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"Sie haben die Pensionierungswelle verschlafen"
20.11.2019 - 06:20 Uhr
Elchesheim-Illingen - "Wer nichts im Boden hat, muss es in der Birne haben." Kultusministerin Susanne Eisenmann (54) bringt es schwäbisch-knapp auf den Punkt, worauf es ihrer Meinung nach immer noch ankommt in der Schulpolitik. Und die rund 130 Besucher, die an der CDU-Veranstaltung "Bilddungspolitik aktuell" im Bürgerhaus Alte Kirche in Elchesheim-Illingen teilnahmen, dankten es der Spitzenkandidatin der CDU für die Landtagswahl 2021 immer wieder mit Zwischenapplaus. Vor dem Besuch in Elchesheim-Illingen, der die Ministerin auch in die Rheinwaldschule geführt hat, stand Eisenmann BT-Redakteur Dieter Giese Rede und Antwort.





Interview

BT: Frau Eisenmann, anders als der Bundeshaushalt ist der Etat der Länder eher "bildungslastig". Jeder vierte Euro, den das Land Baden-Württemberg investiert, kommt aus dem Kultusetat. Ist das Geld gut angelegt?

Susanne Eisenmann: Der Haushalt des Kultusministeriums wird 2020 rund 13 Milliarden umfassen. Das ist viel Geld, das aber ohne Zweifel gut angelegt ist. Denn jede Aufwendung für unsere Kinder ist eine Zukunftsinvestition - in Fachkräfte der Zukunft, in diejenigen, die soziale und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

BT: Dennoch scheint das Geld nicht ganz auszureichen. Sie planen rund 1000 neue, sprich: zusätzliche Stellen für Lehrkräfte. Ganz aktuell droht ihnen dennoch eine Klage von Elternbeiräten, weil zu viele Stunden an Gymnasien ausfallen. Wie stellen sich die Probleme aus ihrer Sicht dar?

Eisenmann: Die Stellen wurden beantragt und sie werden auch kommen. Dabei geht es um den weiteren Ausbau von Informatik, von Ethik und um zusätzliche Vertretungsreserven - um nur einige Beispiele zu nennen. Das ist wichtig, weil wir da Nachholbedarf haben. Wir haben momentan zu wenige Lehrerinnen und Lehrer, weil man die Ausbildungskapazitäten in der letzten Legislaturperiode nicht erhöht hat. Deshalb haben wir aktuell nicht zu wenige Stellen, sondern zu wenige Lehrer, also ein Fachkräfteproblem. Vor allem in Grundschulen, aber auch in den weiterführenden Schulen. Dort speziell in den Naturwissenschaften. Wir fahren Werbemaßnahmen und wir haben in mehreren Schritten die Ausbildungskapazitäten erhöht, sodass wir künftig wieder mehr Lehrer auf dem Markt haben werden. Mit Blick auf die anstehende Klage: Klar ist, wenn wir die Lehrer hätten, dann würden wir sie auch einstellen. Das ist nicht zufriedenstellend.

BT: Das Problem, diese Probleme gibt es ja bundesweit. Wer muss sich denn den Schuh anziehen?

Eisenmann: Dass wir im Zeitraum 2017 bis 2020 so wenige Lehrer haben, liegt daran, dass wir derzeit eine unglaubliche Pensionierungswelle erleben.

BT: Das wusste man doch vorher?

Eisenmann: Genau, Man hätte gegensteuern müssen, aber das hat man versäumt. Das ist ein Planungsfehler aus der vergangenen Legislaturperiode, der diesen Mangel ausgelöst hat. Den haben wir nun behoben, aber es dauert eben seine Zeit, bis die Lehrer ausgebildet sind.

BT: Politische Planungsfehler oder statistische Fehler?

Eisenmann: Eindeutig politische. Es ist doch relativ einfach: Wir haben rund 120 000 Lehrerinnen und Lehrer im Land, wenn man sich das Personaltableau anschaut, hätte man feststellen können, dass in den Jahren 2017 bis 2020 überproportional viele Lehrer in den Ruhestand gehen. Darauf hätte man reagieren müssen.

BT: Dass so viele Lehrerinnen schwanger werden, hätte man demnach auch wissen können?

Eisenmann: Der Hauptauslöser der Probleme ist die Pensionierungswelle. In normalen Jahren müssen vier von zehn Stellen neu besetzt werden, weil Lehrer in den Ruhestand gehen. In den Jahren 2017 bis 2020 liegt diese Quote bei mehr als 80 Prozent und damit doppelt so hoch. Darauf zu reagieren, hat man leider verschlafen - in ganz Deutschland, aber eben in Baden-Württemberg auch. Deshalb verstehe ich den Ärger von Eltern und Schulleitern.

BT: Stichwort Grundschulempfehlung. Sie haben sich kürzlich weit aus dem Fenster gelehnt - und fordern wieder mehr Verbindlichkeit für die Aussagen der Grundschulen. Was treibt Sie dabei an und glauben Sie, dass diese Idee mehrheitsfähig ist?

Eisenmann: Das ist sicherlich kein Thema für die aktuelle Legislaturperiode. Dafür muss man auch unter anderem das Schulgesetz ändern. Wir beobachten aber seit längerer Zeit, dass, seit die Grundschulempfehlung nicht mehr verbindlich ist - seit 2012 -, viele Eltern ihre Kinder aufs Gymnasium schicken und dann feststellen, dass es nicht die richtige Schulart für das Kind ist. Und deshalb stellt sich die Frage, ob die Grundschulempfehlung nicht überarbeitet werden muss. Ich halte die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung für einen Fehler. Ich glaube, man muss sie weiter entwickeln. Wir müssen nicht zurück auf das, was früher war. Wir brauchen eine Mischung aus drei Faktoren: Erstens Fakten durch Lernstandserhebungen, um zu sehen, wo die Schüler stehen. Außerdem brauchen wir die Einschätzung der Eltern. Ohne sie geht es nicht. Wir brauchen aber auch die Erfahrung der Grundschullehrer, die das Kind über vier Jahre begleiten und eine hohe Kompetenz haben. Aus diesen drei Teilen muss es dann wieder eine verbindliche Einschätzung geben. Daran arbeiten wir, aber das ist nichts, was schon heute oder morgen vorgelegt wird.

BT: Apropos weiterführende Schulen: Viele sehen G8 weiterhin kritisch, und G9 scheint wesentlicher beliebter als die Schnellbleiche G8. Beugt sich das Land der Abstimmung mit den Füßen?

Eisenmann: Momentan steht hier keine Veränderung an. Wir haben uns darauf verständigt, dass der Status zunächst einmal so bleibt und wir die 43 bestehenden G9-Modellstandorte fortführen. Wir werden uns aber natürlich anschauen, wie es in Bayern oder anderen Bundesländern läuft, die zum G9 zurückkehren.

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