor allem beließen sie den Stücken, die ja alle fester Bestandteil des Repertoires und im Jazz etwa so bekannt sind, wie manche Lieder des Great American Songbook, ihre Seele und ihren Charakter, das heißt, sie interpretierten sie respektvoll und souverän und verzichteten auf modische Dekonstruktion oder angestrengte Profilierung - so wie man es sich eben für einen Tribute-Abend nicht schöner wünschen kann.

Hier stellten sich die Musiker, jeder selbst ein Star und individueller Meister seines Instruments, mit spürbarer Spielfreude ganz in den Dienst an der Idee, dieses Jazzlabel und seine zeitlose Musik zu feiern. Man konnte in dem zu zwei Dritteln besetzten, für ein solches Programm also gut besuchten Festspielhaus spüren, dass sich Musiker und Publikum gleichermaßen bewusst waren, dass sie hier ein besonderes Konzert erlebten. Blue Note ist heute glücklicherweise wieder sehr lebendig, nicht zuletzt dank des Engagements und der kompetenten Wiederveröffentlichungspolitik (auch auf Vinyl) seines jetzigen Präsidenten Don Was, und man hat auch wieder aktuelle Jazzgrößen unter Vertrag. Die Pflege des Back-Kataloges ist wichtig und verdienstvoll, aber der Jazz ist eben immer auch eine Musik der Gegenwart, während im Klassikbetrieb ja fast nur Komponisten gespielt werden, die schon sehr, sehr lange tot sind. Umso schöner zu erleben, wie gegenwärtig sich die Blue-Note-Titel an diesem Abend präsentierten.

Schließlich kam sogar noch als Gast der 90-jährige Saxofonist Benny Golson auf die Bühne, der selbst noch auf wichtigen Blue-Note-Alben, wie zum Beispiel Art Blakeys "Moanin'" (1958), mitgespielt und auch die meisten Stücke komponiert hat. Golson setzte sich und stieg mit seinem vielleicht nicht mehr so kraftvollen, aber immer noch warmen, samtweichen Ton problemlos ein - große Jazzgeschichte live auf der Bühne.

Die anderen Musiker erwiesen ihm ihre Referenz, er schien es zu genießen und hörte ihnen so intensiv zu, dass er bei der Zugabe gar nicht mehr daran dachte, selbst zu spielen - und seinen Einsatz verpasste. Was natürlich überhaupt keine Rolle spielte, vielleicht sogar im Gegenteil den historischen Moment und die Bedeutung des rundum gelungenen Abends für jeden Jazzliebhaber noch bewusster werden ließ.

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