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Montgolfier des 21. Jahrhunderts
Montgolfier des 21. Jahrhunderts
12.11.2019 - 00:00 Uhr
Von Florian Krekel

Baden-Baden - Sehr wenig hat auf den ersten Blick die Erkundung des Mars gemein mit einem Ereignis, das sich vor etwas mehr als 236 Jahren in Frankreich zugetragen hat. Und auch mit dem zweiten Augenaufschlag hat der erste Flug der Menschheitsgeschichte - die Ballonfahrt der Gebrüder Montgolfier - wenig mit dem Roten Planeten zu tun. Doch es gibt eine Schnittstelle. In einer Altbauwohnung in der Lichtentaler Straße in Baden-Baden. Dort tüftelt Csaba Singer an seiner Erfindung - einer Art Ballon-Drohne. Heute Abend steht der 41-jährige aber erst mal in Stuttgart auf der Bühne. Er ist mit seiner Firma, der Hybrid-Airplane Technologies GmbH, und seiner Entwicklung für den Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg nominiert.

Doch was macht seine Idee so einzigartig? Sie sei, so sagt Singer, ein Mix aus allen drei bekannten Flugkonzepten; Flugzeug, Hubschrauber und Ballon. Sie vereine deren Vorteile und eliminiere deren Nachteile; sie sei, so sagt der Entwickler etwas kryptisch, eine "synergetische Rekombination der Komponenten". Was damit gemeint ist, erschließt sich relativ schnell, wenn die Frage nach dem Unterschied zu einer gewöhnlichen Drohne aufkommt, denn auch die kann "schweben wie ein Fisch im Wasser" - eines der Argumente, was Singer für seine Entwicklung h-aero reklamiert. Doch der h-aero kann mehr, untermauert Singer. Das liegt an seiner Bauweise.

Schlicht gesagt, präsentiert sich der h-aero dem laienhaften Betrachter als ein ufoähnlicher Zeppelin. Er hat eine ultraleichte Hülle aus Segeltuch und darunter verborgen eine zweite Hülle, die mit Gas gefüllt ist. Genauer gesagt mit Helium.

Das ist Singer sehr wichtig zu betonen, "denn das ist ein völlig ungefährliches, nicht brennbares Gas. Das ist in Luftballons für Kinder und man benutzt es auf Kindergeburtstagen." Im Gegensatz zu Luftballons kann Singers Konstrukt durch seine Beschaffenheit das Gas aber länger speichern, ehe es sich verflüchtigt. "Auf die Größe eines Luftballon gerechnet, hieße das, dass ein moderner, alubeschichteter Ballon nach etwa sieben Tagen, wieder am Boden ist, der h-aero bei gleicher Größe erst nach knapp 30."

Und das ist auch schon Vorteil Nummer eins im Vergleich zur Drohne. Jene habe nämlich eine sehr begrenzte Flugzeit, braucht viele Propeller und verursacht auch Lärm. Der h-aero schwebt mit seiner Nutzlast geräuschlos und ohne Energieaufwand. Je nach Aufgabe kann er sich einfach vom Wind treiben lassen - das könnte zum Beispiel auf dem Mars funktionieren, wo Singers Erfindung mit Kameras ausgestattet wäre, die Millionen Bilder vom Roten Planeten machen könnten - oder er wird mit kleinen Propellern ausgestattet, die aber nicht zum Flug dienen, sondern nur dazu, eine Richtung vorzugeben. Diese Variante nutze zum Beispiel jüngst der Frankfurter Flughafen zur Überwachung technischer Systeme - industrielle Instandhaltung nennt das der Fachmann.

Im Moment ist das das Hauptaufgabenfeld für Singers Entwicklung. Inspektion von Fabrikschornsteinen etwa - auch im havarierten Rastatter Bahntunnel ging der h-aero in die Luft, um das Bauwerk fototechnisch zu dokumentieren. Potenzielle Einsatzmöglichkeiten sind auch bei Veranstaltungen wie Konzerten. Denn der h-aero hat laut Singer sämtliche Sicherheitsprüfungen problemlos bestanden. "Drohnen dürfen zum Beispiel nicht über Menschen fliegen", weil sie abstürzen können. Der h-aero schon. Man könnte ihn, so der aus Ungarn stammende und in Baden-Baden aufgewachsenen Entwickler, sowohl für Sicherheitsüberwachung als auch PR-Fotos einsetzen.

Angemeldet hat Singer sein Patent 2004. So richtig ins Laufen kam die Produktion aber erst, als ihn die NASA 2012 einlud, seine Idee vorzustellen, und ein Jahr später das deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt.

300 000 Euro stecken bis dato im h-aero. Aktuell ist Singer auf der Suche nach Sponsoren, damit der h-aero so richtig durchstarten kann. Auch wenn die Umsätze bereits sechsstellig sind, sei das nötig, sagt er.

Und vielleicht erkundet er ja dann tatsächlich eines Tages die Oberfläche ferner Planeten. Passen würde es, denn Singers Leidenschaft für sein späteres Studium der Luft- und Raumfahrttechnik begann einst mit den Filmen von Star Wars.

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